AMRISWIL: Mehr Geld ist nicht genug

Das Sportprojekt «Open Sunday» wird diesen Winter nicht durchgeführt. Es liegt alleine an den Kosten, sagt der Stadtrat. Obwohl die Stadt 3000 Franken mehr ausgeben wollte, gab es keine Einigung.

Manuel Nagel
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Für die Amriswiler Kinder wird diesen Winter die Nordstrasse-Turnhalle an den Sonntagen wohl geschlossen bleiben. (Bild: Reto Martin (Turnhalle Nordstrasse, 8. November 2015))

Für die Amriswiler Kinder wird diesen Winter die Nordstrasse-Turnhalle an den Sonntagen wohl geschlossen bleiben. (Bild: Reto Martin (Turnhalle Nordstrasse, 8. November 2015))

AMRISWIL. Der Aufschrei in den sozialen Netzwerken war gross. «Das ist ein Armutszeugnis für die Stadt Amriswil», war in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Amriswil, wenn…» zu lesen. «Leider hat die Gemeinde für alles andere Geld, nur für so etwas nicht mehr» schreibt ein weiteres enttäuschtes Mitglied dieser Gruppe.

Diese Vorwürfe kann Richard Hungerbühler nicht akzeptieren und er will sie so auch nicht im Raum stehen lassen. Als neugewählter Stadtrat übernahm er 2015 das Ressort Jugend und somit auch das Dossier des «Open Sunday». Ein Projekt, bei welchem Kinder am Sonntag in einer Turnhalle Sport treiben können.

«Für die letzte Saison 2015/16 war schon alles aufgegleist», erklärt Hungerbühler, doch für die laufende Saison wollte er von den Organisatoren eine Erklärung haben, weshalb die Kosten von Jahr zu Jahr steigen und nicht abnehmen wie sonst üblich bei Projekten, die sich etabliert haben.

Organisatorin des «Open Sunday» in Amriswil und in vielen anderen Ortschaften der Schweiz ist die Stiftung «Idée Sport». Deren Projektmanagerin Marina Bellini bestätigt, dass Gespräche mit der Stadt Amriswil stattgefunden hätten, aber man letztlich sich finanziell nicht einigen konnte.

Laut Stadtrat Hungerbühler wollte die Stadt Amriswil für die Saison 2016/17 auf den Zahlen der vergangenen Saison aufbauen: 21 Veranstaltungen, für welche die Stadt Amriswil bereits 13 000 Franken budgetiert hatte. Zudem erklärte sich die Stadt bereit, die budgetierten 1700 Franken Defizit zu übernehmen, dazu 1000 Franken, welche das kantonale Sportamt weniger einschiessen wollte. «Diese 15 700 Franken haben wir dann noch aufgerundet auf 16 000», sagt Richard Hungerbühler, «aber dieser Betrag war unsere oberste Grenze.» Trotz 3000 Franken mehr Mitteln seitens der Stadt gab es immer noch eine Differenz von rund 4000 Franken.

Professionalität bringt höhere Kosten mit sich

Marina Bellini erklärt die Kosten mit dem grossen Aufwand, den ein solches Projekt mit sich bringt. Man habe einerseits Kosten vor Ort. Dazu zählen die Präsenzzeiten der beiden Projektleiter, aber auch die Senior- und Junior-Coaches, welche jeweils die Leiter bei der Betreuung der Kinder unterstützen. «Diese Coaches, Schüler der Oberstufe, müssen wir natürlich ausbilden. Dazu führen wir eine Springerliste und machen Werbung. Und der Projektleiter erstellt nach jedem <Open Sunday> einen Report für unsere Statistik», sagt Bellini.

Für Hungerbühler ist vieles davon nicht nötig. Bei anderen Jugendorganisationen wie in der Pfadi gebe es auch keine kostspieligen Schulungen, sonst müsste man viele dieser Angebote streichen. «Auch brauchen wir nicht nach jeder der 21 Veranstaltungen einen ausführlichen Bericht. Da liegt in unseren Augen ein grosses Sparpotenzial, denn der Stundenansatz für Administratives ist ein dreistelliger Frankenbetrag. Das ist in unseren Augen viel zu hoch.»

