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ARBEITERBEWEGUNG: Der Kampf der Schokoladearbeiter

Im Frühling 1918 streikte die Belegschaft der Maestrani. Die St. Galler Schokoladenfabrik hatte in den Kriegsjahren fette Gewinne eingestrichen, derweil die Arbeiter mit der Teuerung kämpften. Ein Rückblick auf die Gründung einer Gewerkschaftsgruppe.
Roman Hertler
Maestrani-Arbeiter beim Rösten der Kakaobohnen. (Bild: Firmenarchiv Maestrani AG (undatiert))

Maestrani-Arbeiter beim Rösten der Kakaobohnen. (Bild: Firmenarchiv Maestrani AG (undatiert))

Die erste Versammlung wurde in der St.Galler Altstadt abgehalten. Rund 30 Arbeiterinnen und Arbeiter der Maestrani-Schokoladenfabrik trafen sich am Samstagabend des 2. März 1918 im Saal des «Papagei», wo heute der Freisinn und die Bodania-Verbindung ihre Kameradschaft pflegen. Den Schokoladearbeitern ging es aber nicht um gemütliches Beisammensein. Sie wollten ein besseres Einkommen und menschlichere Arbeitsbedingungen.

Der Erste Weltkrieg bedeutete für die schweizerische Schokoladenindustrie Hochkonjunktur. Sie belieferte die kriegführenden Armeen mit Kalorien. Ein Chronist der Maestrani schrieb 1952 in der Festschrift zum Hundertjährigen von «sieben fetten Jahren», die ab 1913 auf den Verkauf des Maestrani-Familienunternehmens an die Zürcher Gebrüder Maggi folgten. Das Unternehmen verzeichnete «beträchtliche Gewinne». Davon sah die Belegschaft allerdings nichts. Während die Lebensmittelpreise kriegsbedingt in die Höhe schnellten, blieben die Löhne dieselben. Davon ist in der Jubiläumsschrift selbstredend nichts zu lesen. Dafür sprechen die Protokollbücher der Gewerkschaft Bände. Albert Frischknecht, Vizepräsident der «Schokoladearbeiter St.Gallen», sagte an der Gründungsversammlung im «Papagei», dass «solch miserable Löhne und Behandlung der Arbeiter eines freien Menschen unwürdig» seien. Präsident Robert Gsell wies besonders auf die Zustände in den «weiblichen Abteilungen» – in der Abpackerei – hin: «Grobheit und anstandsloses Benehmen der Vorarbeiter lassen die Frauen als moderne Sklavinnen des Kapitalismus erscheinen.»

An der Versammlung trat auch der Toggenburger Theophil Koch auf, der schon 1897 einen Typografenstreik in Luzern angeführt hatte, später Redaktor der «Ostschweizer Arbeiterzeitung» und der «Volksstimme», St.Galler Grossrat und erster SP-Stadtrat von Gross-St.Gallen wurde. Koch empfahl den Schokoladearbeitern, sich dem Verband der Handels,- Transport- und Lebensmittelarbeiter (VHTL, heute Teil der Unia) anzuschliessen. Die Italiener waren von Anfang an eingebunden. Im Vorstand der Schokoladearbeiter sassen Gennaro Cazorzi als Kassier, Josefe Wabra, der an Versammlungen übersetzte, und Nella Faggionato als Vertreterin der Frauen.

Streik als letztes Mittel

Zwei Wochen nach der Sektionsgründung versammelten sich gut 90 Prozent der 150 Angestellten der Maestrani im Restaurant Adler in St. Georgen. Noch im selben Monat trat der VHTL-Sekretär Alois Büchi im Namen der Schokoladearbeiter in Verhandlungen mit der Firmenleitung. Direktor Adolf Sennhauser wollte allerdings nicht direkt mit den «Rädelsführern» der Gewerkschaft verhandeln, sondern delegierte seinen Anwalt. Büchi argumentierte, die «bittere Armut» stehe in scharfem Kontrast zu den «grossen Verdiensten der Firma» der letzten Jahre und den 10 Prozent Dividenden, welche an die Aktionäre ausgeschüttet worden war. Besonders im Hinblick auf die verteuerten Lebensmittel sei es angebracht, wenn nun auch die Belegschaft ihre Forderungen stelle.

Zunächst sah alles danach aus, als ob man sich einigen könnte. Koch, Büchi und der Firmenanwalt handelten Ende April einen neuen Lohntarif aus. Der Anwalt versprach, den Vertrag umgehend der Firmenleitung zur Unterschrift vorzulegen, damit dieser am 1. Mai in Kraft trete. Allerdings liess die Direktion nichts mehr von sich hören, weshalb sich die Arbeiter an das kantonale Einigungsamt wandten. Dort unterbreiteten beide Parteien ihre Forderungen. Die Arbeiterschaft forderte höhere Löhne, eine Teuerungszulage von 20 Prozent, Militärdienstersatz von 50 Prozent, Bezahlung gesetzlicher Feiertage, Kinderzulagen sowie freie Samstagnachmittage. Auf die letzten beiden Forderungen trat der Firmenanwalt gar nicht ein. Beim Militärdienstersatz willigte er ein. Jedoch sollten nach Ansicht der Direktion die Löhne tiefer und die Teuerungszulage bei 10 Prozent festgesetzt werden. Das Einigungsamt schlug einen Kompromiss vor, den die Gewerkschaft sofort unterzeichnete. Doch der Firmenanwalt hatte die Verhandlung verlassen, bevor das Amt seinen Vorschlag unterbreiten konnte.

