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«Wir sind keine Hippies»: Wie 15 Menschen ticken, die in Trogen – teils polyamourös – zusammenleben

Eine Gemeinschaft von 15 Leuten hat sich in Trogen niedergelassen. Sie sind hier auf der Suche nach einer nachhaltigen Zukunft für die Menschheit. Ein Blick hinter die Kulissen einer eher ungewöhnlichen Lebensform.
Astrid Zysset
Nicht sichtbar, aber die Balken im Boden des künftigen Begegnungsraumes sind durchgebrochen. (Bild: ASZ)
Die Gemeinschaft wohnt seit einem Jahr in Trogen. Zuvor lebte sie in Zwischennutzungen in Zürich. (Bild: PD)
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Zuhause bei den Wandel-Menschen

Rund um das alte Bauernhaus weiden Kühe, Blumenbeete stehen vor dem Hauseingang. Vier Personen in bunten Kleidern sitzen im Kreis vor der Haustüre und beraten, was sie an diesem sonnigen Spätnachmittag wohl unternehmen möchten – der Entscheid fällt auf einen Sprung in den nahe gelegenen Fluss. Ein fünfjähriger Junge tritt aus dem Haus. Vergnügt schlemmt er seinen Zvieri, und erzählt, dass er gerne hier zu Besuch komme.

Auf den ersten Blick erinnert vieles an einen normalen Grossfamilienalltag. Doch einiges ist anders. Die Gemeinschaft, die hier wohnt, sagt, sie seien keine Hippies, sondern «Wandel-Menschen». Die Mitglieder geben ihr Leben dem Wandel hin, der Suche nach «einer nachhaltigen Zukunft für die Menschheit». 15 Erwachsene sind es, die hier im alten Bauernhaus bei Trogen ein Zuhause gefunden haben. Einige nur Teilzeit, wie Franca Fux, eines der Mitglieder erzählt. Sie ist 24 Jahre jung, ausgebildete Primarlehrerin und lebt seit drei Monaten in Trogen. Für sie sei diese Form des Zusammenlebens die einzige, die Sinn macht. «Der Entscheid, mich in Trogen niederzulassen, hat sich stimmig angefühlt», sagt sie. Zuvor hatte die junge Frau zehn Gemeinschaften in Belgien und Frankreich besucht.

Jeder steuert bei, was er kann

Geteilt wird hier innerhalb der Gemeinschaft in Trogen fast alles. Individueller Besitz gibt es kaum. Kleider werden aus einem gemeinsamen Schrank entnommen, die Betten mehrheitlich geteilt. Fux sagt:

«Einige von uns leben polyamourös, andere möchten das lieber nicht. Das ist jedem selbst überlassen.»

Überlassen ist auch jedem individuell, ob er all sein Geld der Gemeinschaft zur Verfügung stellen möchte. Einige hätten das getan, um auszuprobieren, wie es ist, kein privates Geld mehr zu besitzen. Andere möchten das lieber nicht, erklärt Fux. Beisteuern müsse auch nicht jeder gleich viel, obwohl durchschnittlich 520 Franken an monatlichen Kosten pro Person anlaufen. Alles würde transparent ablaufen. Jeder weiss, wieviel der andere zahlt. Unstimmigkeiten gebe es kaum. Denn: Ziel ist es, dass jede Person seine Energie und Ressourcen für das Mitgestalten einer nachhaltigeren Zukunft einsetzt und nicht das Geldverdienen im Fokus steht.

Zwei Autos stehen draussen: Ein alter Kombi und ein Kleinbus. Nutzen kann sie jeder. Zweimal täglich wird gemeinsam gegessen – mittags und abends. Alkohol und Drogen gelten als unerwünscht. Pflichten wie Kochen und Putzen werden geteilt. Nicht nach fixen Regeln, sondern der Harmonie entsprechend mittels höflicher Aufforderung. Fux:

«Ein sehr achtsames Zusammenleben wird gepflegt. Das gefällt mir.»

