AMRISWIL: Baggerzähne knabbern 80 Jahre weg

Viele Jahre führte Hans Wuhrmann seine Praxis an der Zielstrasse 9. Nun muss das Gebäude dem neuen Migros-Bau weichen. Der Zahnarzt blickt zurück auf die Geschichte und Geschichten dieses Hauses.

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Das Haus an der Zielstrasse 9 wird abgebrochen. (Bild: Rita Kohn)

Das Haus an der Zielstrasse 9 wird abgebrochen. (Bild: Rita Kohn)

Dieser Tage wird das kleine rote Haus abgerissen, das zwischen Migros und Amriville stand. Erbaut wurde es 1937, vom Architekten Paul Büchi, der unter vielem anderem auch die katholische Kirche (1939) entwarf. Paul Büchi war ein vielseitiger Mann, Künstler, Segelflieger, durchaus Lebemann und – soweit ich ihn im hohen Alter kennen lernen durfte – ein sehr netter Mensch.

Er starb 1979. Ältere erinnern sich vielleicht noch, wie er mit dem Velo oder seinem silbernen 190 SL Cabrio im Wald Brennholz sammeln ging. Sein Vermögen vermachte der Kinderlose dem Zürcher Kunsthaus.

Das Haus an der Zielstrasse war ein schlichter, praktischer Bau von guter Qualität, hell, luftig und mit für die Zeit grosszügigen Räumen. Büchi hatte es für sich selber und für seinen Freund, den Zahnarzt Ernst Fröhlich, erstellt. Um unter Freunden ganz sicher keine Probleme zu bekommen, erhielt das Haus gleich zwei unabhängige Heizungen.

Sein Architekturbüro wanderte 1942 vom Dachgeschoss in den niedrigen Anbau im Osten, zusammen mit dem Bildhaueratelier seiner Lebensgefährtin. Als beides nicht mehr aktuell war, diente der Anbau dem Buchverlag unseres bekannten Dino Larese.

Später wurde er zum Teppichgeschäft Thoma, dann zu einer tollen Zwei-Zimmer-Wohnung und für die letzten Jahre zum Übungs- und Clublokal meines Sohnes Beat. Die eher Jüngeren kennen Asaviga und die Hot Pistons.

Weidende Schafe und Parkierkünste

Der junge Ernst Fröhlich hatte gleich nach seinem Staatsexamen, notfallmässig, die Zahnarztpraxis des plötzlich verstorbenen Dr. Weder an der Alleestrasse übernommen. Dort, und dann an der Zielstrasse, praktizierte er weit über 45 Jahre, bis zu seinem 75. Lebensjahr.

Um 1950 baute er seine Villa auf der Egg. Volkstümlich, ein begeisterter Jäger und Kunstmaler, wurde auch er 90-jährig. Er war Mitbegründer der Schulzahnklinik und betreute Generationen von Sekundarschülern.

Für mich war er ein mehr als fairer Partner. 1977 war ich auf der Suche nach einem geeigneten Ort, um mich als Zahnarzt niederzulassen. An einem Fortbildungskurs traf ich Ivano Mombelli und bald war es so weit: Ich richtete mich neu ein und übernahm nach und nach die Praxis meines Vorgängers und konnte schliesslich die idyllische Liegenschaft erwerben. Ein riesiger Kirschbaum stand vor den Fenstern, dahinter bis zur Rütistrasse mit den alten Häusern eine Wiese mit Birnbäumen und Schafen.

Doch diese Idylle hielt nicht ewig. Aus dem kleinen Migros-Lädeli an der Bahnhofstrasse wurde der Migros Markt mit dem grossen Parkplatz. Statt der Schafe konnte man die Parkierkünste der Oberthurgauer beobachten. Und gegenüber wurde die Kleiderfabrik Hess zum Amriville.

Nachfolge beim Töffausflug geregelt

Auch ich führte die Zahnarztpraxis gegen 40 Jahre, erfolgreich und mit viel Arbeit und Freude verbunden. Viele, eigentlich nur gute Erinnerungen sind geblieben, so wie liebe Verbindungen zu ehemaligen Patienten.

Die meisten Assistenzärzte blieben etliche Jahre und sind ebenso Freunde geblieben. 2002 kam der liebenswürdige Mexikaner José Gonzalez, er ist noch immer da, mit Schweizer Diplom, bei meinem Nachfolger Ivo Müller. 2010 erhielt ich den Anruf eines Versicherungsmaklers, ob ich mein BVG mal wieder ... Ich erklärte lachend, ich dächte eher so langsam ans Aufhören. Und wie es sich so ergab, hatte der Mann einen sehr netten Schwiegersohn, der gerade auf der Suche nach einer gut laufenden Praxis war. Wir besprachen die Sache auf einem Töffausflug auf den St. Anton. Und so wurde 2011 die Praxis Dr. Wuhrmann zu Familydent Dr. Müller.

So langsam platzte die Praxis aus allen Nähten und Ivo Müller ist nicht unglücklich, nach Fertigstellung der Migros-Überbauung in grössere Räume umziehen zu können. Zurzeit ist die Praxis provisorisch an der Bahnhofstrasse.

Es war ein gutes Haus, schade drum. Aber es stand dem Neubau so richtig im Weg, die Migros musste es zum Abbruch kaufen. Mit ihm verschwindet der Ort, wo während 80 Jahren viele Amriswiler und Oberthurgauer zahnärztlich betreut wurden. Hoffentlich bleiben gute Erinnerungen nicht nur bei mir haften.

Hans Wuhrmann

amriswil

@thurgauerzeitung.ch