Zahl der Gemeindepräsidentinnen wächst

Seit bald 270 Jahren besteht der Kanton Appenzell Ausserrhoden aus 20 Gemeinden.

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Erich Niederer 16 Jahre Leiter des Regionalstudios Ostschweiz von Radio DRS, danach fünf Jahre Ausserrhoder Ratschreiber (Bild: pd)

Erich Niederer 16 Jahre Leiter des Regionalstudios Ostschweiz von Radio DRS, danach fünf Jahre Ausserrhoder Ratschreiber (Bild: pd)

Seit bald 270 Jahren besteht der Kanton Appenzell Ausserrhoden aus 20 Gemeinden. Während langer Zeit waren die Strukturen ähnlich geblieben: Ein vielköpfiges, aus Männern bestehendes Gremium bildete den Gemeinderat, der sich unter Leitung eines nebenamtlichen Gemeindehauptmanns mehr oder weniger regelmässig traf und die Geschäfte der Gemeinde regelte. Dem Gemeinderat zur Seite stand der vom Volk gewählte Gemeindeschreiber, meist einziger vollamtlicher Gemeindeangestellter, oft Autorität für viele Belange, Anlaufstelle für rechtliche Fragen, moralische Instanz, Grundbuchverwalter, Notar, Leiter Zivilstandsamt und Einwohnerkontrolle.

Zu Beginn der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts zählten die 20 Gemeinderäte insgesamt 172 Mitglieder. Ein Gemeinderat bestand also im Durchschnitt aus knapp neun Personen. Und obwohl bereits 1972 das kommunale Stimm- und Wahlrecht für Frauen eingeführt worden war, waren vier Fünftel der Gemeinderäte Männer und nur ein Fünftel Frauen. Nur der Gemeinde Bühler stand eine Frau als Gemeindehauptmann vor und nur in einer Gemeinde, nämlich Schwellbrunn, war eine Frau Gemeindeschreiberin.

Vorsitz wird zum Vollamt

Seither haben diese Strukturen einige Veränderungen erfahren. Die Gemeinderäte von heute sind kleiner und haben im Durchschnitt nur noch gut sieben Mitglieder. Weiterhin gilt das Nebenamt. Der Vorsitz hingegen ist zu einem Hauptamt, in den grössten Gemeinden zu einem Vollamt geworden. Von den 144 Ausserrhoder Gemeinderäten sind zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Jeder vierten Gemeinde steht heute eine Frau als Gemeindepräsidentin vor.

In 40 Prozent aller Gemeinden wirken Gemeindeschreiberinnen, und nur noch jede fünfte Gemeinde wählt ihren Schreiber durch das Volk. In den letzten 20 Jahren sind die Ausserrhoder Gemeinderäte also kleiner und weiblicher geworden, aber immer noch relativ gross und relativ männlich.

Die grossen Änderungen in dieser Zeit aber gab es in der Erbringung öffentlicher Aufgaben. Was früher jede einzelne Gemeinde selber leistete, wird heute von Zweckverbänden, Korporationen, in der Region oder vom Kanton erbracht (Wasserversorgung, Forst, Feuerwehr, Betreibungsamt, Konkursamt, Zivilstandsamt, Sozialberatung, Vermittlung usw.).

Kommunale Aufgaben und Kompetenzen wurden freiwillig oder verordnet von den Gemeinden delegiert. Die Gründe dafür waren die Komplexität der Aufgaben sowie die notwendige Spezialisierung und Professionalisierung.

Grosse Umwälzung folgt noch

Zieht man allerdings die Veränderungen in den umliegenden Kantonen, den gewaltigen Strukturwandel und die Gemeindefusionen in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Glarus, die Reformen und die jüngste Initiative zur Kantonalisierung der fünf Bezirke des Inneren Landes von Innerrhoden in Betracht, so kann der Schluss gezogen werden, dass in Appenzell Ausserrhoden die grosse Umwälzung erst noch ansteht.

Jahrelang hatte sich der Ausserrhoder Regierungsrat zu all diesen Fragen passiv verhalten und erst im neusten Regierungsprogramm (2016–2019) das Thema «Strukturen von Kanton und Gemeinden» zu einem von drei Schwerpunkten gemacht. Seit Sommer 2014 fördert eine Interessengemeinschaft Starkes Ausserrhoden mit Veranstaltungen und Umfragen die öffentliche Diskussion über Aufbau und Organisation von Kanton und Gemeinden, weil sie überzeugt ist, dass sich «Ausserrhoden räumlich-geographisch und auch politisch verändern muss». Die Forderung: Die «Gemeindestrukturen müssen angepasst werden», damit auch in Zukunft «die Kirche im Dorf» bleibt.