ARBON: In der Zange

Noch steht das letzte der alten Chalethäuschen – mitten in der sich rasant verändernden «Neuen Stadtmitte». Ein bisschen aus der Zeit gefallen, umzingelt von neuen Bauten und Anlagen wie dem Bushof, steht es einem weiteren Überbauungsprojekt im Weg.

Max Eichenberger
Drucken
Teilen
Ruth Meister und Franz Breitenmoser vor ihrem Chalethäuschen, dessen Tage gezählt sind; links die Tiefgarage-Einfahrt. (Bild: Max Eichenberger)

Ruth Meister und Franz Breitenmoser vor ihrem Chalethäuschen, dessen Tage gezählt sind; links die Tiefgarage-Einfahrt. (Bild: Max Eichenberger)

Max Eichenberger

max.eichenberger

@thurgauerzeitung.ch

Zwei der charakteristischen Chalethäuser, die zwischen 1887 und 1890 als Leichtkonstruktionen am Rande des damaligen Sumpfgebietes gebaut wurden, sind schon verkauft und abgebrochen worden. Die Häuserreihe stand bereits, bevor der Textilbaron Arnold Baruch Heine und danach Saurer auf dem später befestigten Schwemmland Fabriken erstellten. Daneben betrieb Saurer ein Mädchenheim.

Das Haus Chaletstrasse 7 bewohnen Franz Breitenmoser und Ruth Meister. Noch für wenige Wochen. Dann wird die Abrissbirne auch ihr kleines Eigenheim platt machen. Emotional tun sie sich schwer, loszulassen. Das sei ein Prozess – wie sich auch die Veränderung nicht von heute auf morgen angekündigt habe. «Wir haben ja gewusst, dass da einmal etwas passieren wird», sagt der bald 73-jährige Franz Breitenmoser über den Lauf der Dinge. «An sich ist es ja eine sinnvolle Sache. Es bringt auch nicht viel, wenn man sich dem Fortschritt entgegenstellt und sich wehrt.»

Zeit, sich den Realitäten zu stellen, haben sie aber schon gebraucht. Und jetzt, da alles klar ist, dass sie Ende August, Anfang September ausziehen, ist ihnen trotzdem wehmütig ums Herz. Die beiden Pensionäre richten den Blick aber auch nach vorn. Und freuen sich auf ihre neue Mietwohnung, die sie dann beziehen werden. Nicht einmal 200 Meter von ihrer jetzigen Wohnstatt entfernt, in einer HRS-Wohnsiedlung direkt am Park im Saurer WerkZwei.

«Eigentlich kommt alles früher als geplant»

«Es ist unsere Wunschwohnung; Waschmaschine und Tumbler, alles ist drin», sagt Ruth Meister (76). «Und wir haben Sonne vom Morgen bis am Abend», fügt ihr Lebenspartner an. Eigentlich komme halt alles einfach früher, als sie sich das vorgestellt hatten – umständehalber: «Unser Ziel war, im Haus zu bleiben, so lange das selbstständig möglich ist. Darum haben wir es uns auch so schön eingerichtet hier.»

1997 hatte Franz Breitenmoser, der schon seit längerem auf der Suche nach etwas Eigenem war, das Chalethäuschen gekauft. «Es hatte Wasserschaden und war praktisch nicht mehr bewohnbar.» Zusammen mit seinem Sohn Urs hatte er es komplett ausgehöhlt und den Innenausbau mit Handwerkern und Eigenleistungen neu gemacht.

Die grosse wilde Wiese, das dichte Grün, der Gemüse- und Kräutergarten, die Beerensträucher vor dem Haus, wo man gemütlich sitzen konnte und seine Ruhe hatte: das wird Franz Breitenmoser und Ruth Meister schon fehlen. Und damit ein Stück Lebensqualität, die sie zu schätzen wussten. Doch schon jetzt ist diese Oase, die sich bis zum Schopf vor dem Hamel erstreckte, arg beschnitten worden. Wenige Meter vor dem Haus ist die Einfahrt zur Hamel-Tiefgarage erstellt worden, davor eine Betonmauer und – als Sichtschutz – eine Holzpalisade. Und zum Bushof dahinter, vor dem neuen Hamel-Markt, pendeln Postautos und AOT-Busse.

Das Chalethaus wird in die Zange genommen: HRS bebaut von Süden her die Neue Stadtmitte. Von der St. Gallerstrasse ist es die Voegele Immobilien AG, die das Areal bis Bushof/Tiefgarage und Klarastrasse arrondiert und überbaut. «Als Voegele das Oscar-Weber-Gebäude erworben hatte, da ahnten wir, was auf uns zukommen wird», sagt Franz Breitenmoser. «Und dass die Zuger Investoren auch den Klarahof und uns einbeziehen werden.» So hatten die Chalethausbesitzer zumindest einen Vorlauf, sich mit ihrer Zukunft zu befassen.

Schon der sechste Wohnort, den es bald nicht mehr gibt

Es kam dann zuerst ein Brief, später Paul Voegele, der Chef, vorbei mit einem Angebot. Mit ihm habe er, so Breitenmoser, persönlich verhandelt. Der Preis sei fair gewesen. «So haben wir das Haus dann verkauft – gegen die Zusicherung, dass wir darin wohnen bleiben können, bis wir eine passende Wohnung gefunden haben. Oder spätestens, bis der Start der Überbauung erfolgt.»

Der Studienauftrag für die Entwicklung des 10000 Quadratmeter grossen Areals ist inzwischen abgeschlossen. Das Siegerprojekt – wie auch die übrigen Vorschläge – werden Ende August öffentlich ausgestellt. Es dient als Grundlage des Gestaltungsplanes, den man jetzt angeht, und schliesslich des 60 bis 70 Millionen teuren Bauprojektes.

Die Chaletstrasse 7 ist die fünfte Wohnadresse von Franz Breitenmoser, die es bald nicht mehr gibt: «Schon in Marbach, an zwei Orten in Berneck und in Altnau war ich in Liegenschaften zu Hause, die nicht mehr stehen und die wegen Neuüberbauungen abgebrochen wurden.» Das weckt Erinnerungen an die Bildermappen von Jörg Müller aus den Siebzigerjahren: «Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran – und ewig droht der Baggerzahn».