AMRISWIL: «Wir können keine Berater sein»

Der Präsident des Gewerbevereins stellt sich für eine weitere Amtsperiode zur Verfügung. Christoph Roth vergleicht den regionalen Verein mit dem kantonalen Verband.

Rita Kohn
Drucken
Teilen
Präsident Christoph Roth setzt auf ein aktives Vereinsleben. (Bild: Rita Kohn)

Präsident Christoph Roth setzt auf ein aktives Vereinsleben. (Bild: Rita Kohn)

Rita Kohn

rita.kohn@thurgauerzeitung.ch

Die Mitgliederversammlung des Gewerbevereins Amriswil hat ihren Präsidenten Christoph Roth im Amt bestätigt. Er hat für den Verein einige Ziele

Herr Roth, mit welchen Erwartungen haben Sie sich vor vier Jahren zum Präsidenten des Gewerbevereins wählen lassen?

Ich hatte keine hohen Erwartungen. Damals hatte ich schon viele Jahre im Vorstand mitgearbeitet und wusste, was auf mich zukommen würde. Ich war froh, dass mich die Leute angenommen haben und akzeptierten, wie ich den Verein führe. Das ist auch an den guten Besuchszahlen bei unseren Anlässen abzulesen.

Was hat Sie denn bewogen, Vorstandsarbeit zu leisten?

Einerseits finde ich die Vernetzung der Gewerbetreibenden im Verein wichtig, andererseits war ich neugierig darauf, in einem Vorstand mitzuarbeiten, der mir von beruflicher Seite her und in meiner Funktion als Unternehmer sehr nahe liegt.

Sie führen ein Unternehmen. Hat man da denn Zeit dazu, sich in einem Vereinsvorstand zu engagieren?

Es ist wichtig, sich als Unternehmer auch nach aussen zu orientieren und solche Zeitfenster zu schaffen. Natürlich ist es ein zeitlicher Aufwand. Aber jeder, der Vorstandsarbeit leistet, erzielt auch einen klaren Mehrwert für den Verein. Letztlich kommt es auch auf die Zusammensetzung des Vorstands an. Wir haben beim Gewerbeverein einen ausgewogenen Vorstand, mit dem es Freude macht, etwas zu be­wegen.

Sie sprechen von Vernetzung und davon, etwas zu bewegen, allerdings scheint es immer schwieriger, in Kontakt zu kommen . . .

Diese Entwicklung nehme ich auch so wahr. Die klassischen Gewerbeschauen haben Mühe, Aussteller zu finden. Andererseits fehlt die regionale Vernetzung. Aber das ist ein gesellschaftliches Problem. Es ist schade, dass so viele persönliche Kontakte auf der Strecke bleiben. Diese Entwicklung ist leider eine Tatsache, und man muss sich neue Formen der Kontakte überlegen.

Sie sprechen neue Formen von Kontakt an. Doch sind es nicht genau solche Formen, wie etwa Online-Handel, der dem Gewerbe zusetzt?

Das Gewerbe merkt den Online-Handel nicht so stark wie der Fachhandel. Allerdings hat das Internet auch Auswirkungen auf das Gewerbe. Unsere Kunden sind über das Internet sehr gut informiert, weil sie alles abfragen können. Ich würde mir aber wünschen, dass wir den Kunden beraten könnten und sie das Wissen nicht über das Internet zusammentragen würden. Die Fachberatung ist ja unsere Stärke.

Als Präsident des Gewerbevereins erleben Sie bestimmt auch mit, wie einige Betriebe um ihr Überleben kämpfen müssen . . .?

Es gibt immer Entwicklungen, die bedauerlich sind. Wenn bei einem Traditionsbetrieb der Lack abbröckelt, sind das oft strukturelle Probleme, wenn der Markt schwierig geworden ist, oder es geht um eine verpasste Ablösung.

Haben Sie hier Möglichkeiten, Hand zu bieten, oder müssen Sie zusehen?

Als Gewerbeverein sind wir nicht in beratender Funktion. Da würden wir uns auch überschätzen, wollten wir das übernehmen. Natürlich kann man Verbindungen oder das Netzwerk einsetzen, aber als direkte Berater können wir nicht auftreten. Wir können einzig aus dem Blick von Unternehmern Stellung zur Situation nehmen.

Was genau ist denn der Sinn des Gewerbevereins?

Sicher ist die Verknüpfung zwischen den Gewerbetreibenden, die in Amriswil eine lange Tradition haben, ein wichtiges Anliegen. Der Austausch wird sehr geschätzt und gepflegt. Dann gibt es Bereiche, wie die Zusammenarbeit mit der Schule, mit der wir Berufswahlnachmittage und Handwerkerwochen durchführen. Und natürlich spielt auch die politische Ebene eine Rolle, auf der wir als Gewerbe von Amriswil auftreten und uns in einige Diskussionen einbringen können. Nur so kann man dem regionalen Gewerbe eine Stimme geben.

