AMRISWIL: «Oft fühle ich mich als Gefangene»

Mit dem Welcome-Café in der Chrischona-Cafeteria wird Gastfreundschaft über kulturelle Grenzen hinweg gepflegt. In den Gesprächen geht es um Bürgerkrieg , Heimweh und Chancenlosigkeit.

Barbara Hettich
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Fröhliche Runde mit dem Sohn einer Helferin: Eva Stäheli, Rahma Asad, Nahrin Makso und Sitä Akdenis. (Bild: Barbara Hettich)

Fröhliche Runde mit dem Sohn einer Helferin: Eva Stäheli, Rahma Asad, Nahrin Makso und Sitä Akdenis. (Bild: Barbara Hettich)

Barbara Hettich

amriswil@thurgauerzeitung.ch

An einem Tisch im Welcome-Café sitzen Rahma Asad aus Somalia, Nahrin Makso aus Syrien, Sitä Akdenis aus der Türkei und Eva Stäheli aus der Schweiz. Einen unterschiedlicheren Hintergrund könnten die vier Frauen kaum haben und vielleicht wird gerade auch deshalb angeregt diskutiert, erzählt, getröstet und gelacht.

Gastfreundschaft ist für die freiwilligen Helferinnen und Helfer des Welcome-Cafés kein leeres Wort. Sie gehören verschiedenen Frei- und Landeskirchen an und haben keine Berührungsängste mit Menschen aus anderen Kulturen. Und eines haben sie gemeinsam: Sie wollen, dass sich die Ausländer, die Flüchtlinge, welche hier leben, bei uns in der Schweiz willkommen fühlen. «Ich war selbst auch schon im Ausland und weiss, wie es ist, wenn man sich fremd fühlt», erklärt Emil Mike Kradolfer, einer der freiwilligen Helfer.

Die ausländischen Menschen einladen

Vor rund einem Jahr hat das Café Welcome seine Tür erstmals geöffnet. Entstanden ist das Angebot auf Initiative von Vreni Keller aus Schocherswil. Immer schon hatte sie Kontakte zu Menschen aus anderen Kulturen. «Ich sah die ausländischen Menschen am Bahnhof, im Amriville – das bewegte mein Herz. Ich wollte sie einladen, um Beziehungen zu knüpfen, um Gastfreundschaft zu ermöglichen.» Ein Team von zwölf freiwilligen Helfern öffnet seither Mittwoch für Mittwoch das Welcome-Café in der Cafeteria der Chrischona-Gemeinde in Amriswil und lädt kostenlos zu Kaffee und Kuchen.

«Hier fühle ich mich wirklich willkommen», erzählt Rahma Asad. Mit ihren Kindern ist sie wegen des Bürgerkriegs und insbesondere wegen der drohenden Beschneidung ihrer Tochter aus Somalia geflüchtet. Seit zehn Jahren lebt sie in der Schweiz, findet als vorläufig aufgenommener Flüchtling keine Arbeit, sie macht sich grosse Sorgen, wie sie das Geld, das sie vom Sozialamt bekommt, je wieder zurückzahlen kann. Oft habe sie Depressionen, fühle sich wertlos und sei so dankbar, dass sie sich am Mittwochnachmittag mit verständnisvollen Menschen austauschen könne.

Zweifel, ob Flucht der richtige Entscheid war

Nahrin Makso ist erst seit zwei Jahren mit Mann und vier Kindern in der Schweiz. Die Syrerin spricht ausgezeichnet Deutsch. «Ich bin ja nicht blöd, in meiner Heimat war ich Lehrerin.» Das Café Welcome sei ein Segen für sie, mittlerweile betätigt sie sich auch als freiwillige Helferin. Sie sei dankbar, dass die Schweiz ihr und ihrer Familie Schutz vor dem Krieg gegeben hat. Aber manchmal zweifle sie, ob die Flucht aus ihrer Heimat der richtige Entscheid war. «Wenn ich meinen 21-jährigen Sohn mit Universitätsausbildung zu Hause untätig rumsitzen sehe, dann könnte ich weinen.» Als vorläufig Aufgenommene hätten sie keine Chance auf Arbeit. «Oft fühle ich mich als Gefangene in der Freiheit und sterbe hier einen langsamen Tod, mir fehlt mein früheres soziales Umfeld.»

Sitä Arkdenis hört sich still die Geschichten der anderen Frauen an. Vor 44 Jahren ist sie von der Türkei zum Arbeiten in die Schweiz gekommen. Mittlerweile ist sie pensioniert und kommt gerne ins Welcome-Café, um neue Leute und ihre Geschichten kennen zu lernen. Oft traurige Geschichten. «Wir können ihnen auch keine Arbeit vermitteln, aber wir sind hier und nehmen Anteil», sagt Emil Mike Kradolfer.