ARBON: «Meine Arbeit ist ein Privileg»

Ende Juni tritt Leo Gschwend als Leiter der Musikschule ab. Als Lehrer bleibt er ihr erhalten, ebenso dem Sinfonischen Orchester und den Arboner Sängern als Dirigent. Mit der «Zauberflöte» schliesst sich ein Kreis. Das Projekt markiert den Neustart im Presswerk.

Max Eichenberger
Drucken
Teilen
Leo Gschwend im Kulturzentrum Presswerk: Mozarts «Zauberflöte» wird das grosse Finale – und leitet eine neue Epoche ein. (Bild: Max Eichenberger)

Leo Gschwend im Kulturzentrum Presswerk: Mozarts «Zauberflöte» wird das grosse Finale – und leitet eine neue Epoche ein. (Bild: Max Eichenberger)

Max Eichenberger

max.eichenberger@thurgauerzeitung.ch

1986 war die Musikschule Arbon gegründet worden. Als Leiter haben Sie diese dreissig Jahre lang geprägt. Wie kamen Sie in diese Funktion?

Es war mein Glück, dass 1987 für die neue Musikschule ein Schulleiter gesucht wurde. Ich war zuvor acht Jahre hauptberuflich als Geiger im Sinfonieorchester St. Gallen engagiert. Die Musikschule zu übernehmen, hat mich gereizt, weil ich hier gestaltend wirken und führen kann. Das liegt mir, ebenso Verantwortung zu tragen. Gleichzeitig hatte ich die Gelegenheit, das Sinfonische Orchester zu übernehmen, damals den Orchesterverein.

In diesen dreissig Jahren haben Sie die Musikschule zu voller Blüte gebracht mit heute über tausend Schüle­rinnen und Schülern; haben viele Produktionen gemacht, dabei spartenübergreifend Brücken geschlagen und viel Potenzial geweckt. Mit der Aufführung von Mozarts «Zauberflöte» mit über 200 Mitwirkenden verabschieden Sie sich nun in die Pension. Warum die «Zauberflöte»?

Als Berufsgeiger hatte ich die «Zauberflöte» in zwei Produktionen siebzig Mal gespielt. Damit schliesst sich sozusagen der Kreis. Jede Nummer, jedes Stück ist genial, alle Szenen sind ein Meisterwerk. Die Oper bietet eine Menge an Kunst in zwei Stunden. Das ist Mozart und Ausdruck seiner Genialität.

Solche Produktionen sind aber immer auch eine grosse Herausforderung.

Das brauche ich, das liegt mir im Blut. Ich bin ein Macher und kann da nicht aus meiner Haut. Besonders und bereichernd sind die Verbindungen, die da entstehen: von Tanz, Gesang und Musik, von Profis und Laien, von jungen und älteren Mitwirkenden. So reicht das Altersspektrum der Akteure bei der «Zauberflöte»-Aufführung von vier Jahren (Ballett) bis 85 (Arboner Sänger). Diese Mischung ist etwas vom Schönsten. Und weil der Hauptharst aus der Region stammt, bringt diese Kultur auch der Stadt Arbon viel. Das ist wertvoll und identitätsstiftend.

Die Schlosshofkonzerte des Sinfonischen Orchesters, Musicals der Musikschule – «Tom Sawyer», «Oliver», «Annie» –, Gemeinschaftsproduktionen mit den Arboner Sängern. Eine Liste, die beliebig verlängert werden könnte. Und zum zum Abschluss Klassik ...

Ich war immer offen für alle Genres und dafür, Neuland auszuloten. Die «Zauberflöte» als Abschlussprojekt ist eine Rückkehr zu den Wurzeln: Im Kern bin ich eben doch ein Klassiker.

Was macht ein solches Gemeinschaftsprojekt noch aus?

