«Alle haben Respekt verdient»

KREUZLINGEN. Kreuzlingen ist multikulturell: Im Jugendinformationsladen JIL unterstützen Caroline Wenk und Urs Fillinger Jugendliche aller Nationen bei Projekten. Dabei ziehen Ausländer und Schweizer am gleichen Strick. Der hohe Ausländeranteil in Kreuzlingen biete auch Chancen.

Brigitta Hochuli
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«Was man nicht kennt, wird oft als befremdend wahrgenommen», sagen die Sozialarbeiter Urs Fillinger und Caroline Wenk. (Bild: Reto Martin)

«Was man nicht kennt, wird oft als befremdend wahrgenommen», sagen die Sozialarbeiter Urs Fillinger und Caroline Wenk. (Bild: Reto Martin)

Kreuzlingen. «Kreuzlingen hat wenig Ausgangsmöglichkeiten für Jugendliche», sagen die 32jährige Caroline Wenk und der 42jährige Urs Fillinger und meinen die insgesamt rund 2000 hier lebenden 12- bis 18-Jährigen.

Im Jugendinformationsladen JIL, der sich seit 2005 an der Bahnhofstrasse 4 befindet, bieten die beiden Sozialarbeiter professionelle Unterstützung. Hier können die Jugendlichen über Probleme sprechen, Zeitung lesen, am Computer surfen, Schulaufgaben machen oder sich bei der Lehrstellensuche beraten lassen.

Das Team der Offenen Jugendarbeit «O JA!» hilft, eine Jugendparty zu organisieren oder eine neue Sportart zu lernen. Ziel ist es, den Jugendlichen das nötige Wissen mitzugeben, damit sie ihre Ideen und Projekte möglichst eigenverantwortlich organisieren und umsetzen können.

«Gut integriert»

«Wir sind kein Jugendtreff», betont das Leiterteam. Im Kreuzlinger Jugendtreff an der Konstanzerstrasse hatte es vor dem Umzug an die Bahnhofstrasse Probleme gegeben.

Davon kann heute keine Rede mehr sein. Caroline Wenk und Urs Fillinger sind stolz, dass Jugendliche aus dem Balkan genauso mit Italienern, Spaniern, Portugiesen wie mit Deutschen und Schweizern befreundet sind. «Es ist gut, dass Schweizer mit ausländischen Jugendlichen etwas unternehmen», sagt Urs Fillinger. «Unsere Jugendlichen sind gut integriert. Sie nehmen sich nicht als Ausländer wahr.»

Während es früher nationenbedingte Ausgrenzungen gegeben habe, liege heute der Focus anderswo. Unterschiede spürbar seien zwischen den Niveaus der Oberstufe, dem Elternhaus, in der Freizeitgestaltung und in der Unterscheidung zwischen «cool» und «un-cool» oder der Zugehörigkeit zu einzelnen Cliquen. «Für Jugendliche in Kreuzlingen ist der kulturelle Hintergrund nicht ausschlaggebend, der einzelne Mensch steht im Zentrum», sagen Wenk und Fillinger.

Heldenhaft hinter den Mädchen

«Es wäre gut, wenn sich die sozialen Grenzen noch mehr verwischen würden», sagt Caroline Wenk. Respekt verdienten sie im «JIL» aber alle. Es werde nichts pauschalisiert. Die Jugendlichen sprächen zum Beispiel «toll» über ihre Lehrer oder die Buben stellten sich heldenhaft hinter die Mädchen. «Viele der Jugendlichen aus dem Balkan sind zudem erfolgreiche Fussballer.» Ein Projekt, bei dem 200 Jugendliche mit Begeisterung mitmachen, ist deshalb das Fussballturnier «Nonqos», das sie zweimal im Jahr selbständig durchführen, letztmals am vergangenen Wochenende.

Ein weiteres Projekt heisst «Partyfactory». Mit viel Spass organisieren Jugendliche selbständig Events für ihre Altersgruppe. Die frühere Schwierigkeit, dafür Räume zu finden, wird bald ein Ende haben, wenn in der Nähe der Bodensee-Arena das neue Jugendhaus eröffnet wird. Hier werden nicht nur Partys, sondern auch Workshops oder Vorträge zum Beispiel über das eigene Herkunftsland oder die Charaktere der einzelnen Nationen stattfinden können.

Seit Jahren unterwegs

Neben der Betreuung im «JIL» leisten Caroline Wenk und Urs Fillinger unter dem Titel «A Ja!» auch so genannte aufsuchende Jugendarbeit in der Nacht. Während die neuerdings aktiven Nachtwanderer für die Sicherheit der Jugendlichen sorgten, sei es seit Jahren die Aufgabe der offenen Jugendarbeit «O Ja!», die Jugendlichen für Projekte zu motivieren oder sich zu erkundigen, wie es mit der Lehrstellensuche laufe.

Wenk und Fillinger haben auch hier viel Einfühlungsvermögen. Jugendliche hätten je nach Herkunft ein anderes Verständnis von öffentlichem Raum und halt einfach das Bedürfnis, draussen zu sein. Von vielen Jugendlichen würden Alkohol und Zigaretten konsumiert, Drogen hingegen kaum. Drogenszenen erleben die beiden eher bei Erwachsenen.

Integration «nicht einfach so»

Caroline Wenk und Urs Fillinger finden es wichtig, dass Integration aktiv betrieben werden könne. Sie müsse einen Stellenwert in der gesamten Bevölkerung haben und alle müssten sich darum bemühen. «Was man nicht kennt, wird oft als befremdend wahrgenommen. Die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen ist aber für jeden eine Bereicherung.»

www.oja-kreuzlingen.ch

Wisam Al Naemi, 16jährig. (Bild: ho)

Wisam Al Naemi, 16jährig. (Bild: ho)