AMRISWIL: Vor dem Lieferwagen zu Hause

Ernst Bühler ist Brieftaubenzüchter aus Leidenschaft. Seine Vögel legten an Wettflügen in diesem Sommer mehrere tausend Kilometer zurück.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

amriswil@thurgauerzeitung.ch

Paarweise sitzen die Brieftauben in ihren eigenen Zellen. Das monotone Gurren ist nicht zu überhören. Es gehöre zum Balzverhalten der Tiere. «Der männliche Vogel lockt auf diese Weise sein Weibchen an», erklärt Ernst Bühler, Präsident des Brief­taubensportvereins Bodensee (BSV). In seinem Stall, der sogenannten Schlaganlage, leben rund 80 Brieftauben – davon 60 Jungtiere. Diese sitzen in ihren eigenen offenen Zellen, die sie auch vehement gegen andere Tauben verteidigen.

Grundsätzlich bleiben Tauben ein Leben lang mit demselben Partner zusammen, ausser sie werden durch den Züchter «umgepaart». Ernst Bühler hält seine Tiere im Winter nach ­Geschlechtern getrennt, damit es während dieser Zeit keine Jungen gibt. Im Frühjahr werden sie wieder zusammengebracht, dann bilden sich je nach Züchterwunsch neue Taubenpaare. Die Weibchen legen in der Regel je Gelege zwei Eier.

Die Alttauben haben auf ihren Wettflügen in diesem Sommer über 4700 Kilometer zurückgelegt. Die männlichen ­Vögel und ihre Weibchen fliegen stets getrennt. «Erst zu Hause in ihrer Zelle finden sie wieder ­zueinander», erzählt der gelernte Landmaschinenmechaniker-Meister.

In einem speziellen «Kabinen-Express»-Lieferwagen mit 36 Boxen werden zwischen 700 und 800 Brieftauben der Mitglieder des BSV Bodensee zu den ­jeweiligen Wettflug-Startorten transportiert. «Das Einsetzen der Brieftauben (Verlad) ist seit vielen Jahren immer beim Restaurant Hirschen im st. gallischen Muolen», führt Ernst Bühler aus. Denn die Mitglieder des BSV kommen aus der ganzen Ostschweiz.

Von Orléans nach Amriswil

Das erste Wettfliegen der Meisterschaft beginne für Alttauben jeweils Anfang Mai mit einer Strecke von ungefähr 170 Kilometern. Jedes Wochenende wird dann bis Mitte Juli geflogen und dabei die Entfernung laufend erhöht. Auf ihrem letzten Wettflug, vom französischen Orléans nach Amriswil, flogen die Brieftauben etwa 560 Kilometer. Die schnellste Taube benötigte dafür nur 6 Stunden und 14 Minuten, bis sie am Schlag sekundengenau registriert wurde. «Unser Fahrer mit dem Lieferwagen brauchte aber zehn Stunden», sagt der Hobbyzüchter und lacht. Bei starkem Gegenwind sei eine Taube nicht so schnell unterwegs wie bei ­Rückenwind. «Bei Rückenwind liegen 120 Stundenkilometer drin», weiss der 59-jährige ­Amriswiler. Die genaue Flugzeit wird mit Hilfe modernster Elektronik ermittelt. Dazu tragen die Tiere einen elektronischen Chipring. Bei der Ankunft im Heimatschlag überqueren sie eine Sensorantenne, welche die Ankunftszeit festhält.

Im Juli werden die Jungtauben für die Wettflugsaison auf kurzen Strecken mehrmals vortrainiert. Von Anfang August bis Mitte September dauerte die Wett-Flugsaison für die Jungtauben, die Anfang dieses Jahres geboren wurden. Zu ihrem ersten Wettflug wurde im jurassischen Porrentruy gestartet, dabei musste die Jungmannschaft ungefähr 170 Kilometer zurücklegen.

Landmarken dienen als Navigationshilfe

Ab Mitte September finden keine Wettflüge mehr statt. «Dann beginnt die Mauser», erklärt Ernst Bühler. In der Mauser wird das Gefieder der Tauben erneuert, denn dieses muss optimal für das nächste Jahr – bei einer ausgewogenen Fütterung – den hohen ­Anforderungen genügen. Gutes Federwerk sei entscheidend für die enormen Flugleistungen.

Brieftauben haben einen ausgeprägten Orientierungssinn und finden immer den direkten Weg nach Hause. Sie können sich am Erdmagnetfeld orientieren und bestimmen aufgrund des Sonnenstandes die Himmelsrichtungen. In der Nähe ihres Taubenschlages benutzen sie topografisch sichtbare Objekte als Navigationshilfe. «Einige Brieftauben fallen dem Habicht, Wanderfalke oder Sperber zum Opfer», bedauert der BSV-Präsident. Zudem komme es immer wieder mal vor, dass sich Tauben wegen Störungen in der Atmosphäre und Greifvogelangriffen verfliegen. Zurzeit beherbergt Ernst Bühler ein Tier aus Deutschland, das sich verflogen hat. Damit bei aufgefundenen Brieftauben der Besitzer ausfindig gemacht werden kann, trägt jede Taube einen Fussring mit der Telefonnummer.

Ernst Bühler lässt seine Brieftauben täglich etwa eine Stunde ausfliegen – so auch an diesem Abend. Danach kehren sie hungrig zurück und werden mit Körnern gefüttert. Brieftauben ernähren sich ausschliesslich von Körnerfutter und Wasser, Stadttauben hingegen von Brot und anderen Essensresten.

Der Hobbyzüchter betont, dass Brieftauben sehr saubere Tiere seien, im Vergleich zu den Stadttauben, die überall ihren Kot hinterlassen. Einmal die ­Woche stellt Ernst Bühler seinen Vögeln eine Wanne mit Wasser hin. Darin wird ausgiebig geplanscht. «Tauben können nämlich nicht schwitzen, zwischen den Federn bildet sich dafür feiner Staub.»

Inzwischen sind die ersten Brieftauben von ihrem Ausflug zurückgekehrt. Sie kreisen über dem Haus und warten auf dem Dach der Schlaganlage, bis ihnen der Züchter die Klappe zum Durchgang öffnet. Ernst Bühler blickt zum Himmel: «Es gibt nichts Schöneres, als draussen zu sitzen und auf die Rückkehr meiner Brieftauben zu warten.» Dies sei für ihn Erholung vom Alltagsstress. «Wer keine Tauben hat, weiss gar nicht, was er verpasst», sagt er mit einem zufriedenen ­Lächeln.

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