ARBON: Herzensangelegenheit und Privileg

Seit einem halben Jahr leitet Julia Kräuchi die Musikschule Arbon. Sie ist als designierte Nachfolgerin von Leo Gschwend in grosse Fussstapfen getreten. Der Übergang ging nahtlos vonstatten. Die 33-Jährige ist seit ihrer Kindheit mit der Musikschule eng verbunden.

Max Eichenberger
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«Ich lebe mit und für die Musik»: Musikschulleiterin Julia Kräuchi im Dietschweiler-Saal. (Bild: Max Eichenberger)

«Ich lebe mit und für die Musik»: Musikschulleiterin Julia Kräuchi im Dietschweiler-Saal. (Bild: Max Eichenberger)

Max Eichenberger

max.eichenberger@thurgauerzeitung.ch

Wie kamen Sie in Berührung mit der Musik? Ist sie Ihnen in die Wiege gelegt worden?

Im Elternhaus in Berg/SG bin ich tatsächlich mit der Musik aufgewachsen. Mein Vater ist Musiker. Auch heute noch, da er im Pensionsalter steht, ist er als Jazzpianist immer noch aktiv. Er wirkte auch als Lehrer an der Musikschule. Im Musikkeller bei uns daheim stand ein Klavier. Dort habe ich jeden Tag geübt und Klavierstunden beim Vater genommen. Bei seinen Proben war ich meistens dabei. Meine Mutter war als Primarlehrerin tätig.

War also eine musikalische Laufbahn mit pädagogischem Einschlag vorgeprägt?

Der Wunsch war in mir früh angelegt, Berufsmusikerin zu werden, im Kindesalter schon. Ich war beseelt davon. Ich übte und übte, immer ganz freiwillig. Ein Konzert des Jugendorchesters der Musikschule war für mich ein Schlüsselerlebnis. Ein Mädchen spielte Geige. Ich war völlig fasziniert. Da war für mich klar: Ich wollte Geigerin werden.

Ein Ziel, das sie als Siebenjährige glasklar vor Augen und dann eisern verfolgt hatten. Sie machten später an der Zürcher Hochschule für Künste den Abschluss als Berufsmusikerin. Schon am Anfang kreuzten sich die Wege mit Leo Gschwend.

Ja, und es begann dort, wo ich jetzt tätig sein darf als Leiterin: an der Musikschule Arbon. 1991 nahm ich bei Leo Gschwend die ersten Geigenstunden. Bis ich siebzehn war und danach die Matura machte. Ich hatte das Glück, dass er nicht nur forderte, sondern dass ich in ihm auch einen Förderer hatte, der fähig ist, eine Berufslaufbahn vorzubereiten. Darin investierte ich sehr viel Zeit. Ich empfand es immer als «Dürfen». Es war eine prägende Zeit.

Aber der Weg zur Berufsmusikerin war kein Zucker­schlecken.

Das Studium war lang und intensiv. Es erforderte viel Disziplin und einen starken Willen –vergleichbar vielleicht mit einem Sportler, der Erfolg haben will. Die Konkurrenz ist gross. Es wollen viele dieses Ziel erreichen.

Der Bezug zur Musikschule war dann auch während der Studienzeit ungebrochen.

Ja, es ist eine emotionale Verbundenheit. Ich spielte ohne Unterbruch im Sinfonischen Orchester Arbon weiter mit und habe nach dem Übertritt an die Zürcher Hochschule für Künste auch während der fünfjährigen intensiven Studienzeit weiter Geigenstunden gegeben. Darum ist für mich der Job, den ich jetzt ausüben darf, so wichtig. Es ist eine Herzensangelegenheit und ein Privileg zugleich. Ich lebe hier mit und für die Musik.

Sie blieben der Musikschule immer treu, kamen aber doch über Umwege zurück in diese leitende Funktion.

Ich machte noch den Master in Musikmanagement. Integriert ist darin der eidgenössische Musikschulleiter. Ich habe während des Studiums gemerkt, dass mich das Organisatorische und das Gestalterische reizt. Die Möglichkeit, zum Musikalischen und Pädagogischen hin Projekte zu lancieren, empfinde ich als grosse Chance und Privileg. Da finde ich mich auf einer Linie mit meinem Vorgänger. Zwischenzeitlich hatte ich in der Geschäftsleitung eines Orchesters gearbeitet.

