Zwei Männer und moderne Kunst

Zürichdeutsch sei seine erste Fremdsprache, sagt der Galerist Bruno Bischofberger. Wie der Name vermuten lässt, liegen seine Wurzeln im Appenzellerland. Er macht Werbung, unter anderem mit Fotos von Herbert Maeder – in den massgeblichen Zeitschriften für zeitgenössische Kunst.

Guido Berlinger-Bolt
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Chlausebickli und zeitgenössische Kunst in der Galerie.

Chlausebickli und zeitgenössische Kunst in der Galerie.

Zürich. Am Morgen in der Galerie Bruno Bischofberger am Utoquai 29, gleich neben der Zürcher Oper; durch das hohe Fenster am Eingang dringt der Lärm des Morgenverkehrs, der sich dem Seeufer entlang in die Stadt wälzt. Es ist kurz nach neun Uhr, die Galerie hat eben geöffnet; wir sind alleine.

Die aktuelle Ausstellung trägt den Titel «nudes», Akte. Zumeist grossformatige Gemälde hängen an den Wänden: Enzo Cucchi, Miriam Cahn, Julian Schnabel, Mel Ramos, Dokoupil. Beeindruckend.

Indessen: Die Ausstellungen in der Galerie mache er nicht für den Kunsthandel, wird Bruno Bischofberger später am Telefon sagen; der Handel laufe hinter den Kulissen. Die Ausstellungen mache er vor allem zum eigenen Vergnügen und zu dem seiner Freunde, so Bischofberger.

Wir besuchen die Galerie zugegebenermassen auch nicht wegen der Akte. Wir sind aus einem ganz anderen Grund nach Zürich gefahren.

Herbert Maeder in New York

Am Desk liegen Ordner bereit; ihr Inhalt: die jeweils letzten Seiten des Kunstbulletins und des Art Forum New York. Es sind die massgeblichen Zeitschriften für zeitgenössische Kunst; sie werden überall gelesen – und überall meint überall: weltweit. Es ist dies der Ort, an dem die Galerie Bruno Bischofberger Werbung macht. Und wie!

Vor uns liegen Fotografien, die Silvesterchläuse zeigen oder Sennen bei der Alpauffahrt, Wildheuer, Alpkäser, Schafscherer. Die Bilder stammen von verschiedenen Fotografinnen und Fotografen; einige darunter stammen von Amelia Magro, andere von Herbert Maeder. Von Maeder ist etwa der Schnitzer mit Lindauerli, der in seiner Werkstatt hochkonzentriert an einem Schwein arbeitet. Von Maeder ist der Alpheuer, der seine Sense dängelt. Und von Maeder ist der Chlausezüg in einer getäferten Stube irgendwo in Innerrhoden.

Und das weit draussen in der Welt, in New York, Tokyo, London; überall dort, wo der Handel mit moderner Kunst stattfindet. «Die Idee dahinter war eine rein praktische», sagt am Nachmittag am Telefon der Kunsthändler und Galerist Bruno Bischofberger. «Und sie war viel prosaischer, als man denken mag.»

«Was anderes gesucht»

Irgendwann sei ihm die Idee mit den letzten Seiten der Kunstzeitschriften gekommen; zu Beginn hätten diese jeweils ein Werk der anstehenden Ausstellung gezeigt.

Im vor-digitalen Zeitalter war das allerdings schwierig: «Wir waren jeden Monat gehetzt – oft malten die Künstler noch an den Werken, und das weltweite Verschicken von Dias und Abzügen kostete viel Zeit. «Ich suchte also was anderes – was dennoch das Herz erfreute», so Bruno Bischofberger. Da sei ihm die Idee mit der Volkskunst gekommen: authentisches, gelebtes Brauchtum, altes Handwerk, das Leben in den Schweizer Bergen, mit den Tieren, mit der Natur. Das war vor rund 30 Jahren.

