Arbon
Ballermann will niemand: Arboner kommentieren online die «Masterplanung Seeufer»

Einen Monat lang konnten Interessierte ihre Ideen zur Gestaltung des Arboner Seeufers online veröffentlichen. 300 Kommentare und 1500 Bewertungen sind eingegangen. Viele sehen trotz grosser Zufriedenheit «Räume für Verbesserungen». Ein Überblick.

Theepan Ratneswaran
Merken
Drucken
Teilen
Blick auf den Hafen und die Quaianlagen in Arbon.

Blick auf den Hafen und die Quaianlagen in Arbon.

Bild: Manuel Nagel
  • Der Kanton Thurgau hat das letzte Wort bei einzelnen Standorten am Seeufer.
  • Die Stadt Arbon erarbeitet deshalb eine Masterplanung für das gesamte Arboner Seeufer.
  • Arbonerinnen und Arboner konnten nun online mitwirken und ihre Vorstellungen auf einer Plattform publizieren. 
  • Das Thema, das die meisten beschäftigt ist die Gastronomie und der Tourismus.

Zu Arbon gehört das Seeufer. Über drei Kilometer lang und öffentlich zugänglich, lädt die weitläufige Zone Arboner und Touristen zum Verweilen ein. Nicht alle sind jedoch restlos überzeugt vom Angebot. Attraktiv, trotzdem ausbaufähig: Das ist das Verdikt von rund 150 Personen auf der neuen Online-Partizipationsplattform der Stadt Arbon auf dem Portal «Mein Thurgau».

In den vergangenen Jahren sind viele Fragen nach der Weiterentwicklung der Uferzone gestellt worden. Einzelbereiche standen dabei stets im Fokus. Zwischennutzungen an einzelnen Standorten sollen dabei kurz- bis mittelfristig das Seeufer aufwerten. Auf einigen Seeuferabschnitten gibt es jedoch eine Grunddienstbarkeit zu Gunsten des Kantons Thurgau. Der Kanton hat da also immer das letzte Wort. Dieser hatte der Stadt Arbon dementsprechend empfohlen, das Seeufer auf ganzer Länge zu untersuchen.

Im Rahmen der «Masterplanung Seeufer» erarbeitet die Stadt Arbon deshalb aktuell ein nachhaltiges und langfristiges Leitbild für das komplette Seeufer. Zu sechs «Puzzlestücken», die zusammen ein Gesamtbild ergeben sollen, konnten nun Interessierte einen Monat lang online ihre Meinung kundtun. Rund 300 Kommentare und 1500 einzelne Bewertungen sind eingegangen. Ein kleiner Überblick.

Gastronomie, Tourismus und Veranstaltungen

Halli-Galli und Remmidemi-Gaudi – die Kommentatoren zum Thema Gastronomie sind sich einig: Eine Ballermann-Stimmung mit einer Partymeile wünscht sich keiner. Überbordende Gastronomie und zu viel Tourismus seien schädlich. Vielmehr müsse die Lebensqualität am Seeufer stimmen. Die Stadt Arbon ist hier gleicher Meinung.

Aber zu leben heisst nicht einzuschlafen. Die Gastronomie am Arboner Seeufer wolle endlich aus dem Dornröschenschlaf wach geküsst werden, schreibt eine Kommentatorin. Jemand anders doppelt nach: Die Seepromenade und die Gastronomie seien ungenügend. Es fehle an kleineren Veranstaltungen oder Lokalen. Auf die grundsätzliche Frage, ob es am Seeufer zu den bestehenden Gastronomieangeboten weitere Restaurants brauche, ist der Tenor klar: Auf einer Skala von 1 (nicht wichtig) bis 5 (sehr wichtig) liegt der Durchschnittswert von 100 Bewertungen bei fast 4 Sternen.

