ARBON: Den Moment der Wagnis geniessen

Die heimischen Literaten luden während dreier Tage ins Max-Burkhardt-Haus. Themenbezogen präsentierten sie Bücher, Kunstwerke und Filme.

Christof Lampart
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Ruth Erat liest den Besuchern literarische Texte vor. (Bild: Christof Lampart)

Ruth Erat liest den Besuchern literarische Texte vor. (Bild: Christof Lampart)

Christof Lampart

arbon@thurgauerzeitung.ch

An welcher Zahl misst sich Erfolg? Nun, vielleicht an 18. Zumindest versammelten sich so viele Leute am Freitagabend zur Vernissage im Max-Burckardt-Haus, wo die Besucher eingeladen waren, Arbon mal zwischen den Zeilen, mal in Bildern zu entdecken – war doch Bücher-Lesezeit im blauen Jugendstilhaus mit den gelben Sonnenblumen.

Durch Raum und Zeit

Nun, es war eine «Lese», die durchaus ein breites Spektrum abdeckte. Angefangen mit der freitäglichen Vernissage-Lesung von Ruth Erat, die im Grunde genommen gar keine war, sondern vielmehr eine Führung durch «Raum und Zeit». Denn Erat startete unten in der Küche (wo der Platz knapp ausreichte, um alle Besucher zu beherbergen), doch mit Texten und Bildern arbeitete sich die Gruppe Raum um Raum, Stockwerk um Stockwerk nach oben, wo Wagnisse und Arboner Geschichte(n) sich in unterschiedlichsten Facetten zeigten. War es ein Wagnis, um 1920 im «roten Arbon» (k)ein Linker zu sein? Wohl kam es darauf an, welcher Zeitung man damals Glauben schenkte. Zwei Folianten der «Arbeiterzeitung» und des «Tagblatts» luden zum Durchblättern ein, zum Entdecken der Tatsache, dass es auch vor fast hundert Jahren weit mehr als nur eine «Wahrheit» gab. Was in der damals politisch aufgeheizten Zeit durchaus ein Wagnis war.

Doch viele literarische Wagnisse waren nicht so offensichtlich, ja sie bedingten sogar genaues Hinsehen beziehungsweise Hinhören. Wo verwandelt sich beispielsweise auf den Bodoni-Blättern eines Beat Brechbühls die Schrift zum Bild? Wo sagt die Platzierung eines Wortes mehr aus als die Bedeutung selber? Gibt es diese Doppeldeutigkeiten überhaupt? Und falls ja, wie lässt sie sich erreichen? Fragen über Fragen zum «Wagnis Sprache» umgaben einen auf diesem Rundgang, der jedoch inhaltlich kein Anfang und kein Ende kannte. Wer durch war, der beschäftigte sich wohl immer noch mit dem einen oder anderen sprachlichen Wagnis, das ihm treppauf, treppab begegnet war.

Voyeuristisches Verlangen

Da war es schon gut, dass die Künstlerin Claudia Rommel mit ihrem mehrjährigen Videoprojekt «143 Wagnisse» quasi einen bildlichen Kontrapunkt setzen konnte, bei dem das Wagnis in 1-Minuten-Filmchen sichtbar wurde. Genauso wie die Möglichkeit des Scheiterns. In den Mini-Videos wird klar, wie verschieden ein Wagnis sein kann. Für manche ist es der Sprung von einer Brücke in den Fluss, für andere das Flechten eines Butterzopfes. Und wer’s ganz genau wissen wollte, der konnte sogar versuchen herauszufinden, wo im Filmchen die Protagonistin respektive der Protagonist an den Punkt kommt, wo es für sie oder ihn kein Zurück mehr gab. Das Fühlen des Momentes, in dem ein Geschehen zu «his story» wird, war ein Wagnis, auf das sich die Besucher nur allzu gern einliessen.

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