Arbon macht die Bühne frei

ARBON. Arbon hat im Sommer das Summerdays-Festival und das Open-Air-Kino am See. Dazu eine Kunsthalle und die Galerie Bleisch. Doch Auftrittsmöglichkeiten für Künstler sind in den letzten Jahren immer weniger geworden. Jetzt planen Private ein neues Kulturzentrum.

Markus Schoch
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Dr. Feelgood in der artEffekt-Halle: Für Konzerte dieser Art fehlt in Arbon heute ein geeigneter Saal. (Bild: Rudolf Steiner/Archivbild)

Dr. Feelgood in der artEffekt-Halle: Für Konzerte dieser Art fehlt in Arbon heute ein geeigneter Saal. (Bild: Rudolf Steiner/Archivbild)

Arbon macht schwierige Zeiten durch. Die Stadt hat bereits einen der höchsten Steuerfüsse im Kanton. Und trotzdem geht die Rechnung hinten und vorne nicht auf. Arm geworden ist Arbon auch in kultureller Hinsicht. Es ist nicht viel los. Das jedenfalls findet Tim Hasler vom Triebwerk. «Die Kulturlandschaft in Arbon ist ziemlich ausgetrocknet.»

Die Initianten der 2011 eröffneten Kunst- und Kulturbar in der ehemaligen Bruderer-Fabrik mit Platz für etwas über 200 Personen beweisen allerdings das Gegenteil. Sie sind mit ihrem Programm für ein eher junges Publikum ein belebendes Element im Arboner Kulturangebot. Hasler sagt selber. «Es läuft immer besser. Wir haben uns langsam etabliert.» Möglich sei das alles aber nur, weil die Miete tief sei und im Triebwerk-Team alle gratis arbeiten würden.

Patrick Wüst vom Arboner Grillentanz-Festival ist ihnen dankbar dafür. «Es läuft sonst einfach nichts für die Jungen in Arbon.» Sie hätten deshalb vor drei Jahren selber etwas organisiert – mit Erfolg. Der Grill- und Tanzanlass am See fand im Mai bereits zum dritten Mal statt und war mit 1500 Besuchern ausverkauft. Die Teilnehmer reisten teilweise aus Zürich, Basel und Bern an. Weil der Aufwand für einen Abend relativ gross ist, überlegen sich die Initianten jetzt sogar, das Festival grösser zu machen.

Seeparksaal nicht gefragt

Das Problem von Arbon: Es gibt keinen grossen Veranstaltungsraum. Zumindest keinen attraktiven, wie es scheint.

Im Seeparksaal mit Platz für maximal 1500 Personen traten zwar einst Stephan Eicher, Percy Sledge, Mori Kante, Chi Coltrane, oder Jörg Schneider auf – doch das ist sehr lange her. Heute machen die Theater- und Konzertagenturen einen weiten Bogen um die genau 30 Jahre alte Mehrzweckhalle. «Wir haben zwar eine moderne Tonanlage wie in einem Stadion. Doch es gibt keine Nachfrage mehr von Veranstaltern», sagt Saalwart Albert Maag. Und selbst wenn es die Nachfrage noch gäbe, wäre die Schwierigkeit, einen freien Termin zu finden, sagt Maag. «Wir sind praktisch immer ausgebucht, vor allem an den Wochenenden.» Den Saal belegen Hochzeitsgesellschaften, nationale Verbände oder die Zeugen Jehovas. Es bestehen teils langfristige Verträge bis 2020.

So soll sich das Kulturzentrum im ehemaligen Presswerk der Firma Saurer einst präsentieren. (Bild: pd)

So soll sich das Kulturzentrum im ehemaligen Presswerk der Firma Saurer einst präsentieren. (Bild: pd)

Das kurze Leben des «Xang»

Die Arboner kamen vor nicht allzu langer Zeit trotzdem in den Genuss von Rock, Pop und Kleinkunst. Dank der Kulturbar Xang beziehungsweise der angeschlossenen artEffekt-Halle mit Platz für 800 Personen. In der ehemaligen Beizerei der Firma Forster traten Züri West, Plüsch oder Massimo Rocchi auf. Die Industriehalle war auch Bühne für das Musical «Kaufhaus».

