ARBON: Pläne gegen die Verslumung

Von der Entwicklung in Arbon nicht viel mitbekommen hat der Heinehof. Während nebenan im Saurer Werk Zwei moderne Wohnbauten entstehen, droht ihm die Verslumung. Doch jetzt soll etwas gehen: Es gibt ein Sanierungsprojekt.

Max Eichenberger
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Wäsche flattert im Innenhof der heruntergekommenen Siedlung. (Bild: Max Eichenberger)

Wäsche flattert im Innenhof der heruntergekommenen Siedlung. (Bild: Max Eichenberger)

ARBON. Die dreizehn Häuser hat Stickereibaron Arnold Baruch Heine nach der vorletzten Jahrhundertwende für seine Arbeiter gebaut. Sie schliefen schichtweise darin, wenn sie nicht in den Fabriksälen an den Maschinen sassen. Die Siedlung auf einem dreieckigen, 4200 Quadratmeter grossen Areal ist begrenzt durch die Landquartstrasse und das frühere Fabrikimperium. Während der Heinehof schleichend verslumt, schiessen dort, nebenan im Saurer Werk Zwei, moderne Wohnbauten aus dem Boden.

Wohnen auf engstem Raum

Im Innenhof flattern bunte Textilien an den zwischen Stangen gespannten Wäscheleinen. Im kaputten Topf lahmen Pflanzen. Später sind im Hof Garagen hingebaut worden, als sich die Mieter Autos leisten konnten.

Das war in den Sechzigerjahren, als längst nicht mehr Stickereiarbeiter die fünfzig Wohnungen mehrfach belegten. 3000 Männer, Frauen und Kinder hatte Heine in der Blütezeit beschäftigt. Als die Weltwirtschaft trudelte, war der Boom jäh zu Ende. So rasch der Betrieb wuchs, so schnell fiel er zusammen.

Jagd über den Ozean

Den Schulden und der Verantwortung wollte sich Heine durch Flucht entziehen. Er schiffte sich nach New York ein. Beamte der Gläubigerbank jagten ihn, wollten mit der «Titanic» schneller in N. Y. sein und Heine, der mit dem langsameren Dampfer «Carpatia» dorthin unterwegs war, schnappen. Die Banker waren unter der Gruppe Überlebender, die von der «Carpatia» aufgefischt wurden.

Der Heinehof bleibt eine Arbeitersiedlung. Familien, die aufs Portemonnaie schauen müssen, leben jahrzehntelang hier. In den Hochkonjunktur der Sechzigerjahre werden wieder «Gastarbeiter» ins Land und an die Werkbänke bei Saurer geholt. Die Familie Buff, die bald fast nur noch Ausländer als Nachbarn hat, zahlt 120 Franken Zins für eine schlichte Wohnung ohne Bad, das WC im Treppenhaus. Lange ist nichts gemacht worden.

Stadt lässt Siedlung verlottern

Zeitsprung. Unkraut spriesst zwischen den Bodenplatten hervor. Eine Puppe liegt im wuchernden Gras, das wieder einmal gemäht werden sollte. Matschige Pfirsiche verfaulen an der Sonne. Um den alten Zaun, nicht ohne Charme, ranken sich Heckenrosen. Holzlamellen der Fensterläden hängen schräg. Abfall in einem halboffenen Sack auf einem Plastikstuhl hinter einem Haus modert vor sich hin. Es riecht entsprechend.

«Eine Sanierung wäre nicht wirtschaftlich. Es wäre schade, da noch viel zu investieren.» So hat alt Gemeindeammann Josef Staub eine Studie zitiert, die 1976 eingeholt worden war. Die Ortsgemeinde war Mitaktionärin des Akienbauvereins, des damaligen Eigentümers der Siedlung. Man liess diese verlottern.

Die Standstrasse-Häuser, aus der gleichen Zeit stammend und im selben sanierungsbedürftigen Zustand, werden 1978 nach heftigen Protesten abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht. Neuer Wohnraum ist entstanden – günstige Wohnungen sind verschwunden. Schon zuvor sind die Staudershäuser zwischen Frohsinn-Wiese und See plattgemacht worden. Auch über dem Heinehof kreist der Abbruchgeier. Das Schicksal der Standstrasse-Siedlung bleibt ihm aber erspart. Rosina Buff bleibt Turmkönigin; sie hat, daher der Beiname, das Haus mit dem Türmchen bewohnt. En bloc veräussert der Aktienbauverein 1986 den Heinehof.

Und wieder bröckelt der Verputz

Der neue Eigentümer (Pius Diethelm) macht eine Sanierung auf die einfache Art – ein Haus ums andere. Mit beschränkter Nachhaltigkeit. Die Mieten sind immer noch ziemlich günstig, die Mieter immer noch meist Ausländer. Am Charakter ändert sich nicht viel.

Aber bald schon beginnt der schnelle Verputz zu bröckeln, auf der Wetterseite, bei der frequentierten Landquartstrasse, flächig. Kein schöner Anblick. Längst hat der Besitzer wieder gewechselt. Zwischenzeitlich gehört der Heinehof einem Anlagefonds der Credit Suisse. Der lässt – vor vier Jahren – Sanierungspläne ausarbeiten. Es passiert aber nichts.

Hoffnung: Ein Gestaltungsplan

2013 geht der Heinehof ins Portfolio der AG für städtisches Wohnen, St. Gallen, über. Deren Angestellter und Architekt Marc Maurer sagt, es bestünden konkrete Sanierungs- und Umbaupläne. Der Gestaltungsplan sei soweit aufbereitet, dass er bald zur Vorprüfung dem Kanton eingereicht werden könne. «Wir wollen den Bestand erhalten und sehen zwischen den Häusern kleine Erweiterungen vor, um zeitgemässe Grundrisse zu bekommen.» Es seien «vermietbare Komplettwohnungen» vorgesehen – mit immer noch einfacher, aber zeitgemässer Ausstattung.

Die Stadt Arbon hat zwar den Heinehof als Ensemble 2015 in den überarbeiteten Objektschutzplan aufgenommen. Dies, weil er für die Arboner Industrie- und Wohnbaugeschichte steht. Maurer sieht darin kein Handicap für die Pläne der Eigentümerin. Mit der Denkmalpflege habe man sich nämlich gefunden.

Klar scheint: Bieten das Amt, Kanton und Stadt nicht Hand zu einer vernünftigen Aufwertung, droht der Heinehof definitiv zu verslumen. Im Interesse der Stadt wie auch der Anwohner wäre dies jedenfalls nicht.

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