Arbeiterfrauen als Wegbereiter

Bundesräte kommen nicht alle Tage nach Arbon. Bundesrätinnen schon gar nicht. Micheline Calmy-Rey wird die erste Magistratin überhaupt sein, die mit ihrem Besuch am Samstag die Stadt beehren wird – zum Jubiläum der SP-Frauen.

Max Eichenberger
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Anna Hürlimann-Wartenweiler: Die SP-Frau hat die Arboner Kinderkrippe gegründet. (Bild: Archiv SP-Frauen Arbon)

Anna Hürlimann-Wartenweiler: Die SP-Frau hat die Arboner Kinderkrippe gegründet. (Bild: Archiv SP-Frauen Arbon)

Das 101-Jahr-Jubiläum der SP-Frauen ist der Anlass ihres Auftritts an einem Fest für die ganze Bevölkerung in der Kunsthalle.

Nur zwei haben überlebt

Neben einst fast hundert Ortssektionen hat die Arboner Gruppe als einzige neben Neuenburg überlebt. Grund genug für Micheline Calmy-Rey, das Engagement der Vorkämpferinnen für eine soziale, gerechte Gesellschaft und die Rechte der Frauen zu würdigen. Und gleichzeitig zu mahnen, «dass wesentliche Forderungen noch immer nicht erfüllt sind».

Arboner Frauenbewegung

Für die heutige Generation mag es unvorstellbar lange gedauert haben, bis 1971 endlich das Frauenstimmrecht in die Verfassung geschrieben worden ist, erinnert die Historikern Eva Büchi. Sie hat auf das Jubiläum hin in Archiven gewühlt, Protokolle gesichtet und mit Zeitzeugen gesprochen. Erschlossen hat sie damit ein Stück Zeit- und Sozialgeschichte – und am Beispiel Arbon die «Frauenbewegung» nachgezeichnet. Das Buch soll rechtzeitig auf den Jubiläumsanlass hin druckfrisch vorliegen.

Soziales Leben mitgeprägt

100 Jahre haben die SP-Frauen das soziale Leben der Stadt mitgeprägt, sind Erica Willi und Inge Abegglen stolz. Und damit auf Errungenschaften, die den Einsatz ihrer Vorgängerinnen lohnten: Der Aufbau der Kinderkrippe durch Anna Hürlimann-Wartenweiler ist nur ein Markstein.

Die Gründerjahre waren von wirtschaftlichen Notzeiten und sozialen Missständen geprägt. Es war die Zeit, als die Fabriken aus dem Boden schossen, verbunden mit radikalen Umwälzungen.

Die Arbeiterschaft organisierte sich.

1907 entstand die SP, die auf die Union folgte. Bereits ein Jahr später formierte sich der «Arbeiterinnenverband», der später (1917) zwar in die Partei eingegliedert wurde, aber als SP-Frauengruppe weiter eigenständig funktionierte. So, wie es heute noch ist.

14-Stunden-Arbeitstag

Die Arbeiterinnen hatten mit der «Vorkämpferin» ein eigenes Mitteilungsblatt. Angeprangert wurden die unwürdigen «Hungerlöhne».

Heimarbeiterinnen, die im Industrieboom nach der vorletzten Jahrhundertwende vorab in der Stickerei benötigt wurden, mussten 14 Stunden arbeiten, um zu einem Tagesverdienst von 50 bis 70 Rappen zu kommen. Zuweilen mussten sich die Frauen anfänglich noch heftig wehren gegen ihre argwöhnenden Männer. Nicht wenige gab es nämlich, die nicht gerne sahen, wie sich ihre Angetrauten organisierten.

Ein langer Kampf

Damals ging es um mehr Würde, heute heisst das Postulat Gleichstellung. Die politische Gleichberechtigung war schon 1911 in Arbon erstmals ein Thema – sechzig Jahre vor Einführung des Frauenstimmrechts. Die Frauen führten aber auch einen Kampf gegen die Alkoholsucht ihrer Männer. Diese becherten enorme Mengen, viel Hochprozentiges, um den tristen Fabrikalltag hinter sich zu lassen. Am Zahltag versuchten Frauen sie am Fabriktor vor dem Gang in die Wirtschaft abzufangen.

Gemeinnütziges Engagement

Viel leisteten Frauen im Hintergrund, um ihre Familien durchzubringen. Die Arbeiterfrauen taten sich zusammen, um Notleidenden zu helfen. Sie nähten und strickten; sie kochten, verteilten Essen, und das nicht nur in Streikzeiten. Unter dem Siegel der Solidarität lancierten die SP-Frauen in ihrer langen Geschichte verschiedene soziale, gemeinnützige Projekte: von der Krippe über den Flohmarkt bis hin zur «Tavola», eine Lebensmittelabgabestelle für Bedürftige, die letzten Herbst lanciert wurde.

Weil es auch hundert Jahre später Armut gibt. Und die Welt älter, aber nicht heiler geworden ist.

Kein Grund aufzuhören

Darum gebe es keinen Grund, die Geschichte enden zu lassen, erkennen Willi und Abegglen immer noch Felder, wo Einsatz mit Courage und Herz gefragt ist. Im Kern gehe es denn auch heute noch um dasselbe, macht Micheline Calmy-Rey den SP-Frauen Mut: «um Gerechtigkeit und Chancengleichheit».

Micheline Calmy-Rey kommt (Bild: ky)

Micheline Calmy-Rey kommt (Bild: ky)