Zuerst Fressen, dann Moral

Die Theatergruppe «in szenario» der Kantonsschule Wattwil ist zu Gast im Chössi-Theater Lichtensteig mit der Musiktheaterproduktion «Die Dreigroschenoper» von Bertolt Brecht.

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Sie stecken derzeit mitten in den Proben für ihre «Dreigroschenoper»: Die Mitglieder der Kanti-Theatergruppe «in szenario». (Bild: pd)

Sie stecken derzeit mitten in den Proben für ihre «Dreigroschenoper»: Die Mitglieder der Kanti-Theatergruppe «in szenario». (Bild: pd)

WATTWIL. «Sie werden eine Oper sehen. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heisst sie <Die Dreigroschenoper>.» So lautet der einleitende Text von Bertold Brecht zu seinem Werk.

Brechts grösster Theatererfolg

Auf dem Jahrmarkt singt ein Moritatensänger die Moritat von Mackie Messer, in der die Untaten des Bandenführers vorgestellt werden. Der wiederum heiratet die Tochter des Bettlerkönigs Peachum, der das Geschäft mit dem Mitleid kontrolliert. Als er von der Hochzeit seiner Tochter mit Mackie Messer erfährt, beschliesst er, den ungeliebten Gauner an die Polizei auszuliefern. Dieser flieht in ein Bordell, wird von einer Ex-Geliebten verraten und verhaftet. Im Gefängnis besucht ihn die Tochter des Polizeichefs, die er überreden kann, ihm zur Flucht zu verhelfen. Wieder auf freiem Fuss findet Mackie Unterschlupf bei einer weiteren Geliebten, doch er wird erneut verraten, verhaftet und zum Tode verurteilt. Kurz vor seiner Hinrichtung erscheint der Polizeichef Brown als berittener königlicher Bote und verkündet nicht nur Mackies Begnadigung, sondern auch seine Erhebung in den Adelsstand.

Die Dreigroschenoper wurde Brechts grösster Theatererfolg überhaupt. Er traf das Lebensgefühl der von Desillusion und Vergnügungssucht geprägten späten 20er-Jahre, indem er die Doppelmoral der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft an den Pranger stellt.

In der Version von «in szenario» spielen: Adrian von Bechtolsheim, Valerie von Bechtolsheim, Anne Gisler, Sina Gmünder, Nicole Hellbrück, Rino Hosennen, Joel Lutz, Priszilla Medrano, Jana Niederberger, Caroline Schmid, Subagini Sivapathasundaram, Gershon Tarablus, Bettina Thalmann und Lucia Wyss. Am Piano sitzt Claudia Dischl, um das Licht kümmert sich Samuel Schönenberger. Für die Gesamtleitung und Regie ist Barbara Bucher verantwortlich. Und so wird Brecht gemäss Angaben von «in szenario» im Schultheater umgesetzt: Dialektik statt Dialekt, episches Theater statt klassische Dramaturgie, Provokation statt Harmonie, Aufbruch statt Verweilen. Und alles angereichert mit viel Verfremdung.

Mit Bezug zu heute

Dass die Theatergruppe Brechts Dreigroschenoper für ihre Inszenierung gewählt hat, ist kein Zufall. Was interessiert mehr in unserer Zeit, die gute Nachricht oder Unglücksfälle und Verbrechen? Was fasziniert mehr als die Selbstdarstellung in den unterschiedlichsten TV-Formaten? All das bietet auch Brecht. Und in den Songs der Dreigroschenoper steckt noch viel mehr: «Zuerst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral» mutiert zu «Zuerst kommt das Vergnügen, und dann kommt die Moral». Mit Blick auf Social Media kann das auch heissen, die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre zu missachten, sie für Mobbing zu missbrauchen oder sich in jugendlicher Unbekümmertheit im Netz buchstäblich blosszustellen.

Die Dreigroschenoper ist bis heute aktuell geblieben. Die Liebesgeschichten in der Dreigroschenoper ähneln den Kurzzeitbeziehungen unserer Tage. Nichts muss ein Leben lang halten. Die Frau wird heute noch oft in dieselbe Rolle gedrängt wie schon vor 100 Jahren, sie muss dem Mann nicht nur gefallen, sie muss ihm auch gefällig sein. Die Spielerinnen und Spieler zeigen, dass sie den Transfer zwischen Zeiten und Mentalitäten zu schlagen vermögen, dass sie nicht nur vernetzend denken, sondern das kommentierende Spiel verstehen. Theater kann nicht nur emotional und ästhetisch, sondern auch intelligent sein. (pd)

«Die Dreigroschenoper» im Chössi-Theater in Lichtensteig: 22. bis 25. April: Vorverkauf und Reservation www.choessi.ch, Telefon 058 228 23 99, Filialen der Clientis Bank Toggenburg (Kirchberg, Wattwil, Bazenheid und Mosnang) oder bei Starticket. Vorstellungsbeginn Mi/Do/Fr, 22. bis 24. April: 19.30 Uhr (Abendkasse und Bar ab 18.30 Uhr). Samstag, 25. April: 20.15 Uhr (Restaurant mit Theatermenu ab 18.00 Uhr/Abendkasse und Bar ab 19.15 Uhr)

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