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AMRISWIL: Er war ein grosser Patron

Am 8. Dezember verstarb Robert Sallmann im 97. Lebensjahr. Er war nicht nur erfolgreicher Unternehmer im Familienbetrieb ISA, er baute auch eine Kutschensammlung auf, die ihresgleichen sucht. Ein Nachruf.
Eugen Fahrni
Robert Sallmann in seiner Kutschensammlung, die ihm so wichtig war und für die er 2012 den Anerkennungspreis der Stadt Amriswil erhielt. (Bild: Reto Martin)

Robert Sallmann in seiner Kutschensammlung, die ihm so wichtig war und für die er 2012 den Anerkennungspreis der Stadt Amriswil erhielt. (Bild: Reto Martin)

Eugen Fahrni

amriswil@thurgauerzeitung.ch

Gestern Nachmittag nahm eine grosse Trauergemeinde in der evangelischen Kirche Abschied von Robert Sallmann, dem ehemaligen Inhaber der Textilfirma ISA Sallmann AG. Die Stadtharmonie grüsste ihren Gönner und ihr Ehrenmitglied zum letzten Mal mit dem Thurgauerlied – ein bewegender Moment, in dem sich manch Trauernde oder Trauernder still eine Träne aus den Augen wischte. Unter den Anwesenden befanden sich nebst Familie, Freunden und Bekannten auch viele ehemalige und heutige Mitarbeiter der Firma. Viele erwiesen Robert Sallmann zudem die letzte Ehre, die seine einmalige Kutschensammlung kennen und jeweils von seinen Erzählungen fasziniert waren.

Im wahrsten Sinne des Wortes ging ein reich erfülltes Leben zu Ende. Es ist fast unmöglich zu erwähnen, was Robert Sallmann in seinem langen Leben alles gemacht und erreicht hat. Seine wichtigsten Lebensinhalte waren seine Familie und deren aussergewöhnliche Geschichte, die Firma, die Pferde und die Kutschensammlung.

Vorfahren aus Sachsen und ein Känguru

Geboren wurde Robert Sallmann am 23. Juli 1921. Zusammen mit den zwei Geschwistern Oskar und Elisabeth wuchs er an der Weinfelderstrasse auf. Sein Vater Oskar Sallmann führte in Amriswil die gleichnamige Textilfirma, die 1849 durch den sächsischen Flüchtling Joseph Sallmann als erste Trikotfabrik der Schweiz gegründet worden war.

Nach der Schule leistete Robert Sallmann im 2. Weltkrieg Aktivdienst. 1943 konnte er in Reutlingen (Deutschland) das Textil-Technikum absolvieren. Er erlernte insbesondere die Technik des Wirkens und des Strickens. Noch während der Kriegszeit reiste er nach Amerika und arbeitete dort in der Seidenweberei der Familie seiner Mutter. Kurz nach dem Krieg starb sein Vater. Robert Sallmann reiste unverzüglich zurück in die Schweiz und übernahm im Alter von 26 Jahren die Firma. Seine Zeit als Leiter des bereits beachtlichen Unternehmens war gekennzeichnet durch die Extreme –einerseits die Goldenen Sechzigerjahre, andererseits die nachfolgende Wirtschaftskrise.

Robert Sallmann hatte in den USA viel in Sachen Werbung und Marketing gelernt. Man erinnert sich noch gerne an die ISA Every-man Slips, die mit einem Känguru beworben wurden. Dazu sagte Robert Sallmann in einem Film mit schmunzeln: «Das Känguru hat vorne was im Beutel und es hüpft herum, und trotzdem verrutscht die Unterhose nicht.»

Mit Weitsicht die Wirtschaftskrise überlebt

In dieser Blütezeit beschäftigte ISA bis zu 270 Mitarbeiter. Dann kamen die Krisenjahre, als fast die gesamte Amriswiler Textilindustrie die Produktion einstellen musste. Robert Sallmann hatte vorgesorgt. Die Gewinne früherer Jahre konnte er während der Rezession zum Überbrücken einsetzen und so die Arbeitsplätze erhalten und sichern. Von den grösseren Firmen überlebte einzig Sallmanns Unternehmen. Er stellte zwar die Produktion von Damenoberbekleidung ein. Doch er forcierte die Herrenwäsche mit Erfolg. Weitsichtig war in den 70er Jahren überdies die Gründung einer Produktionsfirma in Portugal, die einen wesentlichen Anteil am Weiterbestehen der Firma bis zum heutigen Tage hat.

Robert Sallmann galt stets als sozialer Arbeitgeber. Seine Devise lautete: «Unser Betrieb besteht nicht nur aus Maschinen und Produkten, sondern auch aus Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen. Unser Verhältnis ist von gegenseitigem Vertrauen geprägt.» 1990 konnte der weitsichtige Patron seinem Sohn Andreas ein gesundes Unternehmen übergeben, das auch heute noch mit Erfolg Herrenwäsche produziert.

