AMRISWIL: Mit Leib und Seele Stadtpräsident

Die Stadt entwickelt sich. Für den Stadtpräsidenten Martin Salvisberg ist das ein Grund, zufrieden auf das vergangene Jahr zurückzublicken, auch wenn nicht immer alles rund gelaufen ist – und noch schwierige Herausforderungen anstehen.

Rita Kohn
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Stadtpräsident Martin Salvisberg blickt im Sitzungszimmer des Stadthauses auf ein ereignisreiches Jahr zurück. (Bild: Reto Martin)

Stadtpräsident Martin Salvisberg blickt im Sitzungszimmer des Stadthauses auf ein ereignisreiches Jahr zurück. (Bild: Reto Martin)

Rita Kohn

rita.kohn@thurgauerzeitung.ch

Wenn Stadtpräsident Martin Salvisberg das Jahr 2016 in einem Wort zusammenfassen müsste, fiele seine Wahl auf den Begriff «Zufriedenheit». «Natürlich sind wir bei vielem nicht dort, wo wir sein wollten», schränkt er jedoch gleich ein. Er weiss, dass die vielen Baustellen in Amriswil die Bevölkerung strapaziert haben. Und – da kein baldiges Ende in Sicht ist – es auch weiterhin tun. Dennoch gehört auch das zum Thema Zufriedenheit. «Wir wollen für die Zukunft etwas verbessern.» Der Ausbau und die Erhaltung der Infrastruktur ist eine wichtige Grundlage für die Entwicklung der Stadt. Diese hatte in den vergangenen Jahren zunehmend mit Verkehrsproblemen zu kämpfen. Ganz wird sich dieses Problem in absehbarer Zukunft nicht lösen lassen. Dessen ist sich Martin Salvisberg durchaus bewusst. Er verweist jedoch darauf, dass sich die Situation mit dem neuen Verkehrskonzept, an dessen Umsetzung gerade mit Hochdruck gearbeitet wird, spürbar verbessern wird. So hofft er auf die Geduld der Menschen in Amriswil, die in den nächsten Jahren mit weiteren Baustellen leben müssen.

Kopfzerbrechen bereitet dem Stadtrat etwa die bevorstehende Sanierung des Kreisels Mühlebach. «Der Kreisel wird 2017 saniert,» kündigt der Stadtpräsident an. Doch wie der Verkehrsfluss gelenkt werden soll, dass der Knotenpunkt nicht zum ewigen Staupunkt wird, weiss Martin Salvisberg noch nicht. Klar ist, dass der Kreisel heute zu den Punkten in Amriswil zählt, die am stärksten belastet sind. Muss er doch nicht nur den Ost-West-Verkehr aufnehmen, sondern auch den Nord-Süd-Verkehr. «Es wird zu massiven Behinderungen kommen. Aber er muss dringend saniert werden.» Eingebaut wird eine Betonschicht, die der Fliehkraft der schweren Fahrzeuge besser standhalten soll. Vom Bau des Pentorama-Kreisels her weiss Martin Salvisberg, dass mit dem Aufbringen des Betons grosse Erwartungen verknüpft sind. «Sobald die Betonschicht aufgebracht ist, sinkt das Verständnis, wenn der Kreisel noch eine ganze Weile nicht befahren werden kann.» Dabei würde der spezielle Beton eine Weile brauchen, bis er genügend ausgehärtet ist, um der Belastung standzuhalten. Beim Pentorama-Kreisel führte dies zu einigen Reaktionen.

