Arbeitsmarkt

«Alarmierende Zahlen»: Über 14'000 Stellensuchende im Kanton St.Gallen, Rekordzahl im Kanton Thurgau, Innerrhoden unter dem Durchschnitt

Im Jahr 2020 ist die Zahl der Stellensuchenden im Kanton St.Gallen so sehr angestiegen wie zuletzt 2009 während der Finanzkrise. Der Kanton Thurgau verzeichnet so viele Stellensuchende wie noch nie. Auch die Arbeitslosigkeit hat in drei der vier Ostschweizer Kantone zugenommen. Eine Übersicht zur Arbeitsmarktlage in der Region.

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Die Coronakrise wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus.

Die Coronakrise wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus.

Bild: Luca Linder

(pd/lim) Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit im Jahr 2020 war, bedingt durch die Massnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie, im langjährigen Vergleich aussergewöhnlich. Eine mehrjährige Phase sinkender oder gleichbleibender Stellensuchendenzahlen wurde abgelöst durch einen abrupten Anstieg im Frühjahr und weiter steigende Werte im ganzen Jahresverlauf.

So sehen die Zahlen der Stellensuchenden in der Ostschweiz aus:

Die Situation im Kanton St.Gallen

In den ersten beiden Monaten hatte die Zahl der Stellensuchenden nur leicht über den Vorjahreswerten gelegen, heisst es in einer Medienmitteilung des Kantons St.Gallen. Die Zahl der Stellensuchenden stieg im März um 14 Prozent gegenüber dem Vormonat und im April um sieben Prozent – dies in einer Phase, in der die Werte üblicherweise sinken. «Entsprechend waren auch die Vorjahresveränderungen ungewöhnlich.» Ende August lag diese bei 45 Prozent, seither sinkt sie wieder leicht.

Ende Dezember 2020 waren im Kanton St.Gallen 14'334 Stellensuchende bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum gemeldet. Dies ist ein Anstieg um 366 Personen oder 2,6 Prozent gegenüber Ende November. Im Vergleich zum Jahresende 2019 sind 3962 oder 38,2 Prozent mehr Stellensuchende auf einem RAV gemeldet. Dieser Anstieg ist etwas höher als in der Gesamtschweiz (34,9 Prozent) und im Kanton Thurgau (31,2 Prozent).

Dienstleistungsbranchen im Jahresvergleich am stärksten betroffen

Nicht jede Branche ist gleich stark betroffen. So beträgt der Anstieg im Gastgewerbe im Vorjahresvergleich 73,6 Prozent, im Baugewerbe und bei den Finanzdienstleistungen 21,8 Prozent. Generell ist die Zunahme bei den Dienstleistungen mit 42,2 Prozent höher als in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe mit 33,8 Prozent. Im produzierenden Sektor ist das Baugewerbe mit seiner eher tiefen Zunahme die Ausnahme. Im Dienstleistungsbereich weisen auch die Verkehrs- und Transportbranche (+60,3 Prozent) sowie der Kunst-, Sport- und Unterhaltungsbereich (+55,4 Prozent) einen Anstieg über dem Mittel des Sektors auf. Darunter liegen neben der Finanzbranche der Gross- (+30,3 Prozent) und der Detailhandel (+38,8 Prozent).

Etwas mehr Anträge auf Kurzarbeit aus der Industrie

Die Entwicklungen von 2020 haben sich auch in den Voranmeldungen zur Kurzarbeit gespiegelt. Diese sind im Frühjahr in sehr kurzer Zeit regelrecht explodiert und erreichten im Juni und Juli einen Höchststand von über einem Drittel aller Beschäftigten im Kanton. Ein Teil dieser Voranmeldungen hatte vorsorglichen Charakter. Aktuell, also für den Januar 2021, sind vom Amt für Wirtschaft und Arbeit Gesuche von rund 3000 Betrieben für gegen 40'000 Mitarbeitende bewilligt worden. Dies entspricht gut jeder achten beschäftigten Person im Kanton, in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe etwas mehr als jeder sechsten, bei den Dienstleistungen knapp jeder achten.

Relativ zu den Beschäftigten haben im produzierenden Sektor die Textil- und Bekleidungsbranche, das Papier- und Druckgewerbe sowie der Metall- und der Fahrzeugbau jeweils rund 30 Prozent ihrer Mitarbeitenden gemeldet. Bei den Dienstleistungen sticht das Gast- und Hotelleriegewerbe mit mehr als der Hälfte der Beschäftigten heraus. 30 Prozent sind es in der Kunst-, Sport und Unterhaltungsbranche, gegen ein Viertel bei den freiberuflichen, technischen und wissenschaftlichen Dienstleistungen.

So hat sich die Arbeitslosigkeit in der Ostschweiz entwickelt

Arbeitslosenquote in Prozent
Dezember 2020 November 2020 Dezember 2019
Schweiz 3,5 3,3 2,5
St.Gallen 2,8 2,6 2
Thurgau 2,8 2,5 2,1
Ausserrhoden 2,1 2,1 1,7
Innerrhoden 0,9 0,8 1,2

Die Arbeitslosenquote im Kanton St.Gallen ist innert Monatsfrist von 2,6 auf 2,8 Prozent gestiegen. Im Dezember 2019 lag sie noch bei 2 Prozent. Als arbeitslos registriert waren Ende 2020 im Kanton St.Gallen 7914 Personen, 600 mehr als im Vormonat November und 2300 mehr als im Dezember 2019.

