AMRISWIL: Er unterrichtete 50 000 Lektionen

Nach über 44 Jahren nimmt Fritz Wälchli Abschied von seiner Lehrertätigkeit. Er werde die Schule und die Jugendlichen vermissen. Dafür wird er nun Klavier spielen und predigen.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Fritz Wälchli freut sich über die Mappe mit den persönlichen Widmungen der Schülerinnen und Schüler. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Fritz Wälchli freut sich über die Mappe mit den persönlichen Widmungen der Schülerinnen und Schüler. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

amriswil@thurgauerzeitung.ch

«Ist die Buchstütze im rechten Winkel? Habt ihr das Holz angemalt?», fragt Fritz Wälchli seine Schülerinnen und Schüler, die mit den Schlussarbeiten an ihren Buchstützen beschäftigt sind. Zum letzten Mal gibt der Sekundarlehrer Anweisungen, zum letzten Mal steht er den Jugendlichen im Werkraum in der Sekundarschule Grenzstrasse mit Rat und Tat zur Seite. Der 65-Jährige, der mehr als 44 Jahre in Amriswil unterrichtet hat – insgesamt dürften es rund 50 000 Lektionen gewesen sein – geht in Pension. Im Herbst 1972 stand er zum ersten Mal in Amriswil vor einer Schulklasse, am Dienstagnachmittag zum letzten Mal.

Fritz Wälchli ging bereits als Kind gerne zur Schule, und schon früh stand für ihn fest, dass er Lehrer werden wollte. In Buchackern aufgewachsen, besuchte er die Sekundarschule Erlen und anschliessend die Kantonsschule Romanshorn. «An der Kanti war ich in der ersten Klasse, die dort bei der Eröffnung im Jahr 1969 geführt wurde.» Nach der Matura unterrichtete er für ein halbes Jahr im Oberstufenschulhaus an der Bahnhofstrasse in Amriswil, wo sich heute der Coop befindet. An seinen ersten Schultag als Lehrer mag er sich gut erinnern. «Es waren Schülerinnen und Schüler der zweiten Realklasse – eine gewaltige Herausforderung, denn die Jugendlichen waren ja beinahe gleich alt wie ich», erzählt er und lacht. «Vermutlich hatte ich einen Jugendbonus, denn ich habe mich auf Anhieb gut mit ihnen verstanden.»

Nachdem er anschliessend ein Jahr lang am Lehrerseminar in Kreuzlingen studiert hatte, bekam er im April 1974 eine Festanstellung in Amriswil. Berufsbegleitend konnte er das Zusatzstudium zum Oberstufenlehrer absolvieren. Es herrschte noch Lehrermangel, erinnert sich der Pädagoge. «Ich musste mich nicht mal bewerben, die Schulbehörde hat mich damals gleich wieder angefragt.»

Computer hielten Einzug im Schulzimmer

Zu Beginn seiner Lehrertätigkeit habe er etwa 15 verschiedene Fächer unterrichtet – alle, ausser dem Textilen Werken, der einstigen Nähschule. «Die Schüler waren noch den ganzen Tag bei mir im Unterricht.» Der ständige Lehrerwechsel in den Schulfächern entfiel. Es gab Realschul- und Sekundarschulklassen – später wurde die integrierte Oberstufe mit Niveauklassen eingeführt, das heisst leistungsmässig gemischte Stammklassen. Und überhaupt habe sich die Gesellschaft in all den Jahren stark verändert. In den 80er-Jahren hielten die ersten Computer im Schulzimmer Einzug. Sicher bringe dies viele Vorteile, berge aber auch viele Gefahren, ist Fritz Wälchli überzeugt. In der Medienerziehung in der Schule lernen die Jugendlichen jedoch den bewussten Umgang mit den Medien. Früher habe er die Zeugnisnoten mit dem Taschenrechner ausgerechnet. «Mein erster Taschenrechner, den ich als Lehrer anschaffte, hatte vier Grundoperationen und kostete 400 Franken», sagt der Lehrer lachend.

Bis vor fünf Jahren war Fritz Wälchli Klassenlehrer, dann hat er sein Pensum reduziert und seither als Werklehrer gearbeitet. Als Pionierarbeit bezeichnet er den Naturgarten um das Schulhaus Grenzstrasse. Vor dreissig Jahren gehörte er zu den Initianten dieses Gartens und hat dann die Betreuung über all die Jahre übernommen. Mit dem Traktor hat der Sekundarlehrer jeweils den damals noch grossen Nutzgarten südlich des Schulhauses gepflügt. «Das Fach Gartenbau gibt es schon lange nicht mehr – fiel auch einer der Reformen zum Opfer. Heute ist es aber wieder im Kommen», sagt Fritz Wälchli.

Mit sieben Enkeln wird es ihm nicht langweilig

«Unser Werklehrer wird uns ganz bestimmt fehlen», sind die beiden Sekundarschülerinnen Aiyana Ferreira und Zoé Müller überzeugt. «Herr Wälchli war immer sehr hilfsbereit», sagt Aiyana, und Zoé meint: «Er war beliebt, ich fand es cool bei ihm.» Zum Abschied überreichen die Schülerinnen und Schüler der ersten Sekundarschulklassen dem scheidenden Lehrer eine Mappe mit persönlichen Widmungen und bedanken sich mit einem lang anhaltenden Applaus.

Fritz Wälchli betont, dass es ihm schwer fällt, aus dem hilfsbereiten und wertschätzenden Kollegium auszuscheiden. «Sicher werde ich die Schule und die Jugendlichen vermissen», verrät der engagierte Pädagoge. «Ich hatte immer einen guten Draht zu den Jungen und habe es nie bereut, diesen Beruf erlernt zu haben.» Fritz Wälchli freut sich aber, in Zukunft mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu können. Mit sechs Enkeln, in einigen Wochen seien es sieben, wird es ihm sicher nicht langweilig.

Er möchte auch wieder vermehrt Klavier spielen und wandern. Zudem plant er, in seinem eigenen Naturgarten drei Hochbeete anzulegen und eine Trockenmauer zu bauen. Weiterhin wird er regelmässig als Laienprediger in der Bildungsstätte Sommeri amten und kantonsweit Pfarrvertretungen machen. «Ich bin ganz bestimmt für die nächsten zwei Jahre ausgebucht.»