100 Jahre Industrieverein

Der Industrieverein Amriswil beschenkte sich zu seinem 100jährigen Bestehen mit einer Ausstellung. Sie erzählt Geschichten von Alkoholismus, billigem Essen und der Diskussion über den arbeitsfreien Samstagnachmittag.

Hugo Berger
Drucken
Teilen
Zurück in die Vergangenheit: Eugen Fahrni verschafft einen Einblick in die Geschichte des Industrievereins Amriswil. (Bild: Hugo Berger)

Zurück in die Vergangenheit: Eugen Fahrni verschafft einen Einblick in die Geschichte des Industrievereins Amriswil. (Bild: Hugo Berger)

Amriswil. Die Gründung des Industrievereins Amriswil (IVA), der zu den ersten im Kanton Thurgau gehörte, fiel in die Zeit der industriellen Revolution. Die erste protokollierte Zusammenkunft fand am 24. April 1911 in der Walhalle (Ecke Bahnhofstrasse/Tellstrasse) statt. Behandelt wurde ein Gesuch der Arbeiterunion Amriswil, den Nachmittag am 1. Mai als arbeitsfrei zu erklären.

Beschlossen wurde, «…dass jeder einzeln antworten solle, und dass der Nachmittag frei gegeben werde, und wer arbeiten wolle, dürfe nicht daran gehindert werden». Abgelehnt wurde im gleichen Jahr die Forderung nach einem freien Samstagnachmittag. Aber auch Fortschrittliches ging von den Arbeitgebern aus.

1919 beschloss der Verein, die Liegenschaft zum Löwen an der Bahnhofstrasse 19 zu kaufen und den Betrieb als Volkshaus weiterzuführen.

Wörtlich heisst es: «Zweck des Volkshauses ist, den im Dorf beschäftigen Arbeitern und Angestellten billige Speisen und Getränke zu verabreichen und ihnen nach Möglichkeit für freie Stunden einen behaglichen Aufenthaltsort zu schaffen, wobei die Ausgabe von Alkohol in jeder Form ausgeschlossen ist.» In der Chronik ist vermerkt, dass Alkoholismus ein weit verbreitetes Übel gewesen sei. «Viele vertranken einen Teil ihres Zahltags und stürzten die Familie in bitter Not.»

Stundenlange Forschungsarbeit

«Es gibt viele Möglichkeiten, den 100. Geburtstag eines Arbeitgeberverbandes zu feiern. Wir haben uns entschieden, die Geschichte unseres Vereins in einer Chronik aufzuarbeiten», sagte Andreas Schmidt, Präsident des IVA, bei der Begrüssung der rund 80 Mitglieder und Gäste im Ortsmuseum. Mit der Dokumentation solle der Nachwelt ein Eindruck über die Blütezeit der Textil- und Schuhepoche, deren Niedergang und den Wandel zum heutigen Zeitalter der Dienstleistung und des Handels vermitteln.

Schmidt dankte dem Ortsmuseums-Team unter der Leitung von Eugen Fahrni für die Unterstützung. «Sie haben sich mit Leib und Seele eingesetzt: Sie haben unzählige Stunden mit Protokoll- und Aktenstudien verbracht und hunderte alte Zeitungen durchforscht», lobte er. Er dankte auch Robert Sallmann, dessen Geschichtsschreibung anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums in die Chronik integriert werden konnte.

Spiegel der Wirtschaft

Der Wandel der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten spiegle sich im IVA wider und werde durch die Jubiläumsschrift eindrucksvoll belegt, sagte Stadtammann Martin Salvisberg. Der Verein sei nicht nur ein Interessenvertreter seiner Mitglieder, sondern auch ein Verein, der sich in das politische und gesellschaftliche Leben in Amriswil einbringe. Die Leistung, welche die Unternehmen für die Stadt und deren Bürger und Bürgerinnen erbrachten, verdiene Anerkennung. Gratulationen gab es auch vom Schwesterverein, dem Gewerbeverein Amriswil.

Eine derart lange und erfolgreiche Vereinsgeschichte verdiene in der heutigen schnelllebigen und individualisierten Gesellschaft ein besonderes Lob, sagte Gewerbepräsident Markus Schütz. Die Feier wurde vom Kammerorchester Amriswil musikalisch umrahmt.