Die Situation im Kanton Thurgau

Der Kanton Thurgau verzeichnete laut Medienmitteilung noch nie so viele Stellensuchende wie derzeit. Am 31. Dezember 2020 waren auf den Regionalen Arbeitsvermittlungsstellen in Frauenfeld, Kreuzlingen und Amriswil 7878 Personen gemeldet, die auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind. Davon sind 4290 Männer und Frauen als arbeitslos registriert. Das sind rund 350 mehr als im Vormonat November und fast 1000 mehr als im Vorjahresmonat. In der Mitteilung heisst es: «Gegenwärtig gestaltet sich die Suche und die Vermittlung für einen neuen Arbeitsplatz schwierig, denn seit Ende Oktober gibt es hauptsächlich coronabedingt deutlich weniger offene Stellen.»

Die Dezember-Statistik des Amtes für Wirtschaft und Arbeit präsentiert den Arbeitsmarkt im Thurgau im Detail und verdeutlicht die «alarmierenden Zahlen» bei den stellensuchenden Personen. Daniel Wessner, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit, weist auf den starken Anstieg von März bis Mai hin und den kontinuierlichen Anstieg der Stellensuchenden seit Oktober:

«Die Coronakrise ist damit endgültig auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Wir haben zurzeit über 30 Prozent mehr Stellensuchende als im Vorjahr. Die Quote der Stellensuchenden liegt aktuell bei 5,1 Prozent.»

56 Prozent der Stellensuchenden sind Männer – konkret 4410; 3468 sind Frauen. Das entspricht einem Anteil von 44 Prozent. Vor einem Jahr vermeldeten die RAV-Zentren 6006 Stellensuchende, also 1872 Personen weniger. Davon waren damals 3306 als arbeitslos registriert.

Stellensuchende sind nicht zwingend arbeitslos

Im Gegensatz zu den gegenwärtig 4290 arbeitslosen Personen, die Taggeld von der Arbeitslosenversicherung erhalten, handelt es sich beim Überbegriff «Stellensuchende» auch um Versicherte, die sich zwecks Beratung und Unterstützung auf dem RAV angemeldet haben. Die einen wissen, dass ihre Anstellung unsicher oder befristet ist, andere wollen den Arbeitsplatz wechseln und weitere sind zwar arbeitslos, haben aber einen Zwischenverdienst oder sind in einem arbeitsmarktlichen Förderprogramm. Ebenso werden arbeitslose Personen, die krankgeschrieben sind oder Militärdienst leisten, als stellensuchend bezeichnet.

Hohe Nachfrage bei den RAV-Zentren

Trotz der grossen Zunahme an Neuanmeldungen bei den Stellensuchenden respektive Arbeitslosen erhöhte das RAV seinen Personalbestand nur moderat. RAV-Leiter Heinz Erb sagt: «Der höhere Arbeitsaufwand kann teilweise abgefangen werden durch vermehrte Telefonberatungen.» Aufgrund der Schutzmassnahmen erfolgen Gespräche, die nicht zwingend die Anwesenheit erfordern, telefonisch. Erfahrungsgemäss seien Telefonberatungsgespräche kürzer als die Gespräche vor Ort. Dies ermöglicht den RAV-Beraterinnen und -Beratern, mehr Personen zu betreuen und mehr Dossiers zu bearbeiten.

AWA-Amtsleiter Daniel Wessner geht nicht davon aus, dass sich die Lage in den nächsten Wochen beruhigt: «Normalerweise erholt sich der Arbeitsmarkt jeweils in den Sommermonaten. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch im 2021 so sein wird.»

Die Situation im Kanton Appenzell Ausserrhoden

Als Stellensuchende registriert waren im Kanton Appenzell Ausserrhoden per Ende Dezember 2020 insgesamt 1071 Personen, 23 mehr als vor Monatsfrist und 205 mehr als vor Jahresfrist. Von den nicht arbeitslosen Stellensuchenden waren 201 Personen im Zwischenverdienst, 32 in einem vorübergehenden Beschäftigungsprogramm und eine Person absolvierte eine Weiterbildung oder Umschulung. Hinzu kommen 188 anderweitige Stellensuchende.

Die Arbeitslosenquote in Ausserrhoden ist im Dezember 2020 gegenüber dem Vormonat November stabil bei 2,1 Prozent geblieben. Die Zahl der Arbeitslosen hat um 13 auf 649 zugenommen. Im Dezember 2019 betrug die Quote noch 1,7 Prozent, und seither ist die Arbeitslosenzahl um 135 gestiegen.

Die Situation im Kanton Appenzell Innerrhoden

Im Kanton Appenzell Innerrhoden waren Ende Dezember mit 146 Personen acht Stellensuchende mehr verzeichnet als im Vormonat (138, Vorjahresmonat 161). Davon sind 81 (74, 105) Personen gemäss Angaben des Kantons effektiv arbeitslos. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 0,91 Prozent (0,83 Prozent, 1,18 Prozent). 65 (64, 56) Personen sind zurzeit in arbeitsmarktlichen Massnahmen integriert, erzielen einen Zwischenverdienst oder befinden sich in der Kündigungsfrist.

Mit einer Quote von 0,9 Prozent weist der Kanton Appenzell Innerrhoden eine Arbeitslosenquote aus, die deutlich unter dem schweizerischen Durchschnitt von 3,5 Prozent liegt.