AMRISWIL: Vom hässlichen Entlein

Regierungsrat Walter Schönholzer referierte vor den hiesigen Geschäftsleuten, wie er «seinen Oberthurgau» sieht. Der Magistrat rät den Oberthurgauern zu mehr Selbstbewusstsein und Lautstärke.

Manuel Nagel
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Stadtrat André Schlatter (3. v.l.) stellt Regierungsrat Walter Schönholzer eine Frage. Stadtpräsident Martin Salvisberg (rechts) hört gespannt und aufmerksam zu. (Bild: Manuel Nagel)

Stadtrat André Schlatter (3. v.l.) stellt Regierungsrat Walter Schönholzer eine Frage. Stadtpräsident Martin Salvisberg (rechts) hört gespannt und aufmerksam zu. (Bild: Manuel Nagel)

AMRISWIL. Es war am Dienstagabend ein politisches Fernduell zwischen zwei Thurgauer FDP-Grössen: Während Nationalrat Hermann Hess im Kulturforum bei der Erwachsenenbildung aus seinem Leben erzählte, referierte Regierungsrat Walter Schönholzer vor der Amriswiler Wirtschaft. Thema im Alters- und Pflegezentrum (APZ) war, «wie der Thurgauer Volkswirtschaftsdirektor seinen Oberthurgau sieht».

Es war Stadtpräsident Martin Salvisberg, dem Gastgeber des 12. Amriswiler Wirtschaftsapéros, vorbehalten, den Magistraten und Referenten kurz vorzustellen. Auch der Ehrengast, der am 1. Juni sein neues Amt übernommen hatte, schaute etwas zurück. «Mit Martin verbinden mich viele gute Erlebnisse», erzählte Schönholzer aus der Zeit, als er – noch als Gemeindepräsident Kradolf-Schönenbergs – mit seinem Amriswiler Pendant nach Sitzungen zusammen eine Zigarre geraucht und ein gutes Glas Wein genossen hatte. Auch würden sie beide gerne Skifahren, was in der Diashow im Hintergrund durch private Fotos von Schönholzer auf der Skipiste noch untermauert wurde.

Zuerst widmete sich Schönholzer ganz konkret der Frage des Abends, ob es für ihn «sein Oberthurgau» sei. «Schauen Sie», sprach er zu den rund 140 Anwesenden, «als Einwohner und ehemaliger Präsident einer Gemeinde, die jetzt im Bezirk Weinfelden ist, schaue ich ans Tor des Oberthurgaus und bin selber kein Oberthurgauer mehr. Doch in seiner Rolle als Regierungsrat blicke er aus Frauenfeld noch aus weiterer Ferne, «und da ist es nun <mein> Oberthurgau».

Durch Unterwäsche-Deal in den Regierungsrat

Der Oberthurgau sei auch die Wiege seiner politischen Karriere, verriet Schönholzer. Mit Andreas Sallmann habe er einst Plakate für die Kantonsratswahlen geklebt, wobei auch Schönholzers Töchter geholfen hätten. Als deren Motivation beim Plakatieren zu sinken drohte, habe Sallmann den jungen Frauen «knappe Unterwäsche» aus seiner Kollektion gezeigt, was Schönholzers Töchtern einen Motivationsschub verlieh. «Ich hätte damals nie gedacht, dass mich dieser Unterwäsche-Deal einst nach Frauenfeld bringt», sagte er lachend.

Auch in der Folge nahm Schönholzer kein Blatt vor den Mund und sagte frei heraus, dass aus seiner Sicht der Oberthurgau im Vergleich zu anderen Wirtschaftsräumen zu stark «auf das vernachlässigte hässliches Entlein macht». Man jammere gerne auf hohem Niveau.

«Ich würde mir wünschen, dass der Oberthurgau viel selbstbewusster auftritt und sich auf die eigenen Stärken besinnt», wünschte sich Schönholzer. Als Beispiel nannte er die Regionalplanungsgruppe, welche mit breiter Brust auftrete. Die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden sei sehr gut, «und im Oberthurgau rauft man sich über die Parteigrenzen hinweg zusammen, wenn es um oberthurgau-spezifische Themen geht». Besser als in anderen Regionen.

Fahrplanverdichtung bringt Mehrkosten

Im Anschluss daran informierte Stadtpräsident Salvisberg über Entwicklungen im städtischen Wirtschaftsleben und die damit verbundenen Auswirkungen.

Salvisberg leitete dann über zur Vernehmlassung zum Kantonalen Richtplan, die zwar abgeschlossen sei, mit 320 Eingaben jedoch «alles andere als gut» auf dem Weg sei. Er wies auch daraufhin, dass im Richtplan für den Oberthurgau keine Strategischen Arbeitsplatzzonen (SAZ) aufgeführt seien, «obwohl sich das Gebiet im Schrofen mit dem geplanten Anschluss von BTS und OLS geradezu dafür aufdrängt».

Regierungsrat Schönholzer musste sich weitere Klagen anhören, als es um die Verdichtung des Fahrplans ging. Sechsstellige Mehrkosten budgetiere Amriswil. Komme hinzu, dass mit einem dichteren Fahrplan wohl auch noch der Bahnhofplatz neu gestaltet werden müsste.

Zuletzt konnten die zahlreichen Vertreter aus Wirtschaft und Politik dem Gast auf den Zahn fühlen und Fragen stellen. Eloquent beantwortete Schönholzer auch diese, bevor es zum Apéro riche ins Foyer des APZ hinüberging und die Gespräche mit dem Volkswirtschaftsdirektor in lockerer Atmosphäre bei Sandwiches, Gemüse-Dip und kleinen Desserts weitergingen.