Reto Mayer, Leiter von «Idée Sport» für die Deutschschweiz, verteidigt und erklärt die Kosten, die er nicht als zu hoch erachtet: «In den letzten Jahren hat <Idée Sport> für den Standort Amriswil jedes Jahr selber Spendengelder gesammelt und so das Defizit gedeckt.» Nun hätten sie neue Berechnungen aufgestellt und die effektiven Kosten berechnet, die es zur Deckung der Ausgaben brauche. «Deshalb mussten wir auch unseren Stundenansatz erhöhen.» Die Stiftung wolle vermeiden, dass die beinahe 200 Projekte in der Schweiz weiter am Stiftungskapital nagen. «Eigentlich müssten die Projekte selbsttragend sein. Gemeinden und Kanton sollten rund 80 Prozent der Kosten übernehmen», sagt Mayer.

Die Stadt bat deshalb «Idée Sport», Vorschläge einzubringen, wie man die Kosten senken könnte, und was mit den 16 000 Franken der Stadt möglich wäre. «Die Verantwortlichen schlugen uns vor, nur 15 statt 21 Veranstaltungen durchzuführen. Dennoch lagen die Kosten mit 16 700 Franken immer noch über unserer Vorgabe», sagt Hungerbühler.

Reto Mayer und Marina Bellini bedauern, dass es schliesslich nur an 700 Franken gelegen habe, dass keine Einigung erzielt werden konnte. Etwas kritischer sieht es Stadtrat Richard Hungerbühler. Eigentlich sei es vor allem ein Leistungsabbau gewesen. Die Kinder hätten sechs Sonntage weniger gehabt, die Kosten pro Veranstaltung wären jedoch etwa gleich hoch geblieben.

Eine kleine Hoffnung bleibt noch

«Wir haben in unserer Administration Strukturen geändert und Abläufe vereinfacht», sagt Reto Mayer. Weitere Einsparungen seien dort nicht mehr möglich, und bei den Kindern wolle man keine Einsparungen machen.

Durchschnittlich 35 Kinder seien in den letzten drei Jahren jeden Sonntag in die Turnhalle an der Nordstrasse gekommen. «Wir wollen vor allem Kinder, die nicht in einem Sportverein sind, zum Sport bringen», sagt Bellini. Und ihr Vorgesetzter ergänzt, dass die Coaches, Jugendliche der Oberstufe, erste Erfahrungen als Leiter sammeln könnten. «Nebst einem kleinen Betrag bekommen sie von uns auch Arbeitszeugnisse, die sie ihren Bewerbungen beilegen können», sagt Mayer. Das sei auch ein Mehrwert für die Stadt.

Alles Punkte, mit denen Stadtrat Hungerbühler einverstanden ist. Man habe auch nie bei den Kosten für die Leiter oder die Hilfsleiter sparen wollen. «Aber über hundert Franken pro Stunde um zu telefonieren und Statistiken zu machen, das ist zu viel.» Hungerbühler betont aber ausdrücklich, dass die Stadt sonst sehr zufrieden gewesen sei. «Die Organisation, die Aufmachung, die Leute – alles hat gestimmt. Das Fallbeil sind die Zahlen.» Zudem sei für ihn die Anzahl Kinder am «Open Sunday», die keinem Verein angehören, zu klein. «Wir erreichen also unsere Zielgruppe nur sehr bedingt.»

Für diese Saison scheint der Zug wohl abgefahren, auch wenn Marina Bellini die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat und weitere finanzielle Quellen erschliessen will. Das Angebot soll aber gratis bleiben, gerade für Familien, die es sich nicht leisten können, die Kinder in einen Verein zu schicken. «Spenden sind jedoch immer willkommen, und diese werden dann auch nur am jeweiligen Ort eingesetzt», sagt die Projektverantwortliche für den Amriswiler «Open Sunday».

Auch von der Stadt her ist die Türe weiterhin offen, falls sich in nächster Zeit noch eine Lösung abzeichnen sollte. Ziel der Stadt ist es, nächstes Jahr wieder etwas anbieten zu können, allenfalls in Zusammenarbeit mit örtlichen Vereinen. Hungerbühler ist überzeugt, dass sich eine Lösung finden wird. «Würde man die 16 000 Franken auf verschiedene Sportclubs aufteilen, wäre das auch ein willkommener Zustupf in deren Kasse», meint er.

Reto Mayer ist jedoch überzeugt, dass diese Rechnung nicht aufgeht und die Kosten für die Stadt letztlich höher sein werden.

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