Abstimmung über die Ära Mattle

In Bischofszell geht ein Wahlkampf zu Ende, in dessen Verlauf viel Porzellan zerschlagen wurde. Das Klima ist aufgeheizt, das Image der Stadt beschädigt. Es ist nicht mehr die Kulturszene der Stadt, die Schlagzeilen liefert, sondern die politische Schlammschlacht.

Georg Stelzner
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In Bischofszell geht ein Wahlkampf zu Ende, in dessen Verlauf viel Porzellan zerschlagen wurde. Das Klima ist aufgeheizt, das Image der Stadt beschädigt. Es ist nicht mehr die Kulturszene der Stadt, die Schlagzeilen liefert, sondern die politische Schlammschlacht. Begonnen hat die Auseinandersetzung nicht vor ein paar Wochen, sondern im Grunde schon vor vier Jahren. Auch damals wurde versucht, Stadtammann Josef Mattle, zu diesem Zeitpunkt noch Mitglied der CVP, aus dem Amt zu hebeln.

Das Vorhaben endete für den damaligen Herausforderer, der von FDP, SVP und SP unterstützt wurde, in einem Fiasko. Mattle feierte einen haushohen Wahlsieg. In der Stunde des Triumphs gelobte er, den Bedenken seiner Kritiker Rechnung zu tragen. Diese wiederum erklärten sich im Gegenzug bereit, dem Stadtammann eine letzte Chance einzuräumen.

Die Hoffnung, dass sich die Wogen glätten würden, währte erstaunlich lange, wenngleich es auch immer wieder Indizien dafür gab, dass im Stadtrat nicht das allerbeste Einvernehmen herrschte. Zum Eclat kam es vergangenen Herbst, als Stadtschreiber Beat Müller wegen unüberbrückbarer zwischenmenschlicher Differenzen mit dem Stadtammann die Flinte ins Korn warf und seine Tätigkeit im Rathaus von einem Tag auf den andern beendete. Was folgte, war eine gegenseitige Schuldzuweisung. Mattle fühlte sich gemobbt und sieht sich seither als Opfer einer Intrige.

Als deren treibende Kraft glaubt er seinen Stellvertreter, Christian Steiner (SVP), erkannt zu haben. Den Parteien, zu denen sich in der Folge auch Mattles CVP gesellte, kam diese Entwicklung zupass: Sie packten die Gelegenheit beim Schopf und stellten mit Ralph Limoncelli einen gemeinsamen Gegenkandidaten auf. Ihr Argument: Die Situation sei inzwischen dermassen verfahren, ja sogar aussichtslos, dass der Stadt nur noch ein Befreiungsschlag, sprich ein politischer Neuanfang, aus der Bredouille helfen könne.

Die Wählerinnen und Wähler stehen vor einer schwierigen Entscheidung. Ohne fundiertes Hintergrundwissen müssen sie beurteilen, ob Josef Mattle seine Chance aus eigener Schuld vertan hat oder ob ihm von seinen Gegnern – aus welchem Grund auch immer – tatsächlich übel mitgespielt worden ist. Aufgrund der Vorgeschichte wird die Wahl vom 13. Februar somit zu einem Tribunal, das ein Urteil über die gesamte Ära Mattle fällt.

Wenn die Bischofszellerinnen und Bischofszeller mit ihren Lebensumständen in der Stadt zufrieden sind und dies dem amtierenden Stadtammann als Verdienst anrechnen, dann werden sie kaum einen Grund sehen, Mattles Mandat nicht zu verlängern. Denn: Welcher Konsument würde ein geschätztes Produkt nicht mehr kaufen, nur weil der Chef der herstellenden Firma Probleme mit den Mitarbeitern hat? Mit der Möglichkeit, dass der Souverän nicht primär ihn gewählt, sondern vielmehr Josef Mattle abgewählt hat, müsste ein Wahlsieger Ralph Limoncelli leben.

Bei der Stadtammann-Wahl steht auch die Reputation der Bischofszeller Ortsparteien auf dem Spiel. Unisono sprechen sich diese für Ralph Limoncelli als neuen Stadtammann aus. Getroffen haben sie ihren Entscheid an Parteiversammlungen. Auf den ersten Blick scheint das Rennen damit für den Herausforderer zu laufen. 2007 sah sich Mattle längst nicht mit einer so breiten Phalanx politischer Gegner konfrontiert. Bei näherer Betrachtung relativiert sich freilich der Stellenwert solcher Wahlempfehlungen.

Die Mitgliederzahlen der Parteien sind stagnierend bis rückläufig, der Besucheraufmarsch an den Nominationsversammlungen fiel bescheiden aus. Mattle ist das nicht verborgen geblieben. Seine Hoffnung, die «schweigende Mehrheit» hinter sich zu haben und mit ihrer Hilfe den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können, ist deshalb nicht unrealistisch.

Die Forderung nach einem politischen Neuanfang ist nach den Querelen der letzten Jahre verständlich und verlockend zugleich. Da mindestens vier der sechs Stadträte in der nächsten Amtsdauer neu sein werden, wäre diese Zäsur allerdings auch mit Josef Mattle als Stadtammann möglich. Nur: Wer nimmt einem Politiker, der sich oft, gerne und nicht ohne leisen Stolz auf seine «Ecken und Kanten» beruft, die Bereitschaft zu einer Kurskorrektur ab?

Es wäre aber auch verfehlt, Mattle die alleinige Schuld am heutigen Schlamassel anzulasten. Wenn die Zustände im Stadtrat und im Rathaus wirklich so verheerend waren, dann wäre es die Pflicht eines verantwortungsbewussten Behördemitglieds gewesen, dies in aller Klarheit offenzulegen und Vorschläge für eine Verbesserung zu machen. Dies ist in all den Jahren nicht geschehen.

Statt dessen wurde hinter vorgehaltener Hand fleissig Kritik geübt und die Gerüchteküche dadurch regelmässig mit Stoff versorgt. Josef Mattle muss sich dem Verdikt der Wahlvolkes stellen und wird sein Amt möglicherweise verlieren. Wenn die Strippenzieher im Hintergrund jedoch bleiben, ist dies einem Neuanfang – unter welchem Stadtammann auch immer – auf keinen Fall förderlich.

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