Und über die Zwischenstation als Musikschulleiterin in Romanshorn traten Sie dann in die Fussstapfen von Leo Gschwend, als dieser im Sommer 2017 pensioniert wurde. Eine vorgezeichnete Lösung also?

Sozusagen. Ich war ja auch nie ganz weg, und seit längerem, –parallel zu meiner Tätigkeit in Romanshorn war das möglich– Stellvertreterin von Leo Gschwend. Das Schicksal hat es so gefügt.

Was bedeutet Ihnen die Musik?

Viel. Sie ist ein wichtiger Lebensinhalt. Und die emotionalste aller Künste. Sie spricht als Ausdrucksform alle Sinne an. Sie berührt, strahlt aus, ist gemeinschaftsbildend, und wenn man zusammen spielt, entsteht ein super Groove. Musik ist ein Lebensbegleiter und vermag auch in mal schwierigeren Zeiten Halt zu geben.

Sie betonen die Gemeinschaft. Und Ihnen ist auch die Projektarbeit, die spartenübergreifende Zusammenarbeit, wichtig.

Der Fächer der Musikschule reicht vom Einzel-Instrumentalunterricht über Konzertaktivitäten, wo sich die Schüler und die Musikschule präsentieren können, bis zu grösseren Projekten, wo wir uns öffnen und mit anderen kulturell Tätigen zusammenarbeiten. Das sind bereichernde und spannende Erfahrungen. Auf ein Ziel gemeinsam hinzuarbeiten, motiviert immer speziell. Das Einweihungsfest im Presswerk war dafür ein Beispiel.

Werden diese Projekte auch gemeinsam entwickelt? Wie geht das vor sich?

Wir sind ein sehr gutes Team. Es macht Freude, etwas miteinander zu entwickeln. Ich fühle mich sehr unterstützt von den Kolleginnen und Kollegen. Alle ziehen mit. Und aus diesem Kreis kommen denn auch immer wieder gute Ideen. Das ist inspirierend. Wir haben im Presswerk Untermieter wie das Sinfonische Orchester, die Arboner Sänger oder die Big Band One For You. Da entstehen projektbezogen neue Verbindungen. Wir sind alle dafür offen. Wir nutzen das Netzwerk. Gemeinsame Projekte brauchen ihre Vorlaufzeit. Immer mehr finden sich Musik und Tanz. Es geht in Richtung Musiktheater. Die Zukunft ist breit.

Welches sind die nächsten Projekte?

Mit dem Umzug ins Presswerk haben wir ein sehr intensives Jahr hinter uns. Da müssen wir uns erst einmal konsolidieren. Es ist aber einiges in Vorbereitung. So werden wir uns im Juni unter dem Titel «Arbon musiziert» dem Thema «Musik und Zeit» widmen. Dabei spiegeln sich Zeitbegriffe in verschiedenen Bereichen. Da geht es einerseits um die Epochen, aber auch um Uhrzeiten und Tempo (Metrum). Wir pflegen weiter die öffentlichen wöchentlichen Musizierstunden sowie Veranstaltungen, die sich eingebürgert haben, wie die Musik zum Advent beispielsweise oder das Tanz- und Bläserfestival. Einen Ausbau dürfte die Popularmusik-Abteilung erfahren.

Die Musikschule Arbon hat sich ein neues Logo gegeben, den Namen aber beibehalten.

Ja, er ist ein «Brand». Mit dem neuen Logo mit dem «M» in verschiedenen Variationen spielen wir. Es symbolisiert so die Vielfalt der Musikschule.

Wie ist die Musikschule finanziell aufgestellt?

Gut. Wir bekommen Subventionen vom Kanton, wodurch die Kosten der Lektionen reduziert werden. Wir erfahren auch grosszügige Unterstützung von den Schulen. Zudem entrichtet die Stadt einen jährlichen Beitrag.

Wie sind Sie in den neuen Räumen im Presswerk heimisch geworden, wo anstelle der früheren Industrienutzung jetzt die Musik abgeht?

Es ist einfach wunderbar, in diesen gut ausgestatteten Räumen wirken zu können. Das Gebäude ist der Hammer. Und es hat Flair. Gerade auch wegen seiner Geschichte. Wir sind Teil eines neuen Kulturzentrums, das Ambiance und Ausstrahlung hat und worauf Arbon stolz sein kann.