Doch die Lichter im «Xang» brannten nur etwa vier Jahre bis 2007, dann war schon wieder Schluss. Die AFG als Besitzerin der Liegenschaft verlängerte den Mietvertrag mit den Betreibern nicht, die gerne weitergemacht hätten.

Doch die Eigentümerin hatte andere Pläne: Die ehemaligen Werkhallen sollten einer Wohnüberbauung weichen. Es gab verschiedene Projekte – keines ist bis heute realisiert worden.

Kulturverein macht Pause

Immerhin blieb der Verein «Kultur läbt» mit zuletzt 150 Mitgliedern, der Kleinkünstler wie Gardi Hutter, David Bröckelmann oder Andreas Thiel nach Arbon holte. 2013 fiel aber auch bei ihm der letzte Vorhang. «Die Luft ist nach zehn Jahren draussen», begründeten die Verantwortlichen ihren Entscheid.

Zu tun hatte er aber auch mit Veränderungen im ehemaligen Saurer-Werk im Städtli, wo «Kultur läbt» zuletzt sein Programm auf die Bühne brachte und von günstigen Mietkonditionen profitierte. Ob die Lokalität im sogenannten ZIK zu gleichen Bedingungen weiter zur Verfügung steht, war seinerzeit unsicher, da die Besitzer der Liegenschaft den betreffenden Trakt sanieren wollten. Die fehlende Perspektive erleichterte dem Vorstand den Entscheid aufzuhören. Oder zumindest eine Pause zu machen. Denn der Verein «Kultur läbt» existiert nach wie vor, ist aber inaktiv. Ob er je wieder zum Leben erweckt wird, steht in den Sternen. «Das steht im Moment nicht zur Diskussion», sagt die frühere Präsidentin Helene Bodenmann.

Im ZIK entstehen Wohnungen

Die Auftrittsmöglichkeit im ZIK nutzten auch die vier Freunde von «phonomène», die sich aber bereits 2010 nach fast sieben Jahren und rund 30 Veranstaltungen vom Arboner Publikum verabschiedeten. Sie buchten unter anderem Gabriel Vetter, Bligg oder die «Willkommen Österreich»-Moderatoren Stermann & Grissemann. «Vielleicht finden sich ja ein paar unerschrockene Geister, die das Angefangene fortsetzen», meinten die Kulturveranstalter zum Schluss. «Die Infrastruktur im Arboner ZIK steht bereit – es mit (noch mehr) Leben zu füllen, tut umso mehr Not, je mehr Arboner Kulturschaffenden an anderer Stelle das Licht ausgeknipst wird», schrieben sie zum Abschied auf der Homepage.

Ein frommer Wunsch: Der Saal im ZIK steht der Kultur nicht mehr zur Verfügung. Die Halle, wo Käufer von Stickmaschinen der Firma Saurer einst Bedienungsinstruktionen erhielten, wird zu Loftwohnungen umgebaut. Sie weiter als Kulturraum zu nutzen, wäre nicht zuletzt wegen der Brandschutzvorschriften heikel, sagt Konradin Fischer vom ZIK-Verwaltungsrat.

«Cuphub» ist Geschichte

Seit einem halben Jahr Geschichte sind auch die Konzerte im kleinen Rahmen, zu denen Lidia und Beni Gerster zuerst in ihr Kulturlokal Cuphub im ehemaligen Saurer Werk Eins und später ins ehemalige Hotel Altstadt einluden, das sie 2011 übernahmen und heute Bedhub nennen. «Wir wollen uns auf das Hotel konzentrieren», sagt Lidia Gerster. Am fehlenden Interesse seitens der Künstler beziehungsweise des Publikums habe es nicht gelegen, dass sie aufgehört hätten.

Regelmässige Konzerte gibt es jetzt praktisch nur noch im Kultur Cinema, wo der gleichnamige Verein seit über zehn Jahren in den Räumen einer ehemaligen Druckerei auch Filme zeigt und zu Gesprächen mit Persönlichkeiten einlädt. Im Winter bietet ausserdem die Wunderbar Künstlern eine Plattform.

