Zu dick zum Arbeiten

Delikate Vorwürfe hat gestern die «Aargauer Zeitung» (AZ) gegen eine Gemeinde im Appenzellerland erhoben. In der Kolumne «Zu dick für unsere Gesellschaft» schreibt der Autor über einen Gemeindearbeiter, der aufgrund seines Übergewichts Probleme mit dem Arbeitgeber hat.

Jesko Calderara
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Unter gewissen Umständen kann Übergewicht ein Kündigungsgrund sein. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Unter gewissen Umständen kann Übergewicht ein Kündigungsgrund sein. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Delikate Vorwürfe hat gestern die «Aargauer Zeitung» (AZ) gegen eine Gemeinde im Appenzellerland erhoben. In der Kolumne «Zu dick für unsere Gesellschaft» schreibt der Autor über einen Gemeindearbeiter, der aufgrund seines Übergewichts Probleme mit dem Arbeitgeber hat. Der Betroffene sei schon dick gewesen, als er, der AZ-Journalist, noch zur Schule ging. Die Gemeinde im Appenzellerland habe seinem Angestellten ein Ultimatum gestellt: Entweder mehr Grünzeug oder der blaue Brief, schreibt der Autor weiter. Der Mitarbeiter sei wegen seiner Körperfülle zu wenig effizient. Arme Gemeinde, wenn diese glaube, in unserer Wohlstandsgesellschaft gebe es keinen Platz für einen dicken Gemeindemitarbeiter, empört sich der Autor.

Sachlicher Grund notwendig

Falls sich der Vorfall tatsächlich so wie in der AZ-Kolumne abgespielt hat, wäre er juristisch heikel. «Entscheidend ist, wie das kantonale oder im erwähnten Beispiel das kommunale Recht eine Entlassung regelt», sagt Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen. Im öffentlichen Recht dürfe eine Kündigung aber nicht willkürlich sein. Es brauche im Gegensatz zu einer privatrechtlichen Anstellung einen sachlichen Grund, sagt Geiser. «Ein solcher ist Übergewicht aber nur dann, wenn das Gewicht für die Ausübung der Arbeit wesentlich ist.» Laut dem HSG-Professor darf ein Arbeitgeber einen Mitarbeitenden nicht zwingen abzunehmen. «Dies macht er auch nicht, wenn er ihn entlässt.»

Eventuell Entschädigung fällig

Anders als dem übergewichtigen Gemeindemitarbeiter würde es in der gleichen Situation einem Angestellten der Privatwirtschaft ergehen. Im Privatrecht brauche es keinen besonderen Anlass, um eine gültige Kündigung auszusprechen, sagt Thomas Geiser. «Sie kann dann höchstens missbräuchlich sein.» Dies führe aber nur zu einer Entschädigungszahlung von maximal sechs Monatslöhnen. Das Körpergewicht als Kündigungsgrund mache eine Entlassung nicht ungültig, sondern höchstens rechtsmissbräuchlich, erläutert Geiser. «Ausser sie steht im Zusammenhang mit dem Arbeitsverhältnis oder beeinträchtigt wesentlich die Zusammenarbeit im Betrieb.» Welche Gemeinde im Appenzellerland so unzimperlich mit ihren Angestellten umspringt, erwähnt der Autor in der Kolumne der «Aargauer Zeitung» nicht. Der frühere «Blick»-Journalist hat jedoch Appenzeller Wurzeln und ist in Herisau aufgewachsen.

Kein solcher Fall in Herisau

Bei der dortigen Gemeindeverwaltung winkt man allerdings ab. «Mir ist kein solcher Vorfall bekannt», sagt Gemeindeschreiber Thomas Baumgartner als Leiter des Personaldienstes. Er hoffe persönlich, dass dies auch in der Vergangenheit so war. Die Gemeinde Herisau beschäftigt mehr als 200 Mitarbeitende. Dass über Arbeitseffizienz geredet werde, sei für ihn selbstverständlich, sagt Baumgartner. «Eine ultimative Verknüpfung mit einem Persönlichkeitsmerkmal wie dem Körpergewicht ist für mich jedoch befremdend.» Er wolle allerdings niemanden verurteilen, ohne den Verlauf vollständig zu kennen.

Überraschende Wende

Eine teilweise Aufklärung in der Angelegenheit «Dicker Gemeindearbeiter im Appenzellerland» bringt ein Anruf bei der Redaktion der «Aargauer Zeitung». Ja, der Fall habe sich wirklich so wie im Artikel geschildert abgespielt, bestätigt der Autor. Den Namen des betreffenden Gemeindearbeiters müsse er aus Persönlichkeitsgründen geheim halten. Nicht mal jener der betreffenden Gemeinde ist ihm zu entlocken. Sie liege allerdings ausserhalb des Einzugsgebietes der Appenzeller Zeitung, sagt der AZ-Journalist.

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