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ARBON: «Der Abschied fällt mir nicht leicht»

Max Eichenberger ist seit April 2000 Lokalredaktor für die Region Arbon. Gestern ist er mit 64 Jahren in Pension gegangen. Ein Gespräch über Stahlbäder, Morddrohungen und die Vernichtung eines Lebenswerkes.
Markus Schoch
Max Eichenberger. (Bild: Reto Martin)

Max Eichenberger. (Bild: Reto Martin)

Markus Schoch

markus.schoch@thurgauerzeitung.ch

Max, du bist in den letzten Jahren immer gerannt, wenn es gebrannt hat. Oder wenn auch nur irgendwo Rauch aufgestiegen ist. Du warst stets zur Stelle: In der Nacht, am Wochenende, in den Ferien. Wird es dir als Pensionär nicht langweilig?

Nein, jetzt wird es einfach etwas ruhiger und anders. Bis jetzt war es manchmal eine Art innerer Marschbefehl, der mich jeweils in Bewegung setzte, auch wenn mir nicht darum war. Künftig muss ich nicht mehr springen.

Du wirst für die «Thurgauer Zeitung» als freier Mitarbeiter unterwegs sein. Was hast du sonst noch vor?

Ich plane für dieses Jahr eine Fotoausstellung im Presswerk über den Umbruch im Saurer- Werk Zwei. Die Fotografie und das Schreiben sah ich immer als gleichwertige Disziplin. Auch trage ich mich mit der Idee, vielleicht einmal ein Buch zu schreiben.

Du bist ein grosser Marathon-Läufer. Hast du dir auch sportlich neue Ziele gesetzt?

Ich bin ein Bewegungsmensch und will sportlich aktiv bleiben. Das Laufen hat mich in den letzten Jahren als Ausgleich zum Beruf einigermassen in der Balance gehalten. Ich habe mir vorgenommen, noch im nächsten Jahr den New York Marathon zu laufen. Zudem probiere ich Neues aus. So habe ich das Stand-up Paddling für mich entdeckt.

Du gehst ein Jahr früher als normal in Pension. Warum?

Die Arbeit als Lokalredator zehrt an den Kräften. Man ist immer mitten drin. Es war nicht einfach ein Job für mich. Ich war mit Herzblut dabei. Vor dreieinhalb Jahren hatte ich einen Schuss vor den Bug, der mir meine Grenzen vor Augen führte, so dass ich mich entschied, früher zu gehen. Es fällt mir nicht leicht, den Schlüssel abzugeben und bin froh, dass es kein abruptes Ende ist, sondern in einem anderen Rhythmus für mich journalistisch weiter geht. An die Umstellung muss ich mich aber gewöhnen.

Der Druck am Arbeitsplatz nimmt zu. Aber eigentlich sind die heutigen Verhältnisse für dich fast schon paradisiesch. Du bist die 70-Stunden-Wochen gewohnt. Dein Start war richtig hart.

Ich habe am 1. Januar 1975 als gut 20-jähriger Jungspund beim «Volksfreund» in Kreuzlingen als Nachwuchsjournalist begonnen. Es war ein dreijähriges Stahlbad, das ich dort genoss. Jede zweite Woche hatte ich Morgenabschluss. Um 3.15 Uhr schrillte der Wecker. Ich habe zweimal gekündigt, liess mich aber jeweils überreden zu bleiben. Die Arbeit war streng, aber auch sehr interessant. Wir waren ein verschworenes Team. Zu ehemaligen Kollegen habe ich heute noch Kontakt.

Du hast mit Unterbrüchen 20 Jahre als freier Journalist gearbeitet. Wenn man dir zuhört, waren das beruflich deine besten Zeiten. Ist das so?

Ja, ich war unabhängig, konnte selber entscheiden und war nahe bei meinen Kindern, als sie noch klein waren. Es waren spannende Zeiten. So war ich beispielsweise einmal drei Tage mit einem Thurgauer auf der Bündner Hochjagd. Ich musste mir aber oft auch etwas aus den Fingern saugen, wenn mich Redaktoren am Freitag anriefen, sie bräuchten eine grössere Geschichte für Montag. Das kam oft vor. Nachtarbeit war für mich nichts Aussergewöhnliches. Finanziell ging die Rechnung lange auf. Die Zeitungsvielfalt war gross. Ich hatte Abnehmer in der ganzen Schweiz. Der Konzentrationsprozess bei den Verlagen zwang mich schliesslich dazu, auf die Redaktion zu wechseln.

Du hast den technologischen Wandel vom Bleisatz in die digitale Welt miterlebt. Dein erster Computer und Drucker waren irre teuer. Aber du musstest sie haben.

Ja, um schnell zu sein und die Redaktionen mit verschiedenen Text-Fassungen bedienen zu können. Für den ersten Computer habe ich Anfangs der 1980er-Jahre 16700 Franken bezahlt und nochmals 4000 Franken für den Drucker, der eine Seite pro Minute ausspuckte. Ein anderer Journalist im Thurgau war mir zeitlich voraus, was seinen Preis hatte: Er gab rund 45000 Franken für den Computer aus und ging dann in Konkurs, weil er die Raten nicht begleichen konnte.

Journalisten leben gefährlich – nicht nur im Ausland. Du musstest einst selber Personenschutz durch die Polizei in Anspruch nehmen. Wem warst du auf die Füsse getreten?

