Arbeitszeiten ohne Grenzen

Die Anliegen von Arbeitnehmenden sind rund um den Bodensee dieselben. Deswegen tauschen sich die Gewerkschaftsbünde der vier Grenzländer regelmässig aus. Gestern trafen sie sich in St. Gallen.

Sina Bühler
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ST. GALLEN. «Bei unserer Gründung mussten wir die gemeinsamen Themen manchmal noch richtig suchen», sagt Sigi Langenbahn vom Liechtensteiner Gewerkschaftsbund. Heute sei das anders: «Jeder Lohndumping-Trick, der an einem Ort funktioniert, wird augenblicklich in den Nachbarländern kopiert.»

«Auch wenn zur Zeit wieder überall Grenzen hochgezogen werden – gegen Flüchtlinge beispielsweise –, wissen wir längst, dass wir soziale, ökologische und wirtschaftliche Interessen über die Nationen hinweg vertreten müssen», sagt auch Norbert Loacker aus dem Vorarlberg.

Wochenarbeitszeit erhöht

Der Interregionale Gewerkschaftsrat Bodensee entstand im Jahr 2002. Gestern tauschten sich Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter aus Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz in St. Gallen über ihre Arbeit aus.

So sind Diskussionen um die Arbeitszeit rund um den Bodensee aktuell: In der Schweiz haben Anfang Jahr verschiedene Firmen die Wochenarbeitszeit um mehrere Stunden erhöht, der Lohn blieb aber gleich, beispielsweise bei Stadler Rail, Huber + Suhner und Bühler Uzwil. «Diese Gratisarbeit der Angestellten ist zwar mit der Aufhebung des Euromindestkurses begründet worden, ist aber keiner Zwangslage geschuldet», analysiert SP-Nationalrätin Barbara Gysi vom St. Galler Gewerkschaftsbund. Es könne gut sein, dass der Frankenschock noch Sondermassnahmen verlangen werde. Doch bei den erwähnten Fällen habe man vorauseilend die Gewinnmarge sichern wollen.

Eurolöhne im Fürstentum

Ähnlich stellt sich die Frage des starken Frankens im Fürstentum Liechtenstein, das angesichts seiner Lage noch viel mehr Grenzen und damit einen hohen Anteil Grenzgängern hat. Diese müssen teils Löhne in Euro statt Franken hinnehmen und analog zur Schweiz vorübergehende Erhöhungen der vereinbarten Arbeitszeit. Ursprünglich sollte diese Massnahme im Industrie-Gesamtarbeitsvertrag (GAV) helfen, Arbeitsplätze zu erhalten. «In Wirklichkeit haben einige Unternehmen bereits vorher mit weniger Angestellten und deren Überstunden gearbeitet. Jetzt sind diese Überstunden einfach gratis zu leisten», kritisiert Sigi Langenbahn vom Liechtensteiner ArbeitnehmerInnenverband.

Zwölf-Stunden-Arbeitstage

Sein Kollege Gottfried Christmann vom Deutschen Gewerkschaftsbund fürchtet um das aktuelle Arbeitszeitgesetz in Deutschland. Erst seit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns am 1. Januar dieses Jahres sei die Erfassung der täglichen Arbeitszeit überhaupt vorgeschrieben worden. «Obst- und Gemüsebauer sind entrüstet. Und von einem Gastronomen habe ich letzthin gehört, er müsse die Küche schliessen, wenn die Angestellten nicht weiterhin zwölf Stunden täglich arbeiten würden.» Ihn empöre mehr, wie das vorher gelaufen sei – er könne sich nicht vorstellen, wie diese Löhne überhaupt berechnet worden seien. Auch in Österreich werde auf Kosten der Arbeitnehmenden maximal flexibilisiert. «Konkret fordert die Wirtschaft einen Zehn-Stunden-Tag ohne Überstundenzuschlag – die Gewerkschaften kontern mit der Forderung der 35-Stunden-Woche», erzählt Norbert Loacker vom Österreichischen Gewerkschaftsbund. Den Ausweg aus derart blockierten Verhandlungen sieht Loacker in der «Freizeitoption», die in verschiedenen Branchen-GAV vorgesehen ist. «Einzelne Angestellte verzichten auf eine Lohnerhöhung, weil sie im Gegenzug eine Woche bezahlte Freizeit erhalten.» Beim Vorarlberger Leuchtenhersteller Zumtobel beispielsweise hätte schon jeder zehnte Beschäftigte diese Option gewählt.

Mehr als nur Austausch

Die Interregionale Zusammenarbeit sei allerdings nicht nur als Austausch-Forum gedacht, betonen alle Gewerkschafter. Auch in konkreten Aktionen und Demonstrationen arbeite man solidarisch über die Landesgrenzen hinweg.