Schon nach der Sektionsgründung hatte die italienische Fraktion zum Streik aufgerufen. Der sozialdemokratisch gesinnte Präsident Robert Gsell stellte sich indes dagegen. Ebenso die Sekretäre Koch und Büchi. Da nun sämtliche Verhandlungen gescheitert waren, wurde die Arbeitsniederlegung als letztes Mittel mehrheitsfähig. Am Montag, 13. Mai, sollte die Arbeit nicht eher wieder aufgenommen werden, bis die Firmenleitung den Spruch des Einigungsamtes unterzeichnet hat. Vor den Toren zur Fabrik postierten sich die Vorstandsmitglieder, um die Belegschaft über den Streikbeschluss zu informieren. Streikbrechern wurde eine Strafe von 100 Franken angedroht. Vorsichtshalber wurde zudem der Konsum «geistiger Getränke» untersagt. Die Stimmung blieb friedlich. Die Firmenleitung lenkte ein und erhöhte gar die Akkordlöhne um 15 Prozent, wobei ein Gewerkschafter maulte, die Akkordarbeit gehöre ohnehin abgeschafft. Büchi warnte die Sektion davor, erneut zur Aktion zu schreiten, ohne zuvor den Verband zu informieren. Und Gsell, mittlerweile zum Militärdienst eingezogen, überbrachte seine Glückwünsche zum gewerkschaftlichen Erfolg per Eilbrief. Im Herbst 1918 wurden wegen der Spanischen Grippe (und wegen politischer Umsturzängste) Versammlungen schweizweit verboten. Die Epidemie suchte auch die Maestrani heim. Nach einigen Verhandlungen willigte die Direktion ein, krankheitsbedingte Lohnausfälle zu entschädigen. Die Schokoladearbeiter beteiligten sich im November am Generalstreik, mit Ausnahme einer Person, «welche glaubte, es ihrem Glauben schuldig zu sein, nicht zu streiken».

Direktion installiert Spione und Gegengewerkschaft

Die Direktion hatte die Gewerkschaft mittlerweile als Verhandlungspartner anerkannt. Sie setzte nunmehr auf die Strategie Einschüchterung und Unterwanderung. Unter fadenscheinigen Begründungen wurden zwei Streikbefürworter der ersten Stunde, Vizepräsident Frischknecht und Übersetzer Wabra, entlassen. Nach «agitatorischen Predigten des katholischen Pfarrers in St. Georgen», der die Gemeinde vor dem Bolschewismus warnte, gründete ein Arbeiter eine christlich-soziale Gewerkschaft, welche in Verhandlungen von der Direktion fortan frühzeitig informiert und bevorzugt behandelt wurde. «Mit gratis Bier und Würstli versuchte er die Dummen zu fangen», schrieb der frustrierte Wabra über den Gründer der Gegengewerkschaft. «Aber kläglich war sein Fang, ganze acht mit ihm selbst betrug die gelbe Heldenschar.» Emil Gsell, Bruder des Sektionspräsidenten, behauptete in einem Rundschreiben, die Arbeiterschaft stehe nicht hinter der Forderung der freien Samstagnachmittage, nachdem ein direktionstreuer Vorarbeiter darüber hatte abstimmen lassen.

An einer Sektionsversammlung im «Trübli» – im «Adler» durften sie sich nicht mehr treffen – im Dezember 1918 wurde eine Gewerkschafterin beschuldigt, sie pflege vertraulichen Kontakt mit der ersten Vorarbeiterin sowie der Gattin des Vorarbeiters, welche Patin ihrer Tochter war. Die Beschuldigte wollte darauf die Versammlung verlassen, wurde aber daran gehindert und zur Rede gestellt. Präsident Gsell ermahnte sie, dass Informationen aus den Versammlungen nicht heimlich an die Direktion weitergeleitet werden dürfen. Gleichzeitig reichte er seine Demission als Gewerkschaftsführer ein. Wabra und Frischknecht seien zu «draufgängerisch» vorgegangen, zudem seien der Vorarbeiter und sogar sein eigener Bruder ihm in den Rücken gefallen und ausserdem müsse er seine Familie ernähren und dürfe auf keinen Fall eine Entlassung riskieren.

Schliesslich doch eine anständige Sozialpartnerschaft

Die Einschüchterungstaktik der Direktion schien vorerst aufzugehen. Ein Jahr nach der Gründung hat sich die Mitgliederzahl der Gewerkschaftsgruppe halbiert, allerdings ebenso die Anzahl Angestellter. Die Maestrani schlitterte in eine tiefe Nachkriegskrise. Die Schokoladearbeiter setzten sich weiter für gerechtere Arbeitsbedingungen ein – mit zunehmendem Erfolg. Gsell liess sich überreden, als Präsident weiterzumachen. Ein späterer Firmenchronist bewertete die Zeit ab 1913 als Dekade, in der «all diese Herren nur das Geldscheffeln im Sinne» hatten und die Firma beinahe in den Ruin trieben. 1924 löste Jakob Guyer Adolf Sennhauser als Direktor ab, mit dem eine Sozialpartnerschaft in der Maestrani etabliert wurde, die ihren Namen verdient.

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