Die Baustellen gaben zu diskutieren

Die Situation mit den Baustellen führte 2016 auch zu verschiedenen Diskussionen in der Öffentlichkeit. Besonders die untere Bahnhofstrasse gab zu reden. Martin Salvisberg gibt zu, dass da nicht alles optimal gelaufen ist. Besonders der Umstand, dass durch den Wasserrohrbruch an der Rütistrasse ein Notfall entstanden ist, bei dem die Equipe kurzfristig von der Unteren Bahnhofstrasse abgezogen werden musste, führte zu Verzögerungen der Bauarbeiten. Der Wasserrohrbruch hatte ein teilweises Absinken und Einbrechen des Strassenbelags an der Rütistrasse zur Folge, der Schaden musste so schnell wie möglich behoben werden. «Für die Anwohner der Unteren Bahnhofstrasse war das eine zusätzliche Belastung, weil die Arbeiten in ihrem Gebiet so lange ruhten», gibt Martin Salvisberg zu. Inzwischen seien die Arbeiten aber fertiggestellt, und die Anwohner dürfen sich über eine schön gestaltete und vor allem intakte Strasse freuen.

Der Stadtrat ist sich dessen bewusst, dass die noch zu erwartenden Baustellen in den nächsten Jahren weiterhin für Gesprächsstoff bei den Einwohnerinnen und Einwohnern – und für manchen roten Kopf – sorgen werden. Aber es sei ­nötig, das Strassennetz auf einem guten Stand zu halten, um den Herausforderungen durch den wachsenden Verkehr gewachsen zu sein, sagt der Stadtpräsident. Neben dem Kreisel Mühlebach sind die Sanierung der Arbonerstrasse und die Sanierung der Weinfelderstrasse bis Biessenhofen in der Planung.

Es gibt viele, denen es nicht gut geht

Sorgen macht sich der Stadtpräsident über die Menschen, die mit sozialen Problemen zu kämpfen haben. «Es gibt einen Bevölkerungsanteil, dem es nicht gut geht», konstatiert er. Zwar sei die Anzahl der Fälle, die durch die öffentliche Hand unterstützt werden müssten, nicht gewachsen. Aber vieles sei komplexer geworden, und der neue Kurs der Invalidenversicherung, die ihre Leistungen in verschiedenen Bereichen massiv gekürzt hat, wirke sich aus. «Die Rückzahlungsquote sinkt, was den Finanzhaushalt der Stadt belastet.» Zudem sinkt auch die Perspektive der betroffenen Personen. Natürlich würde es auch da und dort Missbrauch von Sozialbezügern geben, und den gelte es gezielt zu bekämpfen. «Wir setzen zur Not auch mal Sozialdetektive ein», macht Martin Salvisberg klar. Das dürfe aber nur dann Thema sein, wenn ein begründeter Verdacht bestehe, dass hier etwas nicht stimme.

Der Stadtpräsident macht sich Gedanken darüber, wie sich das Sozialwesen in Zukunft entwickeln wird. Die aktive Bautätigkeit in Amriswil spielt hier ebenfalls eine Rolle. Denn die vielen Neubauwohnungen ziehen nicht nur Menschen aus anderen Regionen an, sie werden auch von Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt bezogen. Dabei werden günstigere Altbauwohnungen frei, in die Menschen aus anderen Gemeinden zuziehen, die von der öffentlichen Hand abhängig sind. Die Zen­trumsfunktion von Amriswil bringt in diesem Bereich eine wachsende Belastung mit sich.

Der Stadtpräsident will aber nicht düstermalen. Er ist davon überzeugt, dass nicht nur die Bevölkerung wächst, sondern letztlich auch das Steuereinkommen der Stadt. Immerhin haben verschiedene Faktoren dazu beigetragen, dass auf die für das Jahr 2017 ursprünglich vorgesehene Steuerfusserhöhung noch einmal verzichtet werden konnte. Wie lange das der Fall ist, ist schwer abzuschätzen. Denn es ist klar, dass die vielen Investitionen in die Infrastruktur auch zu einem Mehrbedarf an finanziellen Mitteln führen, der nicht ausschliesslich über das wachsende Steuereinkommen generiert werden kann. «Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir mit den Investitionen nicht im selben Umfang weitermachen können», schränkt denn Martin Salvisberg auch ein. Vieles sei jetzt dank der extrem niedrigen Zinsen möglich gewesen. «Wir konnten uns in den letzten Jahren gut positionieren und günstige Kredite abschliessen. Wenn aber der Zinsfuss steigt, werden wir das über kurz oder lang auch merken.» Positiv entwickelt haben sich Massnahmen wie etwa die Erhöhung des Tarifs beim Stadttaxi: «Wir haben erreicht, was wir uns erhofft hatten.»

