ZÜRICH/TOGGENBURG: Mantras - ein Mantel für die Seele

Am Klangfestival im Obertoggenburg singt Dechen Shak-Dagsay tibetische Mantras. Die über 2000 Jahre alten Silben in Sanskrit sollen die Zuhörenden über das Herz erreichen und vor negativen Einflüssen schützen.

Mirjam Bächtold
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Dechen Shak-Dagsay singt tibetische Mantras, jahrtausendealte Heilsilben. (Bild: Fred Podolak)

Dechen Shak-Dagsay singt tibetische Mantras, jahrtausendealte Heilsilben. (Bild: Fred Podolak)

ZÜRICH/TOGGENBURG. «Om Mani Peme Hum» – sechs Silben mit einer grossen Wirkung. Dechen Shak-Dagsay hat das tibetische Mantra, das sie von ihrer Mutter gelernt hat, neu vertont. Mit ihrer besonderen Musik wird die tibetische Sängerin am 15. Mai im Rahmen des Klangfestivals in Alt St. Johann auftreten.

Die Silben, die sie singt, sind über 2500 Jahre alt und in Sanskrit verfasst. Wörtlich übersetzen kann man sie nicht gut. «Om Mani Peme Hum ist das Mantra der Liebe und des Mitgefühls», erklärt Dechen Shak-Dagsay. Mit ihrer Musik will sie nicht unterhalten, sondern die Zuhörer im Herzen erreichen. Schon oft hat sie nach Konzerten oder Workshops Rückmeldungen erhalten, dass es den Anwesenden nach dem Hören der Mantras besser ging. «Eine Frau sagte mir nach einem Workshop, dass ihre Wut verschwunden sei und sie mit einem Lächeln nach Hause gehe.»

Streit entsteht im Kopf

Die Mantras, die Dechen Shak-Dagsay singt, sollen die positiven Gefühle und Gedanken der Zuhörenden stärken. «Wenn Sie durch die Musik eine innere Ruhe finden, merken Sie, dass Probleme wie Wut, Neid und Streit im Kopf entstehen», sagt sie. So helfen die Mantras, bewusster zu handeln, statt einfach im Affekt zu reagieren. «Wenn es draussen kalt ist, schützen wir uns mit warmen Kleidern. Die Mantras schützen unsere Seele wie ein Mantel.»

In Tibet werden die Silben oft nur gesprochen oder auf einem Ton gesungen. Dechen Shak-Dagsay hat ihnen eigene Melodien gegeben, zu denen europäische Ohren einen leichteren Zugang finden. Zum Naturstimmenfestival passen sie sehr gut, weil sie auch eine Art Naturtonmusik sind. Im Gegensatz zu anderen Konzerten, wie etwa dem in der Carnegie Hall in New York, wird die Sängerin am Klangfestival nicht begleitet. Nur ein Einton-Instrument wird sie mitbringen.

Reise in die Kindheit

«Ich freue mich sehr, dass ich im Toggenburg auftreten und hier meine Musik präsentieren darf», sagt die Sängerin. Noch mehr freut es sie aber, dass sie gemeinsam mit dem Jodlerklub Ebnat-Kappel zwei Lieder singen wird. Sie ist in Ebnat-Kappel aufgewachsen und sieht es als schöne Fügung, dass ausgerechnet dieser Jodlerklub mit ihr auftreten wird. Zurückzukommen ins Toggenburg ist für Dechen Shak-Dagsay, die in Samstagern wohnt, wie eine Reise in ihre Kindheit. Für sie ist das Toggenburg ein Stück Heimat. Heimat ist für sie aber auch Tibet, obwohl sie es zum ersten Mal sah, als sie schon 40 Jahre alt war. Ihre Mutter floh 1959 aus Tibet und Dechen kam auf der Flucht in Nepal zur Welt. 1963 kam die Familie in die Schweiz und ins Toggenburg. Heute reist Dechen Shak-Dagsay alle zwei bis drei Jahre in ihre zweite Heimat. Dort unterstützt sie Projekte wie etwa eine Nähschule, die sie gegründet hat, ein Krankenhaus und eine Autowerkstatt, die Mechaniker ausbildet.

Es ist nicht einfach für Dechen Shak-Dagsay, ein Visum für Tibet zu erhalten. «Die chinesische Regierung hat wohl Angst, dass ich polarisiere. Dabei distanziere ich mich stark von der Politik. Meine Musik ist grenzüberschreitend», sagt sie. Sie habe schon Anfragen erhalten, in China aufzutreten. Irgendwann möchte sie das tun. «Ich bin sicher, dass es nur einen Weg gibt für ein gutes Zusammenleben: den Dialog.»

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