Abwärtstrend trotz Höhenflug

ROMANSHORN. Romanshorn ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Evangelische Kirchgemeinde verliert jedoch tendenziell Mitglieder. Mit den Querelen der letzten Jahre hat die Entwicklung nur am Rande zu tun.

Markus Schoch
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Die Evangelische Kirchgemeinde profitiert kaum vom starken Bevölkerungswachstum von Romanshorn in der jüngsten Vergangenheit. Die Zahl der Einwohner der Stadt am Wasser ist seit dem Jahr 2001 um fast 15 Prozent gestiegen, die Evangelische Kirchgemeinde hat aber in der gleichen Zeit Mitglieder verloren, und zwar 320 oder über 8 Prozent.

Anders sieht es bei der Katholischen Kirchgemeinde St. Johannes aus, zu der Romanshorn, Salmsach und Uttwil gehören. Sie hat in der gleichen Periode 135 Mitglieder gewonnen, was einem Plus von 3 Prozent entspricht.

Die gegenläufige Entwicklung hat Folgen von historischer Bedeutung. 2007 gab es in Romanshorn selber erstmals mehr katholische als evangelische Einwohner, 3108 gegenüber 3105. Vor hundert Jahren machten die Katholiken nur einen Drittel der Bevölkerung im Dorf aus.

Verluste über Durchschnitt

Der Abwärtstrend der Evangelischen Kirchgemeinde Romanshorn-Salmsach ist auf den ersten Blick keine Überraschung: In der jüngsten Vergangenheit kam es immer wieder zu öffentlichen Auseinandersetzungen – der jüngste Streit mit Chorleiter Markus Meier ist nur der letzte auf einer mittlerweile langen Liste. Dass sich in der Folge Kirchbürger abwenden, scheint nur die logische Folge.

Und tatsächlich: Zwar verlieren die evangelischen Kirchgemeinden im Thurgau insgesamt Mitglieder, aber deutlich weniger als in Romanshorn: Bei allen zusammen belief sich das Minus zwischen den Jahren 2000 und 2011 auf etwa 4,5 Prozent, in Romanshorn waren es mehr als doppelt so viele (10,3 Prozent).

In guter Gesellschaft

Romanshorn ist allerdings in guter Gesellschaft. Die Evangelische Kirchgemeinde Arbon schrumpfte im gleichen Zeitraum sogar noch stärker, nämlich um über 12 Prozent. Und das obwohl es dort in den letzten Jahren ruhig war: Es gab keine Personaldiskussionen, und die Vorsteherschaft sah sich auch nicht wie diejenige in Romanshorn zum kollektiven Rücktritt genötigt. Allerdings ist die Bevölkerung von Arbon in der Vergleichsperiode weniger stark gewachsen als diejenige von Romanshorn (5 gegenüber 11 Prozent).

Die grossen Kirchgemeinden im Thurgau würden alle eine ähnliche Entwicklung nehmen, sagt Ruedi Rinderknecht, der frühere Präsident der Evangelischen Kirchgemeinde Romanshorn-Salmsach. Die Querelen auch unter seiner Führung hätten darauf kaum einen Einfluss. Nach Streitigkeiten seien die Kirchbürger jeweils nicht in Scharen davongelaufen. Zwischen 2000 und 2010 kehrten jährlich durchschnittlich 29 Personen der evangelischen Kirchgemeinde Romanshorn-Salmsach den Rücken. Am wenigsten waren es 2002 mit 17, am meisten 2010 mit 45.

Die hauptsächlichen Gründe für die Austritte seien immer finanzielle, ruft der aktuelle Präsident Heinz Loppacher in Erinnerung. Auseinandersetzungen seien nur selten der Auslöser.

Dass die evangelische Landeskirche im Thurgau insgesamt relativ gut dasteht, hat vor allem mit den kleineren Gemeinden im Kanton zu tun. Sie polieren die Bilanz auf. In den letzten fünf Jahren seit dort ein eigentlicher Trend zum Eintritt festzustellen, war kürzlich im «Kirchenboten» zu lesen. Ausgeprägt festzustellen ist das unter anderem in den Kirchgemeinden Kesswil-Dozwil und Uttwil.

Mehr katholische Zuwanderer

Die Unterschiede in der Entwicklung zu den Katholiken erklären sich Loppacher und Rinderknecht mit der Religionszugehörigkeit der Zuwanderer. Unter ihnen habe es vergleichsweise mehr Katholiken als Protestanten. «Und ihre emotionale Bindung zur Kirche ist viel stärker als bei uns», sagt Rinderknecht. Dazu komme, dass die evangelische Landeskirche es offenbar nicht schaffe, die Deutschen als grösste Ausländer-Gruppe in Romanshorn abzuholen. «Wir haben relativ viele kalte Austritte», vermutet Rinderknecht.

Mittlerweile am meisten Romanshorner gehören weder der katholischen noch der evangelischen Kirche an. Seit 2008 sind die Konfessionslosen beziehungsweise Angehörigen anderer Religionen in der Überzahl. Im Jahr 2000 lag ihr Anteil bei 26,7 Prozent, 2011 waren es bereits 37 Prozent. Im Thurgau sind die Evangelischen mit 41 Prozent nach wie vor die stärkste Religionsgemeinschaft, 16 Prozent bezeichnen sich als konfessionslos.

Die Zahl der Ausländer in Romanshorn ist in den letzten zehn Jahren von etwas über 26 auf 29 Prozent gestiegen.