Robert Sallmann bezeichnete seine Heirat im Jahr 1951 mit Ester, einer Tochter eines Fabrikanten aus Baveno im Piemont als «Glücksfall». Der harmonischen Ehe entsprossen die drei Kinder Carola, Andreas und Dorina. Gemeinsam setzten sie sich kompromisslos für die Firma, ihre Produkte und ihre Belegschaft in. Esty, wie er sie stets liebevoll nannte, verstarb im Jahr 2000.

Besuch in Wien gab den Anstoss zur Sammlung

Neben der Führung der Firma baute Robert Sallmann die wohl grösste private Kutschensammlung der Schweiz auf, die auch international grosse Beachtung fand. Sein Wissen zu all diesen besonderen Fahrzeugen war ausserordentlich und floss ein in das «Kutschenlexikon», das in Fachkreisen als Standardwerk auf diesem Gebiet bezeichnet werden kann. Von überall auf der Welt kamen Besucher, um zu staunen. Alles begann 1961, als er im Schloss Schönbrunn bei Wien eine Ausstellung besuchte und sich entschloss, ebenfalls Kutschen, Wagen und Fuhrwerke zu sammeln und sie zusammen mit Fachleuten zu restaurieren. Zu Beginn gehörte auch eine ganze Reihe einheimischer Fahrzeuge und familieneigener Kutschen und Schlitten zur Sammlung.

Für Robert Sallmann waren seine Kutschen nicht nur Fahrzeuge. Sie waren seine Leidenschaft. Er wusste zu jedem Fahrzeug auch den entsprechenden geschichtlichen Hintergrund, wie und von wem es verwendet wurde und er wusste auch oft amüsante Geschichten über die ehemaligen Besitzer zu erzählen. Doch das genügte ihm nicht und er sammelte zusätzlich zu den Fahrzeugen unzählige Dokumente, Bilder und Gegenstände.

Seine Fahrzeuge sah man früher oft auf den Oberthurgauer Strassen und Wegen. Nur ein Beispiel: Als der Weltpostverein im Schloss Hagenwil tagte, transportierte Robert Sallmann die Teilnehmer und Gäste aus aller Welt per Postkutsche vom Bahnhof Amriswil nach Hagenwil – von unzähligen Zuschauern am Strassenrand applaudiert.

Als Sammler von Kutschen kannte er zudem Stallmeister bis ins Königshaus von Grossbritannien. In der weltbekannten amerikanischen Zeitschrift «The Carriage Journal» erschienen oft seine illustrierten Artikel. Immer wieder wurde er Ehrenmitglied von Kutschen- oder Pferdesportvereinigungen.

Was Robert Sallmann auch sonst noch auszeichnete war sein ausgeprägtes Geschichtsverständnis. So erforschte er an Ort und Stelle die sächsische Herkunft seiner Familie. Er suchte und fand die Gründe, weshalb alle Generationen schwere Krisen erlebt und durchgestanden haben. Er schrieb alles auf und publizierte für seine Familie, aber auch für die Öffentlichkeit Bücher und Broschüren, wie etwa die Darstellung der Geschichte des Industrievereins Amriswil, so dass auch die Nachwelt von seinem Wissen profitieren kann.

Nebst Buchautor auch noch Politiker

Sein Leistungs- und Gestaltungswille war es auch, der ihn in die Politik führte. Zwölf Jahre war er in der Ortskommission (heute Stadtrat) von Amriswil tätig, und sieben Jahre diente er als Mitglied des Grossen Rates dem Kanton. Unvergesslich sind auch seine Schriften über die Gemeindegrenzen von Amriswil oder über seine Begegnungen, als er zu Fuss mit seinem Hund die Schweiz durchwanderte und dabei viele Menschen porträtierte.

Im Jahre 2012 verlieh ihm Amriswil den Anerkennungspreis aus Dankbarkeit für seine Kutschensammlung und für seine kulturelle Tätigkeit als Kulturförderer in und für Amriswil.

In den letzten Jahren wurde es um Robert Sallmann ruhiger. Mit seinen Kindern, Enkelkindern und seiner Lebenspartnerin Maria erlebte er viele schöne Stunden und auch Ferien und Reisen nach Italien. Trotz Altersbeschwerden machte er noch oft seine Kutschensammlung gemeinsam mit dem Ortsmuseum an Museumssonntagen der Bevölkerung zugänglich. Dabei waren die Besucher nicht nur von der Ausstellung fasziniert, sondern ebenso von Robert Sallmanns Geschichten und Wissen.

Sein feiner Humor kam ebenfalls noch ab und zu zum Vorschein. Anlässlich der Verleihung des Anerkennungspreises der Stadt Amriswil sagte er: «Ich bin ja nun in meinem schönen Alter an einem wunderbaren Höhepunkt angelangt. Ich bin ohne Ambitionen, es wäre schön, wenn ich noch einige Jahre gesund bleiben dürfte. Und nun warte ich geduldig, bis ich meine Schuhe gegen Flügel eintauschen darf.»

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