Zum Dreikönigstag

Wo sind die Königinnen?», fragte das Kind, als ich an einem Dreikönigstag den Christbaum abräumte und die Krippe samt den vornehm gekleideten Königen versorgte.

Esther Ferrari
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Bild: Esther Ferrari

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Wo sind die Königinnen?», fragte das Kind, als ich an einem Dreikönigstag den Christbaum abräumte und die Krippe samt den vornehm gekleideten Königen versorgte. «Königinnen werden in der Weihnachtsgeschichte nicht erwähnt», antwortete ich, «sie sind wohl daheim geblieben.» «Dann erzähl mir etwas von den Königinnen!», sagte das Kind. Ich sann und begann. «Es lebten im Morgenland drei Königinnen, die hörten von der Weissagung, dass ein königliches Kind geboren werden sollte. Die erste wäre gerne dem Stern gefolgt um dem neuen König zu huldigen, aber sie hatte selber zwei kleine Kinder und die wollte sie auf keinen Fall allein lassen. Die zweite pflegte ihre betagten Eltern und konnte unmöglich weg. Zudem war Reisen gefährlich. Auch aus gesellschaftlichen Gründen war es unmöglich, allein als Frau unterwegs zu sein. Die dritte überdachte die Situation und überlegte, wie sie sich auf den Weg machen könnte. Sie verwandelte sich in eine Bienenkönigin und flog mit ihrem Hofstaat weg. Ihrem Instinkt folgend, fand sie ohne Mühe zum Stall in Bethlehem. Dort baute sie mit ihren fleissigen Arbeiterinnen zwischen Dach und Firstbalken ein Nest. Als Josef und Maria den Stall betraten, empfing sie ein herrlicher Duft. Josef reichte Maria heisses Wasser mit süssem Honig, den er aus den Waben vom Firstbalken heruntergeholt hatte. Die Bienenkönigin erlebte voller Freude das weihnachtliche Geschehen und später den Besuch der drei weisen Könige. Einer von ihnen schaute hinauf zum Dach, durch das der grosse Stern leuchtete, und blickte ihr genau in die Augen. Leicht verwirrt suchte sie in der Wüste eine Oase. Dort bereitete sie mit ihren Helferinnen Honig und Wachs zu für das Jesuskind. Dies würde der Heiligen Familie auf der Flucht willkommen sein. Nach Wochen wieder daheim, schlüpfte die kleine Königin zurück in ihre Menschengestalt – schmückte sich und wartete mit klopfendem Herzen. Ob auf Caspar, Melchior oder Balthasar, weiss ich leider nicht!»