Der Geist, der ihm innewohnt, die Energien, die es freisetzt, und die Wellen, die es auslöst. Mit gewissen Leuten habe ich mein Wunschthema vorbesprochen, ob das machbar sei. Das Echo war restlose Begeisterung. Und diese hat alle durchdrungen. Alle helfen auch mit in Chargen und Funktionen: beim täglichen Putzen hier auf der Presswerk-Baustelle, beim Aufbau der Infrastruktur. Das macht das Ganze auch so sympathisch. Alle legen Hand an, dass es klappt und das Projekt zum Erfolg wird. Die Begeisterung erfasst selbst die Handwerker, auf deren Wohlwollen wir bei den Proben angewiesen sind – den Gipser, der sonst mit Kultur nicht so viel am Hut hat. Er wird nun eine Aufführung besuchen.

Ist das Werk denn auch «machbar»?

Ja, wobei sich die Fassung etwas abhebt von der Originalaufführung, weil auch das Schülerorchester der Musikschule mitwirkt. Vroni Dünner, die Leiterin, hat alle Arrangements so geschrieben, dass es passt. Beim Sinfonischen Orchester haben wir ebenfalls Anpassungen vorgenommen. Beim Gesangs-Casting haben wir – dank des Netzwerks von Alexa Vogel – die für dieses Projekt geeigneten Leute bestimmt.

Die Oper wird – und das dürfte für die Beteiligten neu sein – szenisch gespielt.

Sowohl für das Orchester wie die Sänger ist das tatsächlich Neuland. Ausgestattet hat uns die Maskenwerkstatt Arbon. Ich war erstaunt, dass es das hier überhaupt gibt. Engagiert haben wir zudem eine Kostümbildnerin.

Alles in allem eine aufwendige Produktion. Gerade wird eine Tribüne für die Kulturhalle im Presswerk, die sechsmal bespielt wird, angeliefert. Wie hoch ist das Budget?

202000 Franken. Wenn wir ein solches Projekt lancieren, ist das am Anfang immer ein Risiko. Wir haben bei null angefangen. Dank Sponsoren, Stiftungen und Firmen, die uns wohlgesinnt sind, steht die Finanzierung. Rund die Hälfte werden wir über die Ticketeinnahmen einspielen.

Wie ist die Nachfrage nach Tickets für die Aufführungen?

3000 Besucher erwarten wir zu den sechs Aufführungen; damit wären wir ausverkauft. Der Vorverkauf ist sehr gut gelaufen. Nicht zuletzt deshalb, weil die «Zauberflöte» sehr beliebt ist. Aktuell gibt es noch 475 Billette.

Die Premiere (5. Juni) naht. Sie wirken sehr gelassen und aufgeräumt. Wirklich keine Spur von Nervosität?

Es kommt gut! Ich weiss: Es wird sehr schön. Ich habe so gute Leute um mich herum. Und grosses Vertrauen. Ich empfinde Vorfreude. Für alle wird das ein Schaufenster sein. Ich bin stolz, dass das in Arbon mit vielen Arbonern möglich wird.

Rechnen Sie auch mit Goodwill, dass die fehlenden 170000 Franken für den Ausbau des Presswerks für die Musikschule noch beigebracht werden können?

Das kann vielleicht helfen, ja.

Sie werden am 14. Juni 65 Jahre alt und am 31. Juli als Leiter der Musikschule pensioniert. Julia Kräuchi wird Ihre Nachfolgerin. Ein Wunschszenario?

Ich bin glücklich, dass Julia Kräuchi das macht. Der Abschluss im alten Musikzentrum wird zum zukunftsträchtigen Neustart im Presswerk, auch in personeller Hinsicht. Die Nachfolge ist schon länger vorbereitet. Julia Kräuchi, meine Stellvertreterin und erste Konzertmeisterin im Sinfonischen Orchester, hat eine ähnliche Leidenschaft und positiv denkende Art wie ich. Übrigens: Sie hat einst mit acht Jahren bei mir Geigenstunden genommen ...

Dem Sinfonischen Orchester und den Arboner Sängern bleiben Sie als Leiter erhalten, der Musikschule als Lehrperson (Geige, Bratsche). Also für Sie kein abrupter Bruch?

Die Musikschule Arbon leiten zu dürfen und Projekte zu kreieren, Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene zur Musik und zur Kultur hinzuführen, das war für mich ein Privileg. Nein, musikalisch wird es weitergehen. Wir sind schon in der Planung der Schlosshofkonzerte 2018 mit dem Thema «Moldau».