ARBON: Ort handfester Regionalpolitik

Adlige Leinwandhändler, Politiker und Pfarrer hatten das Rothe Haus bewohnt. Um den spätbarocken Bau ist ein Stück Stadtgeschichte geschrieben worden. Lokalhistoriker Hans Geisser hat einige Kapitel geöffnet.

Hedy Züger
Drucken
Teilen
Das «Rothe Haus» erlebte den Franzosensturm. Längere Zeit war es Pfarrhaus. Im Hintergrund die katholische Martinskirche. (Bild: Max Eichenberger)

Das «Rothe Haus» erlebte den Franzosensturm. Längere Zeit war es Pfarrhaus. Im Hintergrund die katholische Martinskirche. (Bild: Max Eichenberger)

Hedy Züger

arbon@thurgauerzeitung.ch

«Das Rothe Haus in der Vorstadt», gegenüber der Martinskirche, wird in alten Ratsprotokollen erwähnt. Als der Leinwandhändler Jakob Furthenbach II. es 1750 übernahm und aufstockte, bestätigte er dem Bischof von Konstanz, der die Baubewilligung erteilt hatte, «dass nie ein Wirtshaus und nichts, was den Gottesdienst stört, daraus gemacht wird».

Hans Geisser erforschte die 270-jährige Geschichte eines der schönsten Wohnhäuser der Stadt. Und berichtete im Pfarreizentrum darüber. Bereits 1756 ging das Anwesen an Johann Melchior Mayr über. Die Jahrzahl 1783 im Balkongitter deutet an, dass das Haus damals ausgebaut und rot bemalt wurde. 1798 wurde der Thurgau frei und das Ro­the Haus war «Schauplatz handfester Regionalpolitik». Eine Arboner Delegation mit Stadtrat Johann Georg Mayr erwirkte am Bischofssitz in Meersburg das Ende der bischöflichen Herrschaft. In den Napoleonischen Kriegen wurde auch die Schweiz zum Kriegsschauplatz.

Stadtammann entrann nur knapp dem Ersäuftwerden

Johann Heinrich Mayr in der Bleiche schreibt in seinen Lebenserinnerungen: «Die wütende Meute stürzte im Rothen Haus die Treppen hinauf, schleppte Johann Georg Mayr an den Haaren hinunter und schlug ihn blutig. Stadtammann Schlappritz entrann nur knapp dem Ersäuftwerden.» Die französische Besatzung dauerte vier Jahre. 1835 kaufte Franz Xaver Stoffel die Liegenschaft. Er besass auch das Schloss, wo er die erste Fabrik, eine Seidenbandweberei, einrichtete. Aus der Familie gingen bedeutende Politiker, Diplomaten und Industrielle hervor. Der Name Furthenbach verschwand aus den Einwohnerlisten. Nachkommen der Mayr, Schlappritzi und Stoffel gibt es heute noch. 1890 lebte der letzte Chorherr des ehemaligen Augustinerklosters Kreuzlingen, Pater Augustin Dinkel, im Rothen Haus. Auch der erste Italienerseelsorger, Don Cesare Tresoldi, kam dort unter.

Von da an war hier das Pfarrhaus. Vier Pfarrer bewohnten es: Georg Züllig, Leonz Wiprächtiger, Josef Hofmann und Josef Frei. Die Nachfolger Leo Rüedi und Beda Baumgartner zügelten bald in die Alte Apotheke an der Promenadenstrasse, die ebenfalls der Kirchgemeinde gehört. Dort wohnt auch der heutige Seelsorger, Pater Henryk Walczak. Georg Züllig beschrieb die Wallfahrten mit über 2000 Teilnehmern zum Kreuzaltar in der Martinskirche. Ihn beschäftigt auch die Archäologie. Er deutete den Turm als Teil der spätrömischen Festung, «siebzig Jahre vor dem wissenschaftlichen Beweis von 1957». Leonz Wiprächtiger unterstützte die Bedürftigen in den Notzeiten aus der eigenen Tasche. Als Pfarrer mit konservativer Grundhaltung zog 1935 Josef Hofmann im Haus ein. Die Arboner trugen ihm seine sture, konfessionell intolerante Haltung nach. Sein Verdienst war die mutige Innenrestaurierung der Kirche. Ein neuer Geist kam mit Pfarrer Josef Frei ins Rothe Haus, wo er 33 Jahre lang wohnte.