Das ist mehrmals vorgekommen. Zum einen im Zusammenhang mit einem Brand im Raum Kreuzlingen, den jemand absichtlich gelegt hatte. Die betreffende Person drohte mir, nachdem ich die Sache mit dem Versicherungsbetrug öffentlich gemacht hatte. Die Polizei riet mir dann, zehn Tage abzutauchen. Zum anderen entlarvte ich einmal einen Hochstapler, was der gar nicht lustig fand. Ihm seien wegen mir Aufträge von einer Viertelmillion Franken entgangen, und das werde ich büssen müssen. Er wisse, wo meine Kinder zur Schule gehen würden. Einmal bekam ich auch eine Todesanzeige zugeschickt, worin stand, Max Eichenberger sei elendiglich zugrunde gegangen, nachdem mit einer Ladung Schrot auf ihn geschossen worden sei.

Andere versuchten, dich mit Geld mundtot zu machen. Sie boten dir eine hübsche Summe, damit du nichts an die Öffentlichkeit bringst.

Es ging darum, dass ich jemandem auf die Schliche gekommen war, der illegal Bäume gefällt hatte. Er bot mir 5000 Franken, wenn ich damit nicht an die Öffentlichkeit gehen werde. Ich habe das Angebot selbstverständlich ausgeschlagen. Ich bin nicht käuflich.

Was war journalistisch gesehen dein grösster Coup?

In Erinnerung geblieben ist mir besonders die Geschichte zum Verkauf des Schlosses Breitenstein ob Ermatingen. Die Eigentümerschaft wollte es einem Konsortium geben, das die Villa verschandelt hätte. Ebenfalls Interesse hatte der Psychoanalytiker Adolf Jens Koemeda, der in den alten Gemäuern kulturelle Projekte verwirklichen wollte. Über meine Artikel entstand öffentlicher Druck auf die Besitzer, das Schloss ihm zu verkaufen, was sie am Schluss dann auch taten. Wichtig war mir aber immer auch, Entwicklungen in einem guten Sinn publizistisch zu begleiten und damit Goodwill zu schaffen, so wie beim ehemaligen Saurer Werk 1.

Du hattest einst das wohl grösste Zeitungsarchiv im Kanton Thurgau. Um Platz für all die vielen Ordner zu haben, musstest du sogar eine zweite Wohnung mieten. Übrig geblieben ist nicht viel. Wie gross war deine Sammlung und was ist damit passiert?

Das Archiv umfasste über 1000 Bundesordner. Es war mein Schatz, für dessen Aufbau ich mir jeden Tag während 20 Jahren eine bis eineinhalb Stunden Zeit nahm. Am Schluss hatte ich keinen Platz mehr. Und der Verlag, bei dem ich in die Redaktion wechselte, war nicht bereit, das Archiv zu übernehmen, was sehr enttäuschend war für mich. In meiner Wut entsorgte ich 850 bis 900 Ordner kurzerhand in der Kehrichtverbrennungsanlage in Hefenhofen. Das tat mir sehr weh. Im Nachhinein wies mich jemand darauf hin, ich hätte die Unterlagen dem Staatsarchiv übergeben können. Doch da war es schon zu spät.

Einer, der in den letzten Jahren regelmässig mit dir beruflich Kontakt hatte, verglich dich mit Inspektor Colombo. Du hättest verstanden, ihm immer die Würmer aus der Nase zu ziehen, auch wenn er dir eigentlich nichts sagen wollte. Wie hast du das gemacht?

Ich habe oft unverfänglich mit Smalltalk begonnen, um dann nach einer gewissen Zeit fadegrad auf den Punkt zu kommen, um meinen Gesprächspartner aus der Reserve zu locken. Wenn ich damit nicht zum Ziel kam, habe ich es mit Suggestivfragen probiert.

Bei Unglücken und Verbrechen hat es dir nicht gereicht, darüber zu schreiben. Du wolltest den Fall wenn möglich gleich selber lösen. Beim Grossbrand in Arbon auf dem Saurer-Werk Zwei im Jahr 2012 hast du wie ein Ermittler unzählige Klinken geputzt, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Gelungen ist dir das in diesem Fall nicht. Dafür hast du für deine Berichterstattung den Ostschweizer Medienpreis gewonnen. Ein schwacher oder ein schöner Trost?

De facto hat er mich nicht entschädigt. Aber das Preisgeld hat es mir erlaubt, eine neue Fotoausrüstung zu kaufen.

Lokalredaktor ist nicht der Traum jedes Journalisten. Warum hast du dich dafür entschieden – und für Arbon?

Ich habe tatsächlich auch nach Höherem gestrebt. Rückblickend bin ich aber dankbar, dass ich im Lokalen gelandet bin. Nirgends sonst ist man geerdeter und näher bei den Menschen und Themen. Vor allem kann ich im Kleinen mehr bewirken als mit einem Kommentar zur Weltpolitik. Und warum Arbon? Hier bin ich aufgewachsen und kenne Land und Leute. Die Stadt hat auch mehr zu bieten als rote Zahlen. Das Potenzial ist gross. Im Schatten vom Saurer Werk Zwei gibt es viele Perlen.

Das schwierigste für einen Lokalredaktor ist es, die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. Wie ist dir das gelungen?

Ich habe es als meine Aufgabe angesehen, Öffentlichkeit herzustellen. Und nicht nur die Chronistenpflicht zu erfüllen, sondern in Vertretung der Leser auch Fragen zu stellen und wenn nötig lästig zu sein. Damit macht man sich nicht überall beliebt, das ist klar. Es gab Leute, die mir vorwarfen, ich würde Arbon in den Dreck schreiben. Andere klopften mir auf die Schultern. Ich habe früh gelernt, damit umzugehen. Ich habe stets versucht, eine professionelle Linie zu fahren. Dass sich so über die Jahre Freundschaften und Kollegialitäten halten konnten, war eine wertvolle Erfahrung.

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