Die Stadt Arbon hat schon länger die Wünsche der Arboner Bevölkerung erhört und hat deshalb Zwischennutzungen, wie zum Beispiel das Container-Dorf «Hannah am See» auf dem Hafendamm, in die Wege geleitet. Die Übergangsphase soll der Sammlung von Erfahrungen dienen.

Der Hafendamm soll mit gastronomischen Angeboten belebt werden.

Der Hafendamm soll mit gastronomischen Angeboten belebt werden.

Bild: Max Eichenberger

Erschliessung und Verkehr

Auch beim Verkehr sind die Positionen klar bezogen. Mit satten 4.31 Sternen geht das Votum zu Gunsten besserer Bedingungen für den Langsamverkehr. Der Autoverkehr sollte dafür komplett verbannt werden, findet ein Kommentator. Drei Viertel der eingegangenen Stimmen begrüssen die Idee, zumindest den Adolf-Saurer-Quai autofrei zu gestalten. Was sind die Gründe?

Grundsätzlich sei der Verkehr beim Adolf-Saurer-Quai nicht problematisch, steht in der Kommentarspalte:

«Das Mühsame an dieser Strecke sind die Autoposer.»

Diese drehen zum Teil im Sommer Runden dem See entlang hoch zur katholischen Kirche, zurück zur UBS, wo das Schaulaufen auf vier Rädern wieder beginnt.

Die Kombination von Autoposern und Kindern auf den Fahrrädern sei zu verhindern, pflichtet eine Kommentatorin dem «Vorredner» bei. Laut dieser müssten vor allem auch die Parkplätze am Saurer-Quai aufgehoben werden. Vielleicht ist die Forderung zu drastisch? Eine grosse Mehrheit tendiert dementsprechend eher zum Kompromiss, oberirdische Parkplätze durch Parkgaragen zu ersetzen.

Die Idee ist nicht neu: Die Parkplätze vom Hafendamm und vom Quai sollten weg und in einem Parkhaus gebündelt werden, befand unter anderem schon der frühere Stadtpräsident Martin Klöti. Vier Parkhäuser, die meisten Ebenen im Untergrund, sollten in Arbon insgesamt realisiert werden. Ein U-Parking ist seither in Betrieb gegangen: im Rosengarten. Nachher hinzugekommen ist der Hamel.

Erholung, Sport und Wassernutzung

Immer mehr Arbonerinnen und Arboner entdecken den Paddelsport.

Immer mehr Arbonerinnen und Arboner entdecken den Paddelsport.

Bild: Urs Bucher

Spiel, Sport und Spass wird auch in Arbon grossgeschrieben. Seit 2007 hat die Kanuschule Bodensee in Arbon Paddel-Kurse im Angebot. Auch das Planet One bietet Trainings und Boards fürs Stand-up-Paddling zum Mieten an. Nicht genug, finden einige Kommentatoren. Dem Kanu-und Paddelsport sollte noch mehr Platz eingeräumt werden. Es gäbe viele Interessierte, aber die momentane Infrastruktur könne den Ansturm nicht bewältigen. Jemand schreibt dazu:

«Angesichts der Toplage mit dem See ist das doch sehr verwunderlich und schade.»

Schon lange wird über die Erweiterung des Campingplatzes diskutiert. Freiräume sollte die Stadt Arbon besser für die Erweiterung des lokalen Wassersports nutzen, lautet deshalb ein Kommentar: «Es scheint ja Platz zu haben.»

Naturraum und Landschaft

In den nächsten Jahren werden die vorhandenen Ufermauern teilweise saniert. In der Masterplanung müsse jedoch grundsätzlich über die Ufergestaltung diskutiert werden, so die Stadt Arbon. Die Tendenz bei der Online-Mitwirkung gehen dabei in Richtung Flachufer. Stellvertretend sagt ein Kommentator: Natürliche Flachufer mit Überschwemmungsflächen und einem angepassten Baumbestand, flache Kiesflächen und Schilfnester sollten sich abwechseln.

«Hier muss zwingend auf Flora und Fauna geachtet werden.»

