AMRISWILER KREISELKUNST: Der Mann mit dem Bass passt nicht allen

Amriswil ist um einen Kreisel reicher – und um 80'000 Franken ärmer. So viel lässt sich die Stadt die Figur kosten, die nun im Pentorama-Kreisel steht.

Manuel Nagel
Drucken
Teilen
«Der Bassist» ist die höchste Kreiselfigur im Thurgau. (Bild: Manuel Nagel)

«Der Bassist» ist die höchste Kreiselfigur im Thurgau. (Bild: Manuel Nagel)

Grösser als er ist keiner. 9,70 Meter misst der Bassist vom Scheitel bis zur Sohle. Damit ist er das höchste Objekt in einem Thurgauer Kreisel.

Für einige Amriswiler ist das viel zu gross. Und vor allem viel zu teuer. Seit die Figur aufgestellt und montiert ist, machen sich Kritiker in den sozialen Netzwerken Luft und finden, mit den 80'000 Franken hätte man etwas Gescheiteres anstellen können. Grösse kommt nicht bei allen gut an in der Stadt Amriswil, die trotz mittlerweile 13'000 Einwohnern immer noch von vielen liebevoll als «Dorf» bezeichnet wird.

Die für Kultur zuständige Stadträtin Madeleine Rickenbach relativiert die Kosten. Die Figur sei eine Investition für mehrere Jahrzehnte, und als Stadt, die sich den Slogan «Leben mit Kultur» verpasst habe, müsse einem die Kultur auch etwas wert sein. Zudem weise der gigantische Musiker im Kreisel vor dem Pentorama darauf hin, dass hier viele Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen stattfinden.

«Auf jeden Fall findet jeder auswärtige Besucher das Pentorama auf Anhieb», meint eine Amriswilerin und gewinnt so der auffallenden Grösse etwas Positives ab. Dorforiginal und Ur-Amriswiler Walter «Hasli» Haas findet hingegen, Amriswil sei deswegen «noch lange nicht städtisch».

Nacht-und-Nebel-Aktion der Kreiselbande

Die Mehrheit der Bevölkerung steht jedoch hinter ihrem neuen «Wahrzeichen». An der Gemeindeversammlung im Dezember verlangte ein Kritiker der Kreiselfigur, das Kulturbudget solle zurückgewiesen werden. 75 Prozent der Stimmberechtigten wollten aber davon nichts wissen und folgten der Empfehlung des Stadtrats.

Stadtpräsident Martin Salvisberg, der aus seinem Büro im Stadthaus auf den Kreisel blicken kann, gefällt der Bassist ebenfalls. Salvisberg verteidigt auch die Grösse des Kunstwerks und fragt: «Wie würde das denn aussehen in einem Kreisel von 32 Metern Durchmesser, wenn die Figur nur fünf Meter gross wäre?»

Etwas kleiner ist mit 28 Metern der Kreisel 300 Meter westlich des Pentorama-Kreisels. Etwas kleiner ist auch die dortige Figur – ein Stier. Geplant waren einst abstrakte Stelen, doch nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion einiger Amriswiler, die sich selber als Kreiselbande bezeichneten und in die Mitte des kleineren Kreisels drei Plastikstiere stellten, beherzigte die Kulturkommission den Wunsch der Bevölkerung und kippte das ursprüngliche Konzept mit den Stelen.

Der Stier ist mittlerweile überzogen mit einer Folie, die ein Gemälde des einheimischen Künstlers Walter Dick zeigt. Auch der Bassist soll noch diesen Monat sein neues, farbiges Kleid bekommen: eine Grafik des gebürtigen Amriswilers Lukas Fleischer. Für Andreas Müller, den Kulturbeauftragten der Stadt, ist es wichtig, dass die Bevölkerung das Kunstschaffen der Einheimischen auch zu sehen bekommt.

Manuel Nagel

manuel.nagel@thurgauerzeitung.ch