Zentrales Anliegen Zivilcourage

WATTWIL. Statt wie gewohnt der Kultur widmete sich die Vortrags- und Lesegesellschaft Toggenburg einem sensiblen Bereich im medizinischen Umfeld. «Gewalt in Pflegebeziehungen» gilt als Tabuthema.

Adi Lippuner
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Gewalt in Pflegebeziehungen sachlich diskutieren: Andrea Hornstein, Spitex St. Gallen-Ost; Christoph Abderhalden, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern; Hansjörg Fehle, Präsident Vortrags- und Lesegesellschaft Toggenburg; Anja Bremi, Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, und Rolf Hügli, Leiter Wohnheim Schönbühl, Teufen (von links). (Bild: Adi Lippuner)

Gewalt in Pflegebeziehungen sachlich diskutieren: Andrea Hornstein, Spitex St. Gallen-Ost; Christoph Abderhalden, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern; Hansjörg Fehle, Präsident Vortrags- und Lesegesellschaft Toggenburg; Anja Bremi, Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, und Rolf Hügli, Leiter Wohnheim Schönbühl, Teufen (von links). (Bild: Adi Lippuner)

Wattwil. Geht es um Gewalt in Pflegebeziehungen, sind Unverständnis und Wegschauen bei vielen die erste Reaktion. Am Mittwochabend zeigten sowohl der Hauptreferent, Christoph Abderhalden, Direktor Pflege und Pädagogik, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, als auch die Teilnehmer der Podiumsdiskussion, Anja Bremi, Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, Rolf Hügli, Leiter Wohnheim Schönbühl, Teufen, und Andrea Hornstein, Pflegefachfrau und Dienstleiterin Spitex St. Gallen-Ost, dass Hinschauen und Zivilcourage zentrale Anliegen sind.

Sachlich angehen

Für Hansjörg Fehle, Präsident der Vortrags- und Lesegesellschaft, war es eine gute Basis, «dass das Thema ohne Bezug zu öffentlich gewordenen Vorkommnissen aus der Region besprochen werden kann». So sei es möglich, das Ganze sachlich anzugehen. Wie komplex die Thematik ist, wurde im Referat von Christoph Abderhalden deutlich. «Gewalt ist weltweit das grösste Gesundheitsproblem. Im Pflegebereich kommt es nicht nur zu Gewalt von Pflegenden gegenüber Patienten, auch das Pflegepersonal ist Angriffen ausgesetzt.» Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzte, dass zwischen vier und sechs Prozent von Betreuten Gewalt erleiden. Oft sei Überforderung, fehlendes Fachwissen, aber auch Zeitdruck ein Grund. Abderhalden nimmt auch die Gesellschaft, welche zunehmend Gewalt toleriert und wegschaut, in die Verantwortung: «Das Thema tritt aus dem Tabubereich heraus, der Tag des misshandelten alten Menschen am 15. Juni ist ein wichtiges Signal.»

Vielschichtige Erfahrungen

Anja Bremi gilt bei diesem Thema als Pionierin. Engagiert setzt sich die Pflegefachfrau für Betroffene ein und erarbeitet Merkblätter für Fachleute und Laien. Ihre Botschaft: «Hinschauen und eine gute Fehlerkultur entwickeln.»

In welch schwierigem Umfeld sich die Mitarbeiterinnen der Spitex bewegen, erläuterte Andrea Hornstein. «Wir sind Gast im Umfeld der Patienten und müssen trotzdem immer wieder Wege finden, um heikle Themen anzusprechen.» Für Rolf Hügli ist Überforderung eine der häufigsten Ursachen für Gewalt. Zudem sei der Eintritt in eine Institution für Betroffene und Angehörige ein schwieriger Schritt.

In der Diskussion wurden vor allem das fehlende Geld und der Zeitmangel angesprochen. Bereits ganz kleine Massnahmen, wie das Anklopfen vor dem Betreten eines Zimmers, könne das Klima verbessern, so ein Votum. Auch rechtzeitig Hilfe holen sowie der professionelle Umgang bei Fehlern und das Schaffen einer Anlaufstelle waren weitere Anliegen. Angesprochen wurden auch Veränderungen, welche sich durch den Zuzug ausländischer Fachkräfte ergeben. Während dies die einen als Bereicherung sehen, ist es für andere ein Problem. «Aufklärung wird seit Neuestem mit Hilfe von Comics betrieben, damit alle wissen, wie Patienten zu behandeln sind,» erklärte Anja Bremi.

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