Als Kinder Alkohol erhielten

WEINFELDEN. Dass vieles im Dorf nicht so ist, wie es den Eindruck macht – davon konnten sich mehr als ein Dutzend Personen bei der Führung zu Schätzen in Räumen und Kellern überzeugen.

Christof Lampart
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Der Schein trügt: Die Decke des Weinfelder Bezirksgerichtes ist aus Gips. (Bild: Stefan Schaufelberger)

Der Schein trügt: Die Decke des Weinfelder Bezirksgerichtes ist aus Gips. (Bild: Stefan Schaufelberger)

Dass Weinfelden nie die offizielle Hauptstadt des Kantons Thurgau wurde, «verdankt» es seinen Häusern. Denn was heute gerne als einmalig und schützenswert erachtet wird, nämlich die historisch gewachsene und bis dato nie abgebrannte Altstadt, erwies sich im 19. Jahrhundert als Hindernis. «Frauenfeld brannte zweimal ab; da war dann genug Platz, so dass man breitere Strassen bauen konnte», erzählt Führer Martin Sax, seines Zeichens Weinfelder Gemeinderatsschreiber und ehemaliger Primarlehrer.

Wein für Schüler

Und zu schildern weiss Sax nicht nur informativ, sondern auch interessant. Er erzählte aus einer Zeit, wo «Bottellons» unbekannt waren, dafür das Weintrinken auch Kindern erlaubt: «Als 1840 das Pestalozzi-Schulhaus eingeweiht wurde, gab es für jeden Schüler einen Liter Wein zum Mittagessen».

Dass in früheren Jahrhunderten auch Kinder und Jugendliche massenweise Bier und Wein tranken, hatte jedoch einen anderen Grund: Giessen und Thur waren dermassen durch Hausrats- und Produktionsabfälle verschmutzt, dass das Wasser ungeniessbar war.

Und selbst das vom Ottenberg in hölzernen Tücheln herab- geleitete Trinkwasser erfreute sich nicht immer grosser Beliebtheit. Sax: «Die Strecke führte durch den Friedhof, so dass man sagte, dass das Wasser speziell im Sommer einen ganz besonderen Geruch habe».

Berühmtheiten

Beim Gang durchs Rathaus wurde offensichtlich, wie wenig Gemeinsames – nämlich sozusagen gar nichts – die beiden wohl berühmtesten Söhne des Dorfes, Thomas Bornhauser und Paul Reinhart, miteinander hatten.

Dabei könnte man heute meinen, dass die beiden Zwillinge gewesen seien, hängen doch nicht nur im Rathaus ihre Porträts nebeneinander, sondern auch ansonsten begegnet man ihnen in Weinfelden überall im Doppel – gibt es doch sowohl Strassen als auch Schulhäuser nach ihren Namen. «Beide haben wohl von der «Trauben»-Treppe aus zur Bevölkerung gesprochen; aber als Reinhart dort 1798 den Thurgau aus der Untertanenschaft führte, war Bornhauser (*1799), welcher dem Thurgau 1831 eine der ersten liberalen Verfassungen gab, doch gerade erst geboren.

Und als Bornhauser seine Rede hielt, war Reinhart schon seit einigen Jahren tot», so Sax.

Wie in der Semper-Oper

Doch auch am Rathaus ist vieles nicht so, wie es scheint. So besteht die Decke des Bezirksgerichts nicht aus schweren Hölzern, sondern aus Gips und Farbe. Die Holzmaserung ist gemalt. Wer genau hinschaut, sieht, dass an einigen Rändern der Gips leichte Risse aufweist. «Damals war die Arbeit billig und das Material teuer», sagt Sax.

In anderen Häusern, wie dem Haffter-Hof, sind keine «Maserierungen», sondern «Marmorierungen» zu sehen. Etwas «Bünzliges» mag Sax an der Zurschaustellung falschen Reichtums nicht erkennen. Marmor sei damals nördlich der Alpen teuer gewesen. Und sowieso: «In der Semper-Oper in Dresden wurde die gleiche Technik angewendet. Und dort beklagt sich ja auch niemand darüber».

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