Es gibt viele Zusammenkünfte. An diesen wird an Gesellschaftsmodellen geforscht, wie auch Entscheide gefällt. Und zwar solche, die alle betreffen. Beispielsweise wird in diesen Runden auch das Thema Kinder besprochen. Der Entscheid, diese zu wollen, obliegt nämlich nicht nur jedem Paar alleine, sondern wird in der Gemeinschaft betrachtet. Fux führt aus: «Gerade eben ist ein junges Paar mit einem kleinen Kind zu Besuch. Das hat bei vielen Gemeinschaftsmitgliedern Freude ausgelöst und das Thema eigene Kinder ist wieder stärker in den Vordergrund gerückt.»

Aber auch Besuche werden besprochen. «Besuche von aussen sind ein wiederkehrendes Thema, dem wir uns annehmen müssen. Da wir so gut vernetzt sind und sich so viele Menschen für unser Projekt interessieren, wird der Platz oft sehr rar.»

Geld für Begegnungsraum fehlt noch

Ein Teil der Gemeinschaft lebte bereits in Zürich zusammen. Seit vergangenem Oktober sind sie, mit ein paar weiteren Personen, nach Trogen gezogen. Unterhalb des Bauernhauses, in einem Mehrfamilienhaus, kommt noch eine Wohnung dazu, ein Permakultur-Garten, drei Tipis und ein aus Weidenzweigen gebauter Dom, welcher im Sommer zum morgendlichen Meditieren gebraucht wird. Es ist ein kleines beschauliches Paradies mit Enten, Hühnern, Ruhe und viel Platz, das sich hier findet. Zumindest im Sommer. Dem Winter sieht die Gemeinschaft mit Bedenken entgegen. Zu beengt sind die Räumlichkeiten im Innern der Gebäude. «Der Mensch wird hier in seinen Bedürfnissen gesehen. Dazu gehören auch Rückzugsmöglichkeiten», so Fux. Aber eben: Die fehlen grösstenteils.

Ein kleiner Raum neben dem einstigen Stall soll nun zu einem Begegnungsraum umgebaut werden. Zwar sind heute darin schon Teppiche ausgelegt, an einer Wand steht ein Sofa, dennoch ist der Raum eigentlich nicht zu nutzen. Die Balken sind an einer Stelle durchgebrochen, was den Boden unstabil werden liess. 6000 Franken würde die Sanierung kosten. Fux möchte das Geld gerne über die Crowdfunding-Website wemakeit.com zusammen bekommen. Doch bis heute, vier Tage bevor die Aktion zu Ende geht, sind erst 425 Franken eingegangen. Gibt es einen Plan B? «Bis jetzt noch nicht», sagt Fux schulterzuckend. Sie lächelt. Aus der Ruhe scheint sie finanzielle Sorgen nicht zu bringen. Die ganze Gemeinschaft nicht. Fux erzählt, dass im vergangenen Winter das Geld knapp wurde. Ein Drama gab es nicht. Nur den Entscheid, dass sich eben halt wieder mehr Gemeinschaftsmitglieder auswärtige Arbeit suchen müssen. Durchschnittlich an zwei Tagen pro Woche.

Gemeinschaftliches Projekt wird gesucht

Die restliche Zeit widmet sich die Gemeinschaft dem Permakulturgarten und dem Aufbau von neuen Projekten. Diesen Monat ging es um sogenanntes «bedingungsloses Arbeiten» – unentgeltlich wurde anderen Personen im Dorf geholfen. Hecken wurden geschnitten, Rasen gemäht. Auch erste Schritte für die Vision, eine Schule zu gründen, wurden eingeleitet. Viele Optionen werden getestet. Die Gemeinschaft ist auf der Suche nach einem gemeinschaftlichen, nachhaltigen Projekt, von dem sie auch leben kann. Fux fasst zusammen:

«Wir beschäftigen uns mit der Frage: Was braucht es von uns in der Gesellschaft, dass es friedlicher auf der Welt zu und her geht.»

Wie das Projekt genau aussehen wird, ist derzeit jedoch noch offen.

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