ARBON: Aufbegehren gegen den Egoismus

Viele Ereignisse haben 2016 die Menschen berührt, erschüttert oder erfreut: Über die ruhige Festtagszeit erzählen Arboner, dass die Wahl Trumps sie traurig gestimmt oder der Einsatz für die Platane stolz gemacht hat.

Chris Marty
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Rainer Faehndrich (62), Rose Angelina Paratore, Ivana Konjicija (52), alle Arbon. (Bilder: Chris Marty)

Rainer Faehndrich (62), Rose Angelina Paratore, Ivana Konjicija (52), alle Arbon. (Bilder: Chris Marty)

Chris Marty

arbon

@xy.thurgauerzeitung.ch

Wenig war los über die Weihnachtstage auf Arbons Strassen. Da und dort huschten Gestalten vorbei, aber stehen bleiben und berichten, was sie dieses Jahr bewegt hat, mochten die Wenigsten. Am Bahnhof Arbon ist Nicole Schmid (29) aus Buchs auf dem Sprung zum Zug. Sie mag erzählen, aber nur kurz, da der Zug demnächst einfahren wird: Dass Trump zum neuen US-Präsidenten gewählt wurde, hätte sie traurig gestimmt, erzählt sie bekümmert. Dann ist sie weg.

Das Gefühl, alles gehe den Bach runter

Christian Stutz (26) aus Steinach bleibt zurück. Freimütig gesteht er, dass er zunehmend das Gefühl habe, dass alles den Bach runter gehe und er am Sinn, Kinder zu zeugen, zweifle.

Vor dem Schloss geht Fabio Visconti (28, Arbon). Auch ihn haben die aufwühlenden Wahlen in den USA mit Schlammschlachten und den belustigenden wie merklich absurden Einlagen mit der abschliessenden Wahl Tumps zum neuen Präsidenten nachdenklich gestimmt. «Aber auch das Erdbeben in Italien hat bei mir Spuren hinterlassen», fügt er sichtlich berührt hinzu.

Betroffen äussert sich auch Nicole Heemeyer (36, Hauptwil): «Was letzte Woche am Weihnachtsmarkt in Berlin passierte, ist unbegreiflich!», erzählt sie mit leiser Stimme und wehem Unterton. Mittlerweile haben sich die Strassen fast ganz entleert: Dort verabschiedet sich ein älteres Paar, wünscht sich gegenseitig schöne Festtage und verschwindet in der Dunkelheit. Einzig in der Chili-Bar scheint Betrieb zu sein.

Einsatz für «Metropol» und Bündnerhofplatane

In der Bar sitzt Rainer Faehndrich (62). Positiv bewegt hat ihn dieses Jahr, dass sich über 1500 Arboner für den Erhalt der Bündnerhofplatane eingesetzt haben oder dass das «Metropol» in der Bevölkerung einen derart grossen Zuspruch erfahren hat. Aber auch vom Café International im Coop-Restaurant, wo sich Schweizer und Ausländer regelmässig jeweils am Dienstagnachmittag treffen, spricht er begeistert. Einen Wermutstropfen hinterliess bei ihm jedoch die Aufhebung der Bushaltestelle beim Schloss Arbon: «Gerade für ältere Menschen, die im Stadtzentrum zu tun haben, ist das eine Zumutung, besonders bei schwierigen Wetterverhältnissen!», gestikuliert er erregt. Im Gespräch mit Rosa Angelina Paratore sticht ihre Nachdenklichkeit über das ihrer Meinung nach kaputte System und die Ohnmacht des Bürgers heraus.

Christlicher Gedanke und Flüchtlingspolitik

Ebenso besorgt äussert sich Ivana Konjicija (52, alle Arbon). Sie stellt bei vielen Mitmenschen ein Überhandnehmen von Ichbezogenheit und Egoismus fest. Auch der Zwiespalt zwischen dem christlichen Gedanken und der aktuellen Flüchtlingspolitik stimmt sie im auslaufenden Jahr nachdenklich. «Gefreut hat mich dagegen, dass ich einzelne Menschen getroffen habe, die dieses christliche Gedankengut trotz allem noch leben und sich selbstlos für Minderbemittelte einsetzen.»

Nicole Heemeyer (36), Hauptwil, Fabio Visconti (28), Arbon.

Nicole Heemeyer (36), Hauptwil, Fabio Visconti (28), Arbon.