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ARBEIT DER ZUKUNFT: Ostschweizer Angestellte warten ungeduldig auf die Digitalisierung

Ostschweizer Arbeitnehmer wissen, wie neue Technologien die Arbeit verändern: Weniger Routine, mehr Selbstbestimmung. Doch gerade Grossunternehmen haben mit den Veränderungen Mühe.
Von der Zukunft erhoffen sich die Arbeitnehmer freieres Arbeiten. (Bild: Getty)

Von der Zukunft erhoffen sich die Arbeitnehmer freieres Arbeiten. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:www.tagblatt.ch/epaper

Kaspar Enz

Das Internet, mobile Geräte und die Automatisierung werfen nicht nur ganze Branchen aus der Bahn. Sie verändern auch die Arbeit selbst. Doch viele Firmen haben Mühe damit, sich dieser neuen Welt anzupassen. Das glauben zumindest die Angestellten. Die Fachhochschule St.Gallen (FHS) befragte rund 1000 Mitarbeiter vor allem von Ostschweizer Unternehmen zur Zukunft der Arbeit. Erste Resultate wurden letzte Woche am St.Galler New-Work-Forum der FHS vorgestellt.

Mehr als 60 Prozent der Befragten sind nicht zufrieden damit, wie ihre Firma diese Veränderungen bewältigt. Unzufrieden ist eine Mehrheit auch mit der Führungskultur. «Oft sind es die jüngeren Mitarbeiter, die unzufrieden sind», sagt Alexandra Cloots, die die Studie leitete. Sie sind es auch, die von der Digitalisierung viel Veränderung erwarten. Den Jungen gehe es nicht schnell genug, sagt die FHS-Professorin. «Vor allem aber sind es die Mitarbeitenden grosser Unternehmen, die unzufrieden sind.» Hier dauere es oft länger, bis neue Ideen umgesetzt seien, vermutet Cloots. Auch deshalb, weil viele Hierarchiestufen den Wandel mittragen müssen.

Mehr selber entscheiden

Anders als viele Firmen haben die Angestellten schon eine recht klare Vorstellung davon, wie sie morgen arbeiten: Sie führen weniger Routinetätigkeiten aus, dafür entwickeln sie Neues, geben Wissen weiter und arbeiten in Projekten. Und sie verlangen schon heute eine neue Art von Chef. Der soll unterstützen und informieren statt Befehle geben: Selbstbestimmung und Freiraum wird am meisten genannt, wenn man die Arbeitnehmer danach fragt, was sie von der Führung erwarten. Auch Mitbestimmung bei Entscheidungen oder mehr Selbstständigkeit fordern die Mitarbeiter ein. Und auch hier gilt: «Es sind vor allem die Mitarbeiter von grossen Unternehmen, die das erwarten», sagt Cloots. «Kleinere Unternehmen haben flachere Hierarchien. Deshalb ist diese Erwartung dort weniger stark ausgeprägt.»

Es sind deshalb oft eher kleinere Firmen aus der IT-Branche, die auch in der Ostschweiz mit neuen Arbeitsformen experimentieren: Die Software-Schmiede Haufe-Umantis beispielsweise, wo die Chefs demokratisch gewählt werden, oder das St.Galler Start-up Advertima, wo Hierarchien intern abgeschafft sind und alle Mitarbeiter gleich viel verdienen. Doch auch grosse, traditionelle Industrieunternehmen können sich verändern. Davon ist Christof Oswald überzeugt. Er ist Personalchef Schweiz der Uzwiler Bühler-Gruppe mit hierzulande 2500 Mitarbeitern. Als Schweizer Firma habe man bereits einen Vorteil. «Die Hierarchien sind bei uns nicht so starr, das gilt gerade für Bühler: Ich sitze mit meinen Mitarbeitern im gleichen Büro, man duzt sich schnell.» Und Bühler will gute Ideen aus allen Ebenen und Ecken des Konzerns hören: Mit der «Innovation Challenge» werden im ganzen Konzern Projektideen gesammelt, die Belegschaft weltweit stimmt darüber ab. Daraus seien schon neue Produkte entstanden.

Und die weltweite Vernetzung sei für Bühler essenziell, schon in der Ausbildung. Wer bei Bühler lernt, geht oft auch ins Ausland. Das mache die Lehre hier nicht nur attraktiv, «es fällt uns dadurch auch leicht, Leute zu fördern, die für uns in die USA oder nach China gehen.» Dank der Horizonterweiterung bedeute eine Karriere für Bühler-Mitarbeiter nicht automatisch der Sprung von der Werkstatt ins Büro. Denn man muss nicht Chef werden, um Karriere zu machen. «Bei uns sind auch Fachkarrieren möglich, und sie werden entsprechend bezahlt», sagt Oswald. So sei es auch eine Chance, ein weltweites Grossunternehmen zu sein. Die Bedürfnisse der Mitarbeiter können sich je nach Lebensphase ändern. «Und bei uns gibt es enorm viele Möglichkeiten, wie und was man arbeiten will.»

Allerdings muss «jedes Unternehmen eigene Wege finden, um für die Mitarbeitenden attraktiv zu sein», sagt Christof Oswald. «Patentrezepte gibt es nicht.» Doch mehr Flexibilität, Mitbestimmung und Freiheit dienten nicht nur dazu, gute Leute anzuziehen, sagt Ale­xandra Cloots: «Die Mitarbeitenden sollen unternehmerischer handeln können.» So ist weniger Bürokratie nötig, Ideen können einfacher umgesetzt werden. Doch diese Freiheit hat auch Schattenseiten. «Immer alles selbst entscheiden zu müssen, bedeutet einen extremen Stress.»

Wunsch und Wirklichkeit

Deshalb ist auch Luca Cirigliano, Leiter Arbeitsrecht beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, skeptisch beim Thema «New Work». Mehr Selbstbestimmung und Freiheit am Arbeitsplatz sei zwar zu begrüssen. Doch «viele Arbeitgeber zwingen ihre Mitarbeiter zu Home Office, um Bürofläche zu sparen». Es mag befreiend tönen, selbst zu entscheiden, wann und wo man arbeitet. «Wenn man aber Ziele erreichen muss, die man in der regulären Bürozeit nicht erreichen könnte, dann wird man irgendwann krank», sagt er. Und während Personalexperten und Arbeitnehmer von der flexiblen, freieren Arbeitszukunft träumten, sehe die Realität anders aus. «Studien zeigen, dass immer weniger Arbeitnehmer wirklich selber über ihre Arbeitszeiten entscheiden können»: Die Flexibilität wird zur Pflicht der Arbeitnehmer, immer verfügbar zu sein. Die Arbeitgeber nehmen weniger Rücksicht. «Dabei steht die Berücksichtigung der familiären Pflichten des Arbeitnehmers im Arbeitsrecht.»

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