ALTNAU: «Es war streng, aber spannend»

Als einziger Schweizer leistete Andreas Koch an der Seilzieh-WM Einsätze als Schiedsrichter. Von der chinesischen Millionenstadt Xuzhou, ihren Einwohnern und deren Gepflogenheiten war er beeindruckt.

Hana Mauder Wick
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Hana Mauder Wick

kreuzlingen@thurgauerzeitung.ch

Andreas Koch hat als einziger Schweizer vier Tage lang an der Indoor-WM im Seilziehen in China gepfiffen. Für das 53-jährige Mitglied des Seilzieh-Clubs Altnau-Scherzingen eine besondere Erfahrung. Ein Rückblick nicht nur in Sachen Sport.

Andreas Koch, was ist Ihnen von der Weltmeisterschaft in Xuzhou am meisten in Erinnerung geblieben?

Die Lockerheit der Seilzieh-Mannschaften. Sogar nach mehreren sportlich intensiven Tagen waren sie noch für einen Scherz zu haben.

Sind Sie oft zum Einsatz gekommen?

Mehr als erwartet. Es gab zu wenig internationale Schiedsrichter. Das bedeutete für uns bis zu 14 Begegnungen an einem Nachmittag. Es gab Tage, da hatte ich kaum zehn Minuten Pause. Das war streng, aber immer spannend.

Blieb da noch Zeit, Land und Leute kennen zu lernen?

Ja, am Abend und im Anschluss an die Weltmeisterschaft. Ich hatte mich vorgängig so gut wie möglich informiert und eingelesen. Xuzhou ist eine 8,5-Millionen-Stadt. Wir haben zum Beispiel Ausflüge in Museen und in die Altstadt unternommen.

Und war es so, wie Sie erwartet hatten?

Mich hat die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen überrascht. Es gab einen Fall, da sassen wir in einem Restaurant vor einer Speisekarte in chinesischer Schrift ohne Übersetzung. Ein Mann am Nebentisch bemerkte unsere Not und gab die Speisekarte sofort für uns in eine Übersetzungs-App ein.

Sind in Xuzhou Touristen aus Europa selten?

Mit Sicherheit. Wir wurden extrem häufig fotografiert. Manchmal ganz offensichtlich, manchmal mit versuchter Diskretion.

«Andere Länder, andere Sitten», trifft das hier zu?

Ja. Es ist in China üblich, in aller Öffentlichkeit auszuspucken. In den Taxis steht eigens ein Schild, das die Fahrer ermahnt, nicht aus dem fahrenden Auto zu spucken. Es ist eine Sitte, die uns schon irritiert. Dafür schnäuzt man sich nicht in der Öffentlichkeit.

Haben sich die Einwohner von Xuzhou für die Seilzieh-WM interessiert?

Am Eröffnungstag war das Stadion voll. Danach gingen die Zuschauerzahlen schon zurück. Aber es kamen immer wieder Schulklassen zu Besuch. Aus Sicht der Teilnehmer war es auch sehr interessant. Da kamen Länder zur WM, die sonst nie anreisen: Singapur, Macao, die Mongolei oder Hongkong.

Verlief die Organisation reibungslos?

Die Polizeipräsenz war enorm. Überall standen Männer in schwarzer Uniform und verlangten von den Teilnehmern, ihre Ausweise zu zeigen. Wir mussten schliesslich mit ihnen das Gespräch suchen und erklären, dass man nicht auf Schritt und Tritt seine Papiere bei sich tragen kann. Es war den Organisatoren spürbar wichtig, nicht das Gesicht zu verlieren.

Was ist Ihnen ausserhalb des Turniers besonders aufgefallen?

In dieser Stadt fahren Millionen von Rollern und unzählige Taxis. Aber jedes einzelne Fahrzeug ist mit einem elektrischen Antrieb ausgestattet. Die Smog-Situation anderer Städte wie beispielsweise in Peking hat man hier ernst genommen und sich entsprechend umorientiert.

War das Ihre erst Reise in den asiatischen Raum?

Ja. Das ist das Spannende an meinem Amt als Schiedsrichter. Der Seilzieh-Sport bringt Menschen zusammen, die sich sonst nie treffen würden. Und man reist an Orte, die man noch nie gesehen hat.