Wellenbewegungen sind normal

Für Stadtpräsident Andreas Balg besteht mit Blick auf die Entwicklung in der jüngsten Vergangenheit kein Grund zur Beunruhigung. Im Kulturbereich seien Wellenbewegungen normal: Die einen würden aufhören und Platz machen für andere, die etwas Neues anfangen. Das Triebwerk sei das beste Beispiel, aber längst nicht das einzige. Andere seien die sonntäglichen Jazzkonzerte im Pavillon am See, das Klangskulpturenfestival Arbonale oder eben das Grillentanz-Festival. Abgesehen davon gebe es in Arbon das Summerdays-Festival, das Open-Air-Kino, die Kunsthalle und die Galerie Bleisch. «Wer hat das schon?», fragt Balg. Und das sei längst nicht alles.

Die Aussagen von Hasler und Wüst kann er darum nicht nachvollziehen. «Arbon hat ein reiches kulturelles Leben», widerspricht Balg den beiden jugendlichen Kulturveranstaltern.

Unterstützung erhält Balg von Helene Bodenmann vom Verein «Kultur läbt». «Es läuft in Arbon sehr viel, eher fast zu viel.» «Ganz, ganz schade» sei einzig, dass die Stadt keinen Kulturbeauftragten habe wie beispielsweise Amriswil. «Das fehlt bei uns.» Dafür gebe es immer wieder Personen, die im kulturellen Bereich etwas bewegen wollten.

Kulturzentrum an bester Lage

Einer von ihnen ist Rolf Staedler, der mit anderen zusammen 2003 die Kulturbar «Xang» eröffnete und jetzt wieder grosse Pläne hat. Der Partner und CEO der Awit Consulting AG präsidiert eine Aktiengesellschaft, die in Arbon ein Kulturzentrum gründen und betreiben will. Entstehen soll es an bester Lage gegenüber dem Bahnhof in unmittelbarer Nähe der neuen Kantonsstrasse und des geplanten Hotels im Saurer WerkZwei im ehemaligen Presswerk. Dort, wo auch das Saurer Museum sein neues Schaulager errichten will.

Im über 100 Jahre alten Gebäude soll nicht nur die Musikschule eine neue Bleibe finden, die am heutigen Ort keine Zukunft hat. Das kulturelle Leben in seiner ganzen Breite soll sich im ehemaligen Industriegebäude abspielen. Teil des Kulturzentrums ist gemäss Plänen nebst einem Restaurant mit auserlesener Küche eine Halle mit Platz für 500 Personen, die zu einer «exzellenten Adresse für Kunst und Kultur» werden soll, wie es in einer Werbebroschüre heisst. Es biete sich der Stadt eine einmalige Chance, die ergriffen werden müsse, begründet Staedler sein Engagement.

Eine Perle

Das Konzept könne funktionieren, ist Cyrill Stadler überzeugt. Er sitzt mit Staedler im Verwaltungsrat und bringt als oberster Verantwortlicher des Summerdays-Festivals einschlägige Erfahrungen im Eventmanagement mit. Das geplante Kulturzentrum sei eine Perle, weil es urbanes Leben mit der industriellen Geschichte verbinde, sagt Stadler. «So etwas findet man nicht an vielen Orten.» Auch die Verkehrslage sei ideal.

Zuerst muss jetzt die Finanzierung gesichert werden. Für Kauf, Ausbau und Inventar benötigt die Aktiengesellschaft 5,9 Millionen Franken. In einem ersten Schritt sollen für 1,5 Millionen Franken Aktien gezeichnet werden. 1,6 Millionen Franken wollen die Verantwortlichen bei Stiftungen beziehungsweise über Schenkungen beschaffen.

Sie würden von möglichen Geldgebern unterschiedliche Signale erhalten, sagt Verwaltungsratspräsident Staedler. «<Ich glaube aber daran, dass wir es schaffen.» Und er sei auch sicher, dass die Bevölkerung die Angebote nutzen werde, wenn der Betrieb im Kulturzentrum dereinst laufe. Ähnlich optimistisch ist Tim Hasler vom Triebwerk. «Das Presswerk hat viel Potenzial. Es ist einzigartig.»

Und es könnte noch viel besser für Arbon kommen, wenn die HRS ihr Projekt mit den beiden Wohntürmen auf dem «Metropol»-Gelände realisieren sollte, sagt Stadtpräsident Balg. Geplant sei im sogenannten «Riva» auch ein grosser Saal für 250 bis 400 Personen und «ein super Restaurant». Arbon hätte dann wieder sein Hotel Baer au Lac – jahrzehntelang erste Adresse in der Stadt, wo sogar Bundesräte und Adlige verkehrten.

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