Zurück in die Höhle

Trotz Flachbildfernseher, elektrischer Zahnbürste und Klimaanlage im Familienvan stemmen wir uns von Zeit zu Zeit verzweifelt gegen die Fesseln der Zivilisation.

Timo Züst
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Trotz Flachbildfernseher, elektrischer Zahnbürste und Klimaanlage im Familienvan stemmen wir uns von Zeit zu Zeit verzweifelt gegen die Fesseln der Zivilisation. Das Verlangen, unsere ursprünglichsten Triebe auszuleben, wird irgendwann so gross, dass uns nichts mehr in den eigenen vier Wänden hält. Praktisch, dass dann meistens der Sommer ins Haus steht und die damit verbundenen milden Wetterbedingungen den Aufenthalt im Freien entscheidend erleichtern.

Die Besinnung auf unsere Urahnen zeigt sich im Versuch, verschiedene Triebe auszuleben, wie den Fortpflanzungstrieb. Diesen zu unterdrücken, fällt dem Homo Sapiens des 21. Jahrhunderts im Winter verständlicherweise wesentlich leichter, nehmen seine Nasen doch weniger Duftsekrete und seine Augen nicht annähernd so viel Haut vom anderen Geschlecht war, wie zur Jahreszeit der Miniröcke und verschwitzten Bauarbeiter, deren T-Shirts in der Baracke geblieben sind. Der Verlockung schliesslich erlegen, versuchen wir das andere Geschlecht zu erobern, um das eigene Genmaterial weiterzugeben.

In Ermangelung der Möglichkeit, die Körperkraft in einem Kampf zu demonstrieren – gleich mehrere Gesetze verbieten diese archaische Art des Balzverhaltens –, weichen die Männchen auf eine Machtdemonstration im nächstgelegenen Freibad aus. Die reine Präsentation des Körpers muss ausreichen – wozu er fähig wäre, kann allenfalls in einem späteren Stadium des Werbens demonstriert werden.

Auch unseren Jagdtrieb leben wir in den kalten Monaten nur selten aus, höchstens dann, wenn sich eine Küchenschabe in unser Blickfeld verirrt. Es ist nur natürlich, diesem Verlangen während des Sommers möglichst exzessiv zu frönen. Auch hier verpflichtet uns die Geisel der Zivilisation aber zu einiger Kompromissbereitschaft. So verzichten wir auf die Jagd und kaufen uns stattdessen eine vakuumverpackte Bratwurst. Praktischerweise bleibt uns damit auch das Häuten und Ausnehmen des erlegten Wildtieres erspart. Viel genauer nehmen wir es hingegen bei der Zubereitung unseres Gerichts: An Holzstöcken aufgespiesst, brät es über dem Feuer – wie damals. Schwierig wird es allerdings, wenn das Feuerzeug mitsamt dem Survivalkit zu Hause liegen blieb. Da die Fähigkeit, ein Feuer ohne die uns gewohnten technischen Hilfsmittel zu entfachen, nicht mehr weit verbreitet zu sein scheint, wird in diesem Fall einzig der Cervelat-Käufer satt.

Als ehemals nomadische Rasse verspüren wir des öfteren den Wunsch, die bekannten Gestade zu verlassen und neue zu erkunden. Leider scheint uns die Kreativität bei der Auswahl der Wanderrouten abhanden gekommen zu sein, was etwa zu kilometerlangen Staus vor dem Gotthard führt. Vergessen geht in der Aufregung häufig, dass die Nomaden wanderten, um zu überleben, sie hatten kein explizites Ziel vor Augen. Wir erleben unsere Reise als eine Aneinanderreihung potenziell nervtötender Ereignisse, an deren Ende die Erlösung wartet, der Liegestuhl am Sandstrand oder die Koje in einem Kreuzfahrtschiff. Unbewusst ignorieren wir dabei unser eigentliches Verlangen: das Erleben des Reisens. Das erklärt wohl auch die latent herrschende Unzufriedenheit nach der Rückkehr von den überfüllten Sandstränden.

Diese müden Annäherungsversuche an die Gepflogenheiten unserer Urahnen scheinen nicht befriedigend. Ich rate daher zu mehr Konsequenz. Empfehlenswert wären Ferien in einer Höhle, vorzugsweise mit Steinzeitmalerei.

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