1910 gab es noch 118 Wirtschaften

Die Industrieabteilung im Museum birgt zahlreiche Raritäten, zu diesen zählen die Seidenbänder und Stoffmuster in leuchtenden Farben. Der neue Industriebereich kann vom Schlosshof her durch das Schaufenster betrachtet werden.

Hedy Züger
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Führung im Museum: In Arbons Geschichte eintauchen ist eine Bereicherung. (Bild: Hedy Züger)

Führung im Museum: In Arbons Geschichte eintauchen ist eine Bereicherung. (Bild: Hedy Züger)

Der Lockvogel ist eine Rarität: der Saurer-Personenwagen mit Zweizylinder-Petrolmotor von 1898.

Ab 1850 starker Wandel

Hans Geisser, Präsident der Museumsgesellschaft, lud zu einer Führung durch die Sammlung aus dem Arbeits- und Produktionsalltag ein, einer wichtige Sparte der Arboner Geschichte. Die Industrie entwickelte sich ab 1850 so rasant, dass sie das Leben in Arbon radikal veränderte und mit ihr das Bild der Stadt, die bis anhin fast nur aus dem Städtli bestanden hatte.

Innert 50 Jahren verzehnfachte sich die Bevölkerung. Die Wohnsituation war um 1900 prekär und oft ungesund. Geisser: «Unruhen und Streiks entwickelten sich weniger aus Lohndiskussionen, sondern eher aufgrund der schlechten Unterkünfte, langer Arbeitszeiten und Disziplinarmassnahmen.» Um 1900 seien dann neben Fabrikbauten auch neue Wohnquartiere wie der Heinehof an der Landquartstrasse und zahlreiche Mehrfamilienhäuser an der St. Gallerstrasse entstanden. Das Handwerk profitierte vom Bedarf an Wohnraum.

Die mangelhafte Häuslichkeit spiegelte sich in der Anzahl von 118 Wirtschaften im Jahr 1910. Heute sind es samt Kioskwirtschaften noch 45. Im Jahr 1898 wurde der Aktien–Bauverein gegründet, mit dem Zweck, neue Wohnungen zu bauen und der Arbeiterschaft günstige Wohnungen zur Verfügung zu stellen. «Der Einfluss des Aktien-Bauvereins wirkte sich zu allen Zeiten regulierend auf die Mietverhältnisse aus,» erklärte Geisser.

52 Stickereibetriebe

Die Handstickmaschinen von Saurer hätten in Arbon selber reissenden Absatz gefunden, 52 Klein- und Kleinstbetriebe richteten Lokale ein und hofften auf gute Absätze und Verdienste. Um 1900 habe es aber viele Konkurse gegeben. Hans Geisser wies auf die ersten Fabrikgesetze hin, die Kinderarbeit verboten.

Zu bestaunen sind Andenken der Industriepioniere: Musterbücher von Franz Xaver Stoffel, die Seidenbandweberei im Schloss, das Lohnbuch von Saurer aus dem Jahr 1915 und Erinnerungsstücke an die Leinwandhändler um 1700.

Mit einigen ihrer Nachkommen steht das Museum heute noch in Kontakt.

Wichtige Quelle

Das Museum trägt dazu bei, dass aus Vergangenheit nicht Vergessenheit wird. Hans Geisser: «Alte Dokumente sind Zeitzeugen. Deshalb werden diese sorgfältig aufbewahrt und in die thematisch geordnete Ausstellung aufgenommen.» Aber das historische Museum Schloss Arbon könne wie viele andere Museen auch nur einen Teil des archivierten Materials ausstellen.

Das Museum erhält von Arboner Bürgern immer wieder «Andenken» aus den Familienarchiven und -beständen. In der Industrie ist man sich ebenfalls bewusst, wie bedeutsam die Sicherung von Dokumenten und Fotos für die Nachwelt ist.

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