«Albträume? Ich bin abgehärtet»

Ihre Fantasy-Romane sorgten international für Aufsehen. Nun ist Schluss mit dem Teenie-Dasein: Heute Samstag werden die Weinfelder Zwillingsbrüder Jyoti und Suresh Guptara 20 Jahre alt. Ihre Fantasy-Romane haben weltweit Furore gemacht. Grossartig sei das aber nicht, meint Jyoti Guptara.

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«Hinter unseren Monstern stecken intelligente Kräfte»: Jyoti Guptara. (Bild: Lukas G. Dumelin)

«Hinter unseren Monstern stecken intelligente Kräfte»: Jyoti Guptara. (Bild: Lukas G. Dumelin)

Jyoti Guptara, alles Gute zum Geburtstag! Wie geht's?

Jyoti Guptara: (lacht) Ich fühle mich alt.

Sie haben ja auch schon viel erreicht. Mit ihrer Fantasy-Welt «Calaspia» hatten Sie Erfolge in Indien, in Italien und im deutschsprachigen Raum. Sie können sich zurücklehnen – verdient haben Sie sicher genug.

Guptara: Geld? Wir könnten die nächsten Jahre ohne Arbeiten leben – Inflation einberechnet! Aber das wäre zu langweilig. Erfolg ist immer relativ. Wir haben nichts Grossartiges vollbracht, wir waren nur stur – und bleiben es. Für mich wird Literatur erst jetzt recht spannend.

Jetzt sind Sie kein Teenie mehr. Fällt nun der «Jungautoren-Bonus» weg?

Guptara: Nein, als «jung» gilt man unter Autoren bis 40. Oder bis die grauen Haare kommen. Ich befürchte, bei mir werden es die grauen Haare sein.

In Calaspia, Ihrer Romanwelt, fallen hirnlose Monster ein. Gegen diese muss Held Bryn ankämpfen. Hat Ihnen Ihre Phantasie auch schon Albträume beschert?

Guptara: Albträume? Ja. Aber jeder Mensch hat Phantasie. Jeder träumt, und jeder hat Albträume. Ich bin inzwischen abgehärtet. Und hinter unseren Monstern stecken intelligente Kräfte.

Geplant ist eine Trilogie. Der erste Band ist auf Deutsch erhältlich, kürzlich ist Ihre Lesetour mit über 100 Lesungen zu Ende gegangen. Wie übersteht man das?

Guptara: Man muss die Menschen mögen – oder ein sehr guter Schauspieler sein. Jedes Publikum ist anders. Es ist toll, seine Leser kennenzulernen, so viele verschiedene Leute. Aber ich freue mich auf drei Monate Tour-Pause. Dann geht es mit dem zweiten Band weiter.

Als Star unter den Fantasy-Autoren haben Sie sicher auch Groupies.

Guptara: Vereinzelt. Das gibt es in der Literatur nicht wirklich. Schriftsteller sind meistens anonyme Stars. Die will man nicht von nahem bewundern, eine gewisse Mystik muss bestehen bleiben. Für Groupies müsste ich es eher als Sänger oder Schauspieler versuchen. Und sowieso: Heute muss man nur oft genug im Fernsehen sein, schon ist man «Star» – absurd!

Ist Weinfelden nicht langweilig für junge Leute?

Guptara: Nein, im Gegenteil: Junge Leute sind langweilig für Weinfelden. Wenn ich Teenager sehe, sehe ich vergeudetes Potenzial. Vor allem auch in mir selbst. Das Leben wäre viel mehr, als wir daraus machen.

Sie haben mit 15 die Schule geschmissen. Nun ist auch die Lesetour fertig: Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag lang?

Guptara: Die Tage sind kurz, die Nächte lang. Ich schreibe Bücher und mache alles, was dazugehört. Was genau, das wüssten meine Freunde auch gern. (lacht) Und in den Weihnachtsferien werde ich mit meinem Bruder Suresh die Arbeiten zum dritten Band abschliessen.

Suresh studiert in England ja Physik. Sie selber studieren nichts. Weshalb?

Guptara: Er lernt Physik, ich lerne alles. Man muss nicht zur Kantonsschule oder Universität, man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen und neugierig sein. Da entdeckt man manches, was nicht in Lehrbüchern steht. Ich bilde mich selber weiter, indem ich lese, denke und schreibe. Keine Universität kann das überbieten.

Jetzt haben Sie Geburtstag, bald ist Weihnachten. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Guptara: Dass meine Generation ihre Apathie abschüttelt und kapiert, wie gut es ihr geht. Man hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten und Verantwortung. Das ist ein Privileg! Die Jungen sollen ein Beispiel für die Älteren sein. Daran will ich arbeiten. Bevor die grauen Haare kommen.

Interview: Lukas G. Dumelin

Suresh und Jyoti Guptara: Calaspia. Die Verschwörung. Deutsch von Frank Böhmert. Rowohlt Taschenbuch, 720 Seiten, Fr. 30.70

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