Die Anzeigen erschienen in der Zwischenzeit auch auf Rückseiten anderen Publikationen; Bischofberger zählt neben den bereits erwähnten ein finnisches Kunstmagazin und das «Flash Art International» aus Mailand auf. In einzelnen weiteren streut er die Werbung im Jahresrhythmus.

«Immer wieder Komplimente»

Mittlerweile sind die Fotos im Zusammenspiel mit der roten Hinweisschrift zum Markenzeichen für die Galerie am Utoquai geworden. «Ich bekomme seit Jahren immer wieder Komplimente für die Fotografien», sagt Bruno Bischofberger.

«Am Anfang waren das oft sehr alte Fotos», so Bischofberger; viele zeigten, was er früher mit eigenen Augen selber beobachtete, was er selber erlebte bei seinen Besuchen im Appenzellerland und im Toggenburg.

Ähnliche Bildersujets sah er immer wieder auch von Herbert Maeder. Irgendwann habe er den Rehetobler in seiner Heimat besucht und nach weiteren Bildern gefragt, so Bischofberger.

Er habe selber aber nie Fotos in Auftrag gegeben und damit etwa Auflagen verbunden, wie Brauchtum oder bäurisches Leben darzustellen sei, so der Zürcher Galerist. Solches liegt dem Kunsthistoriker, der im Nebenfach klassische Archäologie und Volkskunde studiert hat, denn auch fern. Bischofberger kommt es auf das Wirkliche, auf das Echte an: «Am schönsten ist Brauchtum an ganz abgelegenen Orten zu beobachten; wo es unaufdringlich und keine gemachte Sache ist.»

Zweitsprache Zürcher Dialekt

Und Bruno Bischofberger weiss, wo solche Orte im Appenzellerland liegen. In seinem Zürcher Dialekt erzählt er vom Alten und vom Neuen Silvester – dem er, weil authentischer, ausserhalb von Urnäsch beiwohnt – und davon, dass er seit über 40 Jahren kaum je einen 31. Dezember und einen 13. Januar versäumt hat.

Es ist ein Zürcher Dialekt, den der Sprechende als seine erste Fremdsprache bezeichnet; seine Muttersprache sei der Innerrhoder Dialekt – wie man ihn vor fünfundsechzig Jahren gesprochen hat. Er lernte ihn bei seinen unzähligen Ferienaufenthalten beim Grossvater in Appenzell. Seine Vorfahren stammten aus Oberegg; im 17. Jahrhundert seien sie ins Innere Land «ausgewandert», erzählt Bruno Bischofberger; zwei Ahnen amteten als Landammänner.

Seine Beziehung zum Appenzellerland reicht indessen weiter, über seine Erinnerungen an die Jugendzeit hinaus. Bruno Bischofberger lebt sie nach wie vor, hat hier viele Freunde und Bekannte. Auch besucht er die Heimat seiner Familie regelmässig. Und nimmt ebenso regelmässig Gäste mit.

Einst begleitete ihn Andy Warhol, als er von einem Gontner Bauer ein altes Sennenbild angeboten bekam. Warhol in einem alten Bauernhaus – Bischofberger schmunzelt darüber, wenn er zurückdenkt.

Auch der Graffiti-Künstler und Neoexpressionist Jean Michel Basquiat begleitete Bischofberger mehrfach ins Appenzellerland; eine Anzahl seiner Bilder, so Bischofberger, sei unter dem Einfluss von Topographie und Kultur am Alpstein entstanden. Privat sammelt Bruno Bischofberger (unter anderem) Volkskunst. – «Volkskunst hat viele Parallelen zur modernen Kunst», wie er sagt. Den Schwerpunkt seiner Sammlung hat er auf die Appenzeller Bauernmalerei aus der Mitte des 19.

Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg gelegt. Auch hier ist es das Echte, das Originale, was Bischofberger interessiert – gleich wie bei den Brauchtumsbildern von Herbert Maeder.

Bildstoff von Herbert Maeder in der Werbung. (Bilder: gbe)

Bildstoff von Herbert Maeder in der Werbung. (Bilder: gbe)