ARBON: Der Orange Riese schielt hinüber

Die Migros tut sich schwer, sich mit dem Rosengarten anzufreunden. Vieles deutet darauf hin, dass der Grossverteiler den Ende 2021 auslaufenden Vertrag nicht verlängert. Die Fühler hat er gen Süden ausgestreckt.

Max Eichenberger
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Der Migros-Markt ist zumindest noch bis Ende 2021 im Zentrum Rosengarten. Dann ist der Mietvertrag erstmals kündbar. (Bild: Max Eichenberger)

Der Migros-Markt ist zumindest noch bis Ende 2021 im Zentrum Rosengarten. Dann ist der Mietvertrag erstmals kündbar. (Bild: Max Eichenberger)

Max Eichenberger

max.eichenberger@thurgauerzeitung.ch

HRS hatte der Genossenschaft Migros Ostschweiz (GMO) schon 2005 den roten Teppich ausgelegt im WerkZwei und um den Grossverteiler geworben. Damals befand sich der Migros-Markt noch an der Bahnhofstrasse – im Metropol-Areal. Und kam dort räumlich in die Klemme durch die geplante Hotel-Erweiterung.

Die GMO hatte die Absicht, den Hotelkomplex auf dem angestammten Areal auszubauen und die verschiedenen Nutzungen zu entflechten. Was nahelegte, nach einem neuen Standort für den Migros-Markt Ausschau zu halten. Weil die Migros-Spitze die Hotel-Pläne vorantrieb und 2007 ein 35-Millionen-Projekt präsentiert hatte, drängte dies.

Ein Angebot machte darauf die Generalunternehmung HRS, die gegenüber dem Bahnhof auf dem Saurer WerkZwei das Center-Projekt «Paseo» entwickelte: ein Ladenkonzept mit einem Mix von Detaillisten und einem Branchen-Primus als «Schlüsselmieter» mit einer Gesamt-Verkaufsfläche von 6100 Quadratmeter. Klarer Adressat dafür: Migros.

Das grosse Industrieareal gehörte in jener Zeit noch OC Saurer Oerlikon. Es gab noch kein Gesamtkonzept für die Revitalisierung des riesigen Geländes, erst eine Testplanung. Baufelder wurden darin grob abgesteckt. Und da traten potenzielle Investoren mit Projektideen für einzelne dieser Teilflächen – «Filetstücke» – auf den Plan. An vorderster Front: HRS. Erst einige Jahre später dann sollte HRS das Areal en bloc übernehmen.

Migros hält diskret Ausschau und prüft Optionen

Am Sitz der Migros Genossenschaft in Gossau zweifelte man an der Realisierbarkeit des Paseo-Projekts innert nützlicher Frist. Denn planungsrechtlich war das Terrain noch längst nicht geebnet. Unter Druck, weil man mit der Metropol-Erweiterung nach dem Verwaltungsratsentscheid 2007 rasch loslegen wollte, fokussierte die GMO für ihr Migros-Center das ehemalige Koenig-Areal. Dort stand die Implenia AG davor, die 60-Millionen-Zentrumsüberbauung Rosengarten für die Berner Immobiliengesellschaft Manuela AG ­ zu realisieren. Ein langfristiger Mietvertrag mit der Migros wurde eingefädelt. Erstmals wäre er kündbar auf Ende 2021. Der Rosengarten, mit dem Migros-Supermarkt auf 2700 Quadratmeter Verkaufsfläche, war im November 2011 eröffnet worden.

Doch darin ist der Orange Riese, obwohl nach aussen im Widerspruch zu den Zahlen anderslautend beteuert, nie richtig glücklich geworden. Aus internen Kreisen drang bald nach aussen, dass die Umsatzerwartungen an den neuen Standort sich nicht erfüllt hätten. Der erste Center-Leiter hatte bald gehen müssen.

Die grössten Handicaps: die Architektur, die mehr das urbane Wohnen betont und nicht das Geschäftszentrum publikumswirksam in Szene setzt; das fehlende Restaurant; die Zugänglichkeit. Der renommierte Architekt Max Dudler machte da keine Kompromisse – und selbst bei den zunächst fehlenden Velo-Unterständen nur geringfügige. Wegen eines angeblich zu hohen Mietzinses stiegen potenzielle Betreiber eines geplanten Restaurants nicht ein. Heute ist jene Fläche ein Ladengeschäft.

Erhärtet ist, wenngleich es offiziell keine glasklare Bestätigung gibt, dass Migros die Fühler nach optionalen Standorten ausstreckt. Und dies schon seit längerer Zeit. Naheliegend ist das Saurer WerkZwei, wo es noch freie Baufelder gibt. Und dann wäre da auch noch die geplante Arealüberbauung Klarahof/Oscar Weber der Voegele Immobilien AG. Dort machen die Eigentümer jetzt vorwärts und bereiten einen Architekturwettbewerb vor. In Zug wird man auch Wind davon bekommen haben, was die Spatzen in Arbon von den Dächern pfeifen. Nur: In die Karten blicken lässt sich in der nervösen Evaluierungsphase niemand.

Offenbar sind Studien ausgearbeitet worden

Offizielle Statements halten sich, wen wundert’s, im Unverbindlichen. «Die HRS Real Estate AG ist offen für mögliche neuen Ansiedelungen auf dem ehemaligen Saurer WerkZwei-Areal. Derzeit werden mit der Migros Ostschweiz aber keine diesbezüglichen Verhandlungen geführt», sagt HRS-Entwickler Michael Breitenmoser. Laut verlässlichen Quellen im Umfeld der Partner im WerkZwei sollen indes konkrete Gespräche stattgefunden haben und auch Studien ausgearbeitet worden sein.

Der Rosengarten-Eigentümerin Manuela AG in Bern ist offiziell nichts in der Richtung bekannt, dass Migros mit einem Standortwechsel liebäugelt. Der Verwalterin (Goldinger Immobilien Treuhand AG) ebenso wenig. Die Verwaltung hat erst 2016 von der Privera AG zu Goldinger gewechselt. Im Rosengarten seien Mieterwechsel relativ häufig; auch stünden viele der insgesamt 76 Wohnungen leer, verlautet aus der Branche. Das Schuhgeschäft Walder hat den Standort Rosengarten 2016 aufgegeben. Grund: mangelnde Kundenfrequenz.

Migros hatte vor zwei Jahren zwar «Startschwierigkeiten» eingeräumt, war aber bereits damals aufkommenden Gerüchten über eine Standortevaluation noch hartnäckig entgegengetreten. Man sei «auf Kurs», was die Umsatzentwicklung betreffe.

Doch an diesen Parolen wird intern schon längst gezweifelt. Über Migros-Mitarbeiterkanäle dringt mehr oder weniger unverblümt nach aussen, Migros suche in Arbon einen geeigneteren Standort, der einen besseren, kundenfreundlicheren Auftritt ermögliche und mehr Potenzial biete. Das bestätigen – vertraulich – mehrere Quellen.

Am Migros-Genossenschaftssitz in Gossau gibt man sich – on the record – zurückhaltend. Im Kader ist bekannt, dass etwas am Laufen ist. Von informationsberechtigter Stelle kam dann gestern am Abend doch noch eine knappe offizielle Stellungnahme.

Darin wird der «langfristige Mietvertrag» erwähnt – der freilich Ende 2021 ausläuft. Und dann bestätigt Kommunikationsleiter Nico Canori PR-mässig viel sagend: «Wir prüfen laufend geeignete Standorte für unsere Formate, so auch in Arbon.»