Abschalten bei Kaffee und Zeitung, allein

Dieses Manager-Gehabe mag ich nicht. Darum behalt ich gerne für mich, wann ich aufstehe. Schlaf brauche ich nicht viel. Dafür brauch ich frühmorgens Zeit. Manchmal lege ich die Wäsche zusammen, ganz in Ruhe, allein. Der Tag fängt an für mich, wenn ich zur Tür hinausgehe.

Aufgezeichnet Hat Tanja von Arx
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Der Romanshorner Stadtpräsident David H. Bon im Büro. (Bild: Nana do Carmo)

Der Romanshorner Stadtpräsident David H. Bon im Büro. (Bild: Nana do Carmo)

Dieses Manager-Gehabe mag ich nicht. Darum behalt ich gerne für mich, wann ich aufstehe. Schlaf brauche ich nicht viel. Dafür brauch ich frühmorgens Zeit. Manchmal lege ich die Wäsche zusammen, ganz in Ruhe, allein. Der Tag fängt an für mich, wenn ich zur Tür hinausgehe. Die Wohnung ist privat, draussen in der Stadt mein Beruf. Um halb sechs bin ich im Büro. Dann les ich mich ins Tagesgeschäft ein, bereite mich auf Sitzungen vor, ab und an schreib ich einen Brief von Hand.

Bei einer grossen Tasse Earl Grey

Das alles bei einer grossen Tasse Schwarztee. Earl Grey. Den bringt mir mein Cousin aus England mit. Irgendwann habe ich angefangen, Koffein durch Teein zu ersetzen. Denn als Stadtpräsident lebt man eher ungesund. Hier ein Apéro, da ein Häppchen, man isst zu viel und zu schnell. Ich nehme auch immer einen Apfel und eine Banane mit. Gut für den Magen. Ich gehe schon auch mit in die Kaffeepause, aber eher um mich auszutauschen.

Um 7.30 Uhr kommt meine Assistentin, mit ihr besprech ich den Tag. Meistens füllt sich die Agenda von selbst. Irgendwie hat es sich eingebürgert, dass montags Sitzungen im Haus sind; dienstags stehen Bauthemen an, mittwochs bin ich oft im Grossen Rat, und am Donnerstag finden interne und externe Meetings statt.

Es ist eigentlich ganz einfach. Ich sehe meine Aufgabe an als den Einstieg in eine Angelegenheit, mit welchem Ziel sie auch daherkommen mag. Ich versuche einen Rahmen zu setzen. Viele wollen Geld. Die Vereine, die Behörde, die Bürger. Dann schau ich mir das an. Mein Ressort sind die Finanzen.

Ich entscheide, sage: Schau, Investor . .. , wenn es sich um ein Baugesuch dreht. Begleite das Ausschreiben eines Architektur-Wettbewerbs wie beim Fatzer Werk 1. Das mit den zuständigen Stadträten. An meinem Beruf ist das Schöne, dass ich Sachen möglich machen kann. Dass ich Ideen umsetzen, den Anschub geben kann.

Blocken, wenn ein Kritiker droht

Bringt jemand Kritik an, hör ich genau zu. Es kann wegweisend sein. Baut aber einer Druck auf oder droht gar, ist es wichtig, unabhängig zu bleiben. Da ist es mein Job, zu schauen, wie die Stimmung ist. Das ist heikel.

Ebenfalls fordert einen das Exponiert-Sein. Ständig in der Öffentlichkeit zu stehen, auch dann, wenn man nicht geschäftlich unterwegs ist. Aber in solchen Momenten sag ich mir: Ich habe mich dafür entschieden. Ich will diesen Job machen. Den Sinn hinter dem, was ich tue, muss ich selber finden. Das ist meine Philosophie. Über lange oder mühsame Arbeitstage werde ich mich deshalb nie beschweren.

Mittags fängt der zweite Tag an

Wie im Flug ist oft bald Mittag. Für mich ist dann der erste Tag vorbei. Ich gehe nach Hause zu meiner Frau. Sie arbeitet unregelmässig, und ist sie da, kocht sie. Es ist schön, Kleinigkeiten zu teilen und zu geniessen. Ich versuche etwas Leichtes zu essen, meistens Salat. Die Sauce steht bereit. Samstags mache ich mir fünf Liter und fülle sie ab, dann verlier ich keine Zeit.

Nachmittags folgen wieder Sitzungen: zuhören, Finanzen checken, entscheiden. Ich nehme mir auch Zeit für alte Leute, 90, 95, 100 Jahre. Höre ihnen gerne zu. Voneinander zu lernen finde ich wichtig, es prägt die Kultur. Sie sind offen, es gibt nichts Politisches, kein Vormachen. Sie erzählen von der Zeit, als sie bei der Bahn eine Lehrstelle suchten. Nicht viel, aber ein regelmässiges Einkommen hatten und sich etwas aufbauen konnten. Manche kamen wegen der Liebe nach Romanshorn.

Um 17 Uhr folgen repräsentative Arbeiten bis um acht oder neun. Viele, die ehrenamtlich tätig sind, haben nur dann Zeit. Ich gehe an die GV des FC, an die Feier des 100-Jahr-Jubiläums des Schwimmclubs oder an die Fasnacht. Dabei schaue ich, dass ich um 22 Uhr fertig bin. Die Leute haben Verständnis.

Heiliger Morgen am Sonntag

Mein heiliger Morgen ist am Sonntag. Bis 13 Uhr. Nur die Zeitung, der Kaffee, ich. Da schalt ich ab. Wenn ich eine richtige Auszeit brauche, gehe ich segeln. Deshalb bin ich in die Hafenstadt gekommen. Und ahnte nicht, dass ich durch das Stadtpräsidium weniger Zeit habe als vorher. Bläst der Wind ins Segel, trägt es sich von selbst, wie von Geisterhand. Eine unsichtbare Kraft. Ich bin Teil eines Systems, muss acht geben, lernen. In der Stille, in der Natur. Da muss ich uneingeschränkt Zeit haben. Ein Zeitfenster reicht da nicht.

Bild: Aufgezeichnet hat Tanja von Arx

Bild: Aufgezeichnet hat Tanja von Arx

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