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WOLFHALDEN: Auf der Suche nach dem Zauberwort

Der Chor Wald trat mit einer Collage aus Sprache und Musik in der Kirche Wolfhalden auf – nach einem Vortrag der muslimischen Journalistin Kübra Gümüsay.
Kübra Gümüsay im Gespräch mit Pfarrer Andreas Ennulat, dem Initianten der musikalisch-sprachlichen Reflexion. (Bild: SRI)

Kübra Gümüsay im Gespräch mit Pfarrer Andreas Ennulat, dem Initianten der musikalisch-sprachlichen Reflexion. (Bild: SRI)

Der lang anhaltende Applaus und die strahlenden Gesichter im Publikum zeigten es: in der Kirche Wolfhalden hat man am letzten Sonntag mit dem Chor Wald und der Hamburger Journalistin Kübra Gümüsay eine sprachliche und musikalische Sternstunde erlebt. Alles drehte sich um ein schwer zu fassendes Thema: um gegenseitiges Verstehen und Missverstehen, um die Frage, wie sich religiöse Empfindungen ausdrücken lassen. Im Zentrum stand ein Satz des Widerstandstheologen Dietrich Bonhoeffer, der unter dem Eindruck der Nazi-Herrschaft zur Überzeugung gelangt war, dass die früheren Worte kraftlos werden und verstummen: «Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden verkündigt.»

Aber der Reihe nach: Zunächst sprach Kübra Gümüsay, knapp 30 Jahre alt, Journalistin, Feministin, Muslima. Auch sie war zunächst verstummt beim Versuch, anderen ihre intimsten religiösen Gefühle mitzuteilen. Da sie mehrere Sprachen spricht, weiss sie, dass manche Wörter sich nur unzureichend übersetzen lassen. So kennt das Türkische ein Wort für die Reflexion des Mondlichts auf dem dunklen Meer: «Yakomoz». Das starke Leuchten habe sie selbst erst wahrnehmen können, als ihre Tante sie das Wort lehrte. Vorher habe sie nur die Dunkelheit des Meeres gesehen. Oder das türkische Wort «Gurbet» für Ausland oder Fremde, das auch ihre Sehnsucht nach der Familie und nach Hamburg ausdrückte, als sie alleine in Oxford lebte. Sprache, glaubt Gümüsay, lenke unsere Kommunikation und erzeuge die Wirklichkeit, die wir wahrnähmen. Die junge Frau erfährt selbst immer wieder, wie mit sprachlichen Zuschreibungen – Mensch mit Migrationshintergrund, Deutschtürkin, Muslimin, Kopftuchträgerin – ihr Facettenreichtum, ihre Menschlichkeit auf eine einzige Erfahrungsebene reduziert werde. Das Kopftuch gehöre selbstverständlich zu ihr wie viele andere Dinge: «Aber auf kein anderes Attribut werde ich derart reduziert wie auf das Kopftuch.» Und assoziiert würden zu diesem Stück Stoff Begriffe wie ungebildet, dumm, unterdrückt, irregeleitet. Ermüdend und nervig sei das für sie.

Sprache kann die Welt zum Gefängnis machen

Gümüsay versuchte nicht, dem Publikum zu erklären, weshalb sie das Kopftuch trage. In säkularer Sprache könne das fast nicht gelingen. Zudem gebe es nicht nur einen rationalen Grund, weshalb einige muslimische Frauen ein Kopftuch tragen, sondern Millionen Gründe: «Doch im Erklären reduzieren wir diese vielfältige Erfahrungswelt. Wir reduzieren die vielen spirituellen Beweggründe, wir versuchen, sie zu rationalisieren.» Allerdings versuche sie nun, wieder zur Sprache zu finden, Worte für ihre Erfahrungen zu finden: «Nicht um sie anderen zu erklären, sondern um mich auszudrücken. Nicht um verstanden zu werden, sondern um zu existieren.» Dieser Versuch, eine neue Sprache zu finden, könne Menschen überwältigen, schilderte Gümüsay. Und im zweiten Teil der Veranstaltung, in der musikalischen Collage für Chor, Instrumentalensemble und Sprecher, zeigte es sich, dass Musik und Poesie dort weiