ARBON: Die Beiz war ein Stück Heimat

Einst übernachteten ganze Familien bis in den Herbst in der Umkleidekabine. Der Stadt fehlte Wohnraum. Hans Geisser erzählte davon.

Christof Lampart
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Konservator Hans Geisser. (Bild: Christof Lampart)

Konservator Hans Geisser. (Bild: Christof Lampart)

ARBON. Der Konservator des Historischen Museums Arbon, Hans Geisser, hielt am Samstag im Rahmen des Tags des Denkmals einen Vortrag über die Geschichte der lokalen Gastronomie.

1910 zählte Arbon 118 Beizen und 10 000 Einwohner. «Auf 85 Personen kam eine Beiz», rechnete Geisser vor. In einem zeitgenössischen Zeitungsartikel berichtet der Autor davon, dass er in Arbon binnen fünf Minuten an 22 Beizen vorbeigekommen sei. Der Boom war jedoch nicht in erster Linie auf besonders trinkfeste Arboner zurückzuführen, sondern auf akuten Wohnungsmangel. Denn die Arboner Fabriken beschäftigten damals Tausende von ausländischen Arbeitern, von denen sich viele höchstens ein Zimmer in einer Beiz leisten konnten – und auch das oft nur als «Schlafgänger» im «Schichtwechsel» mit anderen Proletariern.

«In Arbon herrschte akuter Wohnungsmangel. Viele Familien übernachteten bis in den Herbst hinein in den Umkleidekabinen der Badehütte am See», sagt Geisser. Der soziale Wohnungsbau war praktisch inexistent. Die Stadt musste sich um ihre rasant wachsende Infrastruktur kümmern, und die Firmenpatrons entdeckten erst im Laufe der Zeit ihre soziale Ader. Somit waren es oft die Beizen, welche den Büezern nicht nur ein Dach über dem Kopf boten, sondern «auch nach Feierabend und an den Sonntagen eine Heimat».

Dass in den Beizen viele Zusammenkünfte stattfanden und auch viele Vereine gegründet wurden, überrascht somit nicht. Auch hier mischten die Ausländer ganz vorne mit.

Südlich von der St. Gallerstrasse, zwischen Standstrasse und Landquartstrasse, war praktisch das italienische Quartier Arbons. «Es gab hier viele italienische Chöre und Musiken, die sich in Restaurants wie <Firenze> oder <Fortuna> trafen», so Geisser. Auch die Deutschen waren gut organisiert. «Viele Deutsche, die ja vor allem aus Süddeutschland kamen, liessen sich hier einbürgern, waren jedoch zugleich sehr aktive Mitglieder des Deutschen Vereins. Dies führte dazu, dass der Arboner Bürgerpräsident aufpassen musste, dass die Bürgerversammlung nicht mit einem Anlass des Deutschen Vereins zusammenfiel.»

Der dritte «Treiber» war der Tourismus, Eisenbahn- und Dampfschiffverkehr brachten Hotels dazu, im grossen Stil zu investieren. 1909 eröffnete der «Kinematograph» Helvetia mit Filmen wie «Die Tabak-Industrie», «Die Mutter als Heldin» oder «Die Frühlings-Fee». Zeitweise verfügte Arbon gar über drei Kinos sowie ein ständiges Sommerorchester und zur Badesaison über Sonderzüge von St. Gallen aus.