Zwiebelfisch & wohltätige Zecke

«Ich habe keine Zukunft. Mein Geschlecht wird untergehen», klagte der Zwiebelfisch. «Kaum mehr jemand kennt meine Bedeutung. Meine Existenz beschränkt sich auf Quizfragen oder Kreuzworträtsel.» Die wohltätige Zecke aber reckte sich freudig.

Esther Ferrari
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Bild: Esther Ferrari

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«Ich habe keine Zukunft. Mein Geschlecht wird untergehen», klagte der Zwiebelfisch. «Kaum mehr jemand kennt meine Bedeutung. Meine Existenz beschränkt sich auf Quizfragen oder Kreuzworträtsel.» Die wohltätige Zecke aber reckte sich freudig. Sie war neu geboren und eben entdeckt worden: in der Appenzeller Zeitung vom 20. April, Seite 28, unter «Explosion der Farben für einen guten Zweck». Weil irgendwer am Schluss des Textes den Buchstaben W vergessen hatte, wurde aus «wohltätige Zwecke» die «wohltätige Zecke». Da sieht man es wieder einmal. Mit einem Buchstaben kann der Sinn eines Wortes verändert werden. Buchstaben haben eine grosse Macht. Mit dieser Macht kämpfen die Schüler im Diktat, mit dieser Macht kämpfen Schreibende immer. Es gibt nichts Ärgerliches als ein verwechselter Buchstabe. Auch der Zwiebelfisch geht zurück auf einen falschen Buchstaben. Als Bücher und Zeitungen noch mit Blei gesetzt wurden, nannten die Schriftsetzer einen Buchstaben, der irrtümlich fett oder aus einer andern Schrift in den Satz oder ins Schriftbild geriet, einen Zwiebelfisch. Kein Weltuntergang! Auch die «wohltätige Zecke» ruft beim Leser höchstens ein Schmunzeln hervor. Es gibt aber andere, die sind ärgerlich. Kürzlich bin ich mitschuldig geworden an einem Fehler im «St. Galler Bauer». Ich habe ein Porträt über eine Bauernfamilie vom Aeschen, zwischen Urnäsch und Hundwil geschrieben. Die Gemeindezugehörigkeit habe ich nicht erwähnt. Die Bewohner sind im Telefonbuch unter Urnäsch aufgeführt. So wurde der Aeschen von der Redaktion kurzerhand Urnäsch zugeschrieben. Dabei ist es für mich sonnenklar, dass er zu Hundwil gehört. So schnell kann man mit einem Wort die Gemeindegrenzen verschieben. Das ist viel schlimmer, als aus einem Zwecke eine Zecke zu machen. Ich bin froh, wenn die Hundwiler nicht nachtragend sind. Wie würde ich es bedauern, wenn «d Senne bim Öberefahre» demonstrativ still bei meinem Haus vorbeigehen würden und ich die Jauchzer und die schönen Zäuerli vermissen müsste.