AMRISWIL: Sogar ein Leutnant stieg hoch

Vor 25 Jahren wurde die evangelische Kirche renoviert. Am Museumssonntag erzählen der Architekt Edwin Kunz und der ehemalige Kirchenpräsident Eugen Fahrni von dieser anspruchsvollen Aufgabe.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Die evangelische Kirche Amriswil – hier im Baugerüst – wurde vor 25 Jahren renoviert. (Bild: PD (Frühjahr 1992))

Die evangelische Kirche Amriswil – hier im Baugerüst – wurde vor 25 Jahren renoviert. (Bild: PD (Frühjahr 1992))

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

amriswil@thurgauerzeitung.ch

Die Erzählstunden im Ortsmuseum sind beliebt: Einmal mehr mussten Stühle zusammengerückt und zusätzliche Bänke herbeigeholt werden.

«Es war am Palmsonntag 1992, als die renovierte evangelische Kirche in Amriswil – mit dem höchsten Turm im Thurgau – feierlich eingeweiht wurde», erzählte Museumspräsident und damaliger Kirchenpräsident sowie Baukommissionsmitglied Eugen Fahrni. Einheimische und Passanten konnten während mehrerer Monate das beachtliche, über 75 Meter hohe Baugerüst bestaunen. Mehr als 200 Berater, Unternehmer, Handwerker, eine Baumkommission sowie die Vorsteherschaft hatten in Zusammenarbeit das damals schon 100-jährige neugotische Bauwerk erneuert. In zwei Abstimmungen genehmigten die Stimmbürger Kredite und erteilten der Behörde den Auftrag für die Aussen- und Innenrenovationen.

«Zuerst analysierten wir die Bauaufgabe, studierten die Rahmenbedingungen und entwickelten eine Strategie für die Vorgehensweise», erklärte Architekt Edwin Kunz aus Amriswil. «Wir verbrachten Stunden im Archiv der Kirchbehörde, um uns ein Bild über die Grundlagen für das weitere Vorgehen zu verschaffen.» Die Schäden, die grösstenteils durch normale Witterungseinflüsse entstanden sind, wurden fotografisch festgehalten und dokumentiert.

Mit den Gerüstarbeiten konnte im Februar 1991 begonnen werden. Die Kirchenfassade wurde gereinigt, mit Hammer und Meissel rückten die Handwerker dem Kunststein zu Leibe. Unter anderem wurden das Ornament auf dem Dach rekonstruiert, die Seitentürme repariert und Zifferblätter sowie Zeiger der Uhren ersetzt. Ebenso wurde innen der Verputz abgeschlagen und nebst vielen weiteren Umbauarbeiten auch der Kircheneingang sowie der Chorraum neu gestaltet.

Viel Innenstaub gab es, erinnerte sich Edwin Kunz: «Manchmal sah es im Innern der Kirche aus wie an einem nebligen Herbsttag im Thurgau.» Zudem mussten Lukenöffnungen erstellt werden. Denn bei den Renovationsarbeiten wurde festgestellt, dass sich eine Kolonie Fledermäuse im Dachraum befand. Eingelötet in vier Blechbehälter, wurden abschliessend verschiedene wichtige Dokumente in die feuervergoldete Kugel eingelassen, welche die Kirchturmspitze ziert. Die Renovationsarbeiten konnten im Rahmen der bewilligten Kredite durchgeführt werden.

Gästebuch für Turmbesteiger

Urkunden bezeugen erstmals zwischen 1165 und 1174 die Existenz der Kirche Niedersommeri. Die evangelischen Gemeindemitglieder aus Amriswil und Umgebung besuchten dort die Gottesdienste. Im Jahre 1350 wurde in Amriswil eine Kapelle gebaut, wo sich heute das Kirchgemeindehaus befindet. Durch das starke Bevölkerungswachstum hatten die Protestanten das Bedürfnis nach einer neuen Kirche. 1892 wurde die evangelische Kirche eingeweiht. Carl Roesch aus Dies­senhofen gestaltete im Jahre 1922 farbige Kirchenfenster, später wurden eine Holzdecke, Orgelwand und Empore eingebaut.

Während der Umbauphase vor 25 Jahren legte der Spenglermeister Hansruedi Baer aus Amriswil hoch oben im Turm ein Buch auf, damit sich die Turm­besteiger eintragen konnten.

Unter den zahlreichen Einträgen sei sogar eine Widmung vom Leutnant Angus Gascoigne der Royal Navy aus Edinburgh zu finden, sagte Eugen Fahrni. Der Unfallversicherer Suva hatte jedoch eingegriffen, weil für Unbefugte das Besteigen des Turmes verboten war. Es sei jedoch nie etwas passiert – auch dann nicht, wenn Betrunkene nach ihrer Beizentour den Turm bestiegen hatten.

Der Ortsmuseumspräsident freute sich, dass er gerade rechtzeitig zum Museumssonntag das Turmbuch erhalten hatte. «Leni Baer, die Frau des damaligen Spenglers, hat es mir gestern überreicht.»