Mehr Austausch zwischen den Gruppen

Obwohl der Stadtpräsident die gesellschaftliche Struktur von Amriswil als gesund einstuft, wünschte er sich noch ­einen etwas besseren Austausch der verschiedenen Gruppen. «Hier herrscht teilweise ein Dörfligeist», bedauert er. Die Bezeichnung «Dorf» bringt ihn dann gleich zum Schmunzeln. «Vor allem die alteingesessenen Bewohnerinnen und Bewohner sehen Amriswil tatsächlich als Dorf. Für die Neuzuzüger ist es bereits eine Stadt.» Die Umbenennung in Stadt habe vor allem für die Kommunikation nach aussen viel gebracht und Amriswil hätte sich seither etwas besser positionieren können. Das liege aber auch an der politischen Entwicklung der Stadt. «Ich habe Glück, mit diesem Stadtrat zusammenarbeiten zu können», sagt Martin Salvisberg.

Der Glaube an die Zukunft sei auch im Bereich des Gewerbes spürbar. Ladenflächen im Zentrum lassen sich nach wie vor vermieten, auch wenn kein Boom nach Gewerbeflächen zu spüren ist. «Schön ist es, wenn bestehende Geschäfte sich vergrössern und an eine bessere Lage ziehen. Es ist ein Zeichen dafür, dass sie das Zentrum von Amriswil als zukunftsträchtig sehen», sagt der Stadtpräsident. Er ist überzeugt, dass der Neubau der Migros im Zentrum, der 2017 an die Hand genommen werden soll, ebenfalls positive Signale geben wird.

Nun wünscht er sich noch eine Verbesserung der Situation für die Gastronomie. Etliche Lokale sind in den letzten Jahren für immer geschlossen worden. Andere Betriebe haben zu kämpfen. Die Vielfalt der Gastronomie hat, im Vergleich mit anderen Städten wie etwa Weinfelden, abgenommen. Und wo eine Pensionierung ansteht, ist der Fortbestand des Betriebs oft nicht gesichert. «Ich würde mich freuen, wenn die Gastronomie wieder einen etwas fruchtbareren Boden findet, um sich entfalten zu können», sagt der Stadtpräsident. Das aber liegt vor allem auch am Verhalten der Bevölkerung, die die einheimische Gastronomie entsprechend frequentieren muss.

2017 werden viele laufende Projekte abgeschlossen

Für das kommende Jahr wünscht sich der Stadtpräsident viele zufriedene Menschen in Amriswil. Etliche Projekte, die derzeit noch am Laufen sind, können im kommenden Jahr abgeschlossen werden. Allen voran der Bau des Pentorama-Kreisels und die Neugestaltung des Strassenabschnitts zwischen Kreisel Alleestrasse und dem Pentorama. Andere Projekte, denen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger bereits ihre Zustimmung erteilten, können in Angriff genommen werden. So etwa die Neubauten auf dem Sportplatz. Die dringend benötigten Garderoben werden schon im Frühjahr an die Hand genommen, der Start des Sporthallenneubaus dürfte sich in den Herbst verschieben.

Auch wenn das Amt des Stadtpräsidenten nicht immer einfach ist, so zieht Martin Salvisberg für sich persönlich eine positive Bilanz. Selbst nach etwas schwierigeren Jahren, in denen die Stadt sich auch die eine oder andere Kritik anhören musste, sagt er unumwunden, dass er mit Leib und Seele Stadtpräsident sei. «Am Anfang habe ich mich öfters mal schwergetan, aber inzwischen fühle ich mich wohl in dieser Funktion und freue mich, für Amriswil etwas bewirken zu können.»