«Zusammenleben» komprimiert

Zum Abschluss der Schweizer Tournée spielte der Circus Chnopf – Cirque de Loin am Wochenende drei Vorstellungen des 21. Programms «Bisou» in Lichtensteig. Sie wären tüchtig verregnet worden, hätte man sie nicht ins Chössi-Theater verlegt.

Michael Hug
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Lichtensteig. Es war unschwer vorauszusehen: Die Vorstellungen des über das Wochenende im Städtchen gastierenden Cirque de Loin – vormals Circus Chnopf – fanden nicht im Freien statt. Warum kann ein Zirkus nicht im Freien spielen, wäre hier die Frage, der hat doch ein Zelt um seine Show vor dem Regen zu schützen? Der Cirque de Loin ist eben kein gewöhnlicher Zirkus, er hat kein Zelt, Zuschauende wie Akteure sitzen respektive spielen im Freien. Wenn das Wetter zu garstig ist, sagt Zirkusdirektor Michael Finger die Vorstellung einfach ab.

So geschehen kürzlich in Wil, aber nicht in Kreuzlingen oder Degersheim, wo die Vorstellungen bei kühler, aber trockener Herbstwitterung stattfanden.

Ein garstiges Wochenende

In Lichtensteig aber stand ein garstiges Wochenende an, doch Direktor Finger wollte nicht ausgerechnet in Lichtensteig die letzten Vorstellungen der Tournée seiner Show ausfallen lassen.

Hat er im Städtli doch eine Zeitlang gelebt und gearbeitet und ausserdem vor zwei Jahren seinen Film «Bersten» abgedreht. Da sein Cirque de Loin auf Einladung des Chössi-Theaters in Lichtensteig gastierte und wie schon im letzten Jahr auf der Chössi-Wiese spielen sollte, kam man in Anbetracht der sich drehenden Wetterlage überein, die Freitags- und Samstagsvorstellungen im Theatersaal des Chössi zu spielen.

«Zum ersten Mal spielen wir nicht im Freien und wir haben unser Programm deshalb ziemlich einkochen müssen», sagte Finger zu Beginn der Show. Damit dämpfte Finger erst mal die Erwartungen an eine kühne Artistik-Show und das turbulente Bespielen der dreistöckigen Bühne – die im Übrigen die ganze Zeit unbeachtet draussen im Regen stand.

Improvisierte Indoor-Auflage

Doch bei dieser improvisierten Indoor-Auflage ging das Thema der Show – «Zusammenleben» – völlig verloren. Die Handlung – in der Outdoor-Version dem Zuschauenden viel Konzentration und Einfühlungsvermögen abverlangend – war im «Chössi» völlig inexistent. Wo Schauspiel und Artistik die Show ausmachen sollten, gab es nur noch Gesangsvorträge und ein paar wirblige Bodenübungen. «Es ist nur die halbe Show aber wir geben alles», versprach Michael Finger.

Unter den gegebenen Umständen war tatsächlich nicht viel mehr möglich.

Repräsentativ für die Arbeit des umtriebigen Zirkusdirektors und seines Ensembles (14 Erwachsene und drei Kinder) war das Gebotene in keiner Weise. Hinter der turbulenten Show waren die Anstrengungen eines bis ins Detail ausgearbeiteten 75minütigen Programms nur noch zu erahnen.

Tratschen, streiten, leben

Was im Chössi – in der «eingekochten» Version – sequenziell ablief, also der Reihe nach, geschieht im eigentlichen Programm mehrheitlich parallel. Die dreistöckige Bühne stellt das Haus der Grossfamilie dar und dort wird – wie im wahren Leben – oben geduscht, in der Mitte gelebt und unten gegessen. Immer also spielt sich irgendetwas ab auf den drei Etagen, es wird getratscht, gestritten, geliebt, die Notdurft verrichtet. Im auf einen Raum komprimierten Haus der Indoor-Version aber ging dieses Leben verloren.

Die Zuschauenden am Freitag sahen einen chaotisch-improvisierten Konzertabend mit Liedern, die das Leben schrieb. Nichtsdestotrotz: Dem Publikum hat es gefallen, es kostete ja nichts ausser der freiwilligen Kollekte und man war ja eh schon da, denn es war der Helferabend der freiwilligen Mitarbeitenden des Chössi-Theaters.