Der Gewerbeverein ist ja mittlerweile über 100 Jahre alt. Ist der heutige Zweck noch vergleichbar mit jenem der Gründungszeit?

Nein, das ist nicht mehr vergleichbar. Der Wandel der Zeit ist auch am Gewerbeverein nicht spurlos vorbeigegangen. Der Sinn des Vereins war einst, dass die Handwerker ihre Pfründe sichern und damit den Qualitätsstandard hochhalten können. Heute stehen ganz andere Themen im Fokus. Früher waren die Verbände da, um den Markt abzuschotten, unter anderem gegen ausländische Arbeitskräfte, die in die Schweiz drängten und dem hiesigen Qualitätsanspruch nicht genügen konnten. Heute sind die Grenzen weit offen. Geblieben ist sicher das Miteinander des Gewerbes. Das war früher genauso wichtig, wie es heute ist. Gemeinsam sind wir stark.

Nachdem sie eine weitere Amtsperiode als Präsident angetreten haben, steht die Frage im Raum, welche Ziele Sie sich für die nächsten Jahre gesetzt haben . . .

Bei uns ist immer auch ein Thema, den Mitgliederstamm zu halten oder noch besser, ihn zu erweitern. Nur so kann der Verein leben und junge Mitglieder anziehen. Den Verein mit Aktivitäten lebendig zu erhalten, damit die Mitglieder Lust dazu haben, an die Anlässe zu kommen, braucht Engagement. Es geht immer auch darum, dass ein Generationenwechsel vollzogen wird. So lässt sich die Zukunft des Vereins sichern. Mir ist es auch ein Anliegen, dass das Gewerbe vermehrt noch zu politischen Fragen Stellung bezieht und so seine Sicht in die Entwicklung der Stadt einbringt.

Ist das realistisch? Immerhin sind die Gewerbetreibenden in einem breiten politischen Spektrum zu Hause.

Ja, es ist ein schwieriger Weg. Wir stehen in einem Spannungsfeld und haben alle Kunden, die einen ganz anderen politischen Weg gehen, als beispielsweise der Gewerbeverein ihn beschreiten würde. Da kann es heikel werden, sich politisch zu äussern. Wir haben auch unter den Gewerbetreibenden verschiedene politische Ansichten. Und doch ist es wichtig, dass man sich zu gewerbepolitischen Angelegenheiten äussert. Wir wollen eine gewerbefreundlichere Politik. Also müssen wir unsere Anliegen äussern und nicht nur durch die Parteibrille sehen.

Nicht jeder Verein schafft es, über hundert Jahre alt zu werden. Was macht den Gewerbeverein Amriswil zu etwas Besonderem?

Ein Verein ist dann etwas Wertvolles, wenn er aktiv ist und lebt. Unsere Mitglieder machen den Gewerbeverein zu etwas Besonderem. Im Thurgau sind wir der drittgrösste Gewerbeverein, das zeigt, wie wertvoll er ist. Und auch, dass er seit langem gut geführt wurde.

Sie haben noch andere ehrenamtliche Aufgaben als das Präsidium des Gewerbevereins Amriswil ?

Ich bin seit einem Jahr als Vertreter der Sektionspräsidenten Vorstandsmitglied des Thurgauer Gewerbeverbandes und beobachte dort die gewerbepolitische Entwicklung aus noch näherer Distanz als in meiner Funktion als Präsident des Gewerbevereins Amriswil.

Was unterscheidet den lokalen Gewerbeverein vom kantonalen Gewerbeverband?

Innerhalb des kantonalen Verbandes sind die parteipolitischen Zwänge grösser, als in den Sektionen. Ich sehe mich selber als Unabhängigen, der einzig der Gewerbepolitik verpflichtet ist und nicht etwa der Parteipolitik. Genau so will ich mich im kantonalen Gewerbeverband auch positionieren.

Obwohl Amriswil zu den grossen Gewerbevereinen des Kantons zählt, fühlen sich viele Gewerbetreibenden im Oberthurgau als Stiefkind innerhalb des Kantons. Ist das nur ein Empfinden?

Nein, das ist tatsächlich so. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass Exponenten aus dem Oberthurgau sich auf kantonaler Ebene engagieren. Nur so können sie dem Oberthurgau auch in solchen Gremien eine Stimme geben. Inzwischen ist unsere Region auf kantonaler Ebene aber gut vertreten.

www.gva-amriswil.ch