Zu Hause in der Schule

Lior Day geht nicht zur Schule. Der Achtjährige wird von seiner Mutter in den eigenen vier Wänden unterrichtet. Keine Seltenheit in Appenzell Ausserrhoden: Nachdem andere Kantone ihre Gesetze verschärft haben, sind zahlreiche Familien zugezogen.

Johannes Wey
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Lior (l.), Jamie (h.r.) und Lesley Day (v.r.) beim Zeichnen im Arbeitszimmer, wo das Herumtoben verboten ist. (Bilder: Johannes Wey)

Lior (l.), Jamie (h.r.) und Lesley Day (v.r.) beim Zeichnen im Arbeitszimmer, wo das Herumtoben verboten ist. (Bilder: Johannes Wey)

TROGEN. An einem Freitagvormittag sitzen Lior (8 Jahre), Jamie (5 Jahre) und Lesley (3 Jahre) Day um den Tisch in ihrem Arbeitszimmer und zeichnen. Auf Liors Blatt ist eine Schatztruhe zu sehen. Er müsste um diese Zeit eigentlich in der Schule sein. Doch er gehört zu den zurzeit 48 Kindern, die in Appenzell Ausserrhoden von ihren Eltern unterrichtet werden. Fast die Hälfte dieser Kinder ist in den letzten beiden Jahren zugezogen, so im September auch die Familie Day. «Mehrere Gründe gaben den Ausschlag, dass wir nach Trogen gezogen sind», sagt Romy Day, die Mutter der drei Kinder und deren jüngstem Bruder Sky. Der Vater, Claudio Thurneysen Day, hat eine Stelle als Arzt am Kantonsspital St. Gallen angenommen. Ausserdem hegte die Familie schon lange den Wunsch, einst ins Grüne zu ziehen.

Keine künstlichen Gruppen

«Ich sagte mir, wenn ich es mit dem häuslichen Unterricht probieren will, dann jetzt», sagt Romy Day. Der Umzug nach Trogen war auch in dieser Hinsicht naheliegend, da zahlreiche Kantone ihre Regelungen für «Homeschooling», häuslichen Unterricht, in den letzten Jahren verschärft haben. Im Kanton Zürich beispielsweise ist dafür eine Lehrerausbildung nötig.

Bevor die Familie Day nach Trogen umgezogen ist, besuchte Lior die Steiner-Schule in Zürich. «Mittags kam er von der Schule heim, und wir brauchten oft mehrere Stunden, um ihn wieder aufzubauen und ihn die in der Schule erlebten Aggressionen verarbeiten zu lassen», sagt Claudio Thurneysen. «Lior ist sehr sensibel, und als Jüngster in der Klasse hatte er Mühe mit den Piesackereien», sagt Romy Day. Ausserdem war er mit seiner Begabung in Mathematik oft unterfordert. Schulklassen sind für Day ein künstliches Gebilde: «In der Schule werden Kinder ohne gemeinsame Interessen aufgrund von Alter und Wohnort zu Gruppen zusammengewürfelt.»

Die Kinder lernen lassen

Die Erfahrungen, die die Days bis jetzt mit dem häuslichen Unterricht gesammelt haben, sind durchwegs positiv. «Wenn man die Kinder selbst machen lässt, dann lernen sie von sich aus», sagt Romy Day. Auch Liors jüngere Geschwister «schmökern» ab und zu in dessen Schulbüchern – die dreijährige Lesley habe zum Beispiel aus eigenem Antrieb mit dem Erlernen der Buchstaben begonnen.

Wenn Romy Day einen normalen «Schultag» beschreibt, klingt dies sehr ungezwungen: In der Regel ist sie als Erste wach und bereitet das Frühstück vor. Die Kinder werden nicht geweckt, doch in diesem Alter stehen sie von selbst auf. Danach beginnen die Kinder miteinander zu spielen, was meist automatisch ins Lernen übergeht. «Die Grenzen sind da fliessend, denn Kinder lernen <spielend>, im wahrsten Sinne des Wortes. Anregungen muss ich nur selten geben», sagt die gelernte Musiklehrerin. So kann auch ein Waldspaziergang lehrreich sein, wenn die Familie zusammen Pilzsorten bestimmt und die Eindrücke, detailliert bis hin zu den Pilz-Lamellen, in Zeichnungen festhält. Meist zieht sich Lior nach einer Weile von sich aus ins Arbeitszimmer zurück. Dort ist das Herumtoben verboten, und er kann sich mit seinen Lehrmitteln beschäftigen. «Je mehr Selbstverantwortung wir dem Jungen geben, desto eher beschäftigt er sich mit dem Schulstoff», sagt Romy Day. Dass die Mutter Lior dazu nötigen musste, sich hinzusetzen und zu lernen, sei noch nie vorgekommen.

«Kontakte reichen aus»

Kritiker des häuslichen Unterrichts führen als Argument immer wieder die fehlenden sozialen Kontakte an. «In diesem Alter reichen die Kontakte innerhalb der Familie und zu den bisherigen Bekannten aus», ist Claudio Thurneysen Day überzeugt. Seit die Familie nach Trogen gezogen ist, spielen die Kinder öfter miteinander und streiten weniger. «Der Umgang mit Gleichaltrigen wird erst ab der Mittelstufe wichtig, wenn das Rollenverhalten erlernt werden muss.» Für die Days könnte deshalb eine Einschulung zu einem späteren Zeitpunkt durchaus ein Thema werden. «Wir sind keine Systemgegner», stellt Romy Day klar.

Romy Day (r.) mit Sky und Claudio Thurneysen Day.

Romy Day (r.) mit Sky und Claudio Thurneysen Day.