Bei der Frage, wie viele Bäume es im Seeuferbereich zukünftig geben soll im Vergleich zu heute, ist die Sachlage klar. Die grosse Mehrheit der 84 abgegebenen Stimmen wünschen sich einen viel grösseren Baumbestand.

Stadträume und Gestaltung

Von: keine fixen oder temporären Bauten, bis: ja zu Bauten am Seeufer für Tourismus, Freizeit, Gastronomie und Events – die Bandbreite der Wünsche in der Gestaltung der Stadträume ist gross. Ein Kommentator contra neuer Bauten schreibt, dass der ausserordentlich schöne und weite Charakter der Uferzone nicht kaputtgemacht werden soll. Arbon nenne sich nicht zu Unrecht «Stadt der weiten Horizonte». Sein Appell:

«Das Ufer nicht zu Geld verwerten.»

Zwischen den zwei Extrempositionen kristallisiert sich jedoch das Bedürfnis nach kleinen Veränderungen heraus. Die vorhandenen Standorte sollen optimiert werden, heisst es in der Kommentarspalte. Zum Beispiel wünschen sich einige mehr vor allem schönere und modernere Toiletten an der Schütti. Andere wiederum monieren den Lichtsmog. Die Strassenbeleuchtung solle beim Passieren via Sensoren eingeschaltet werden können. Abfalleimer mit einem Trennsystem (Glas, Kunststoff, Papier) sollen das Littering-Problem lösen.

Historisches Erbe

Der Fischmarktplatz in der Altstadt Arbon.

Der Fischmarktplatz in der Altstadt Arbon.

Bild: Ralph Ribi

Modern und der Vergangenheit verpflichtet - so lautet das Paradoxon beim Thema Altstadt Arbon. Eine «Neue Altstadt» zu zementieren, könnte das Problem lösen. Nur wie? Da scheiden sich die Geister. Fürs Erste könnten die alten Bauten renoviert werden. Aber bitte keine neuen modernen Hochhäuser, heisst es in den Kommentarspalten. Überdimensionierte Bauten könnten das Stadtbild verstellen und die historischen Bauten in den Hintergrund rücken.

Ein historisches Erbe müsste jedoch auch öffentlich nutzbar gemacht werden, wirft ein Kommentator ein. Denn was nütze es, wenn alles tipptopp aussehe, aber keiner komme.

«Altstädte müssen belebt sein und dürfen nicht trostlos leer sein.»

Einige Vorschläge: Die Hauptstrasse durch die Altstadt müsste zur Fussgängerzone werden. Es sei der Hauptgrund, weshalb es heute nicht so funktioniert. Attraktive Geschäfte und Gastronomiebetriebe, belebte Plätze mit Treffpunkten für die Bewohner und Märkte könnten die Arbonnerinnen und Arboner in die Altstadt locken.

Auch die Hauseigentümer und Gewerbetreibende in der Arboner Altstadt stehen einer Begegnungszone mehrheitlich offen gegenüber. Im Rahmen der Erarbeitung der «Nutzungsstrategie Altstadt Arbon», die durch die Stadt Arbon initiiert wurde, fanden im Mai 2021 mit Gewerbetreibenden sowie Hauseigentümern aus der Altstadt je ein Workshop statt. Im Zentrum der beiden Veranstaltungen stand die Frage, welche Massnahmen für eine positive Entwicklung der Altstadt erwünscht sind.

Wie geht es weiter?

Das Set an Massnahmen für eine positive Entwicklung der Altstadt wird im Herbst gesondert präsentiert und mit der Bevölkerung diskutiert. Die nun online geäusserten Ideen und Wünsche zur Masterplanung Seeufer werden in den nächsten Wochen und Monaten geprüft und wenn möglich in die laufende Planung einbezogen, schreibt die Stadt Arbon auf ihrer Website. Im kommenden Herbst oder Winter soll dann die Bevölkerung über den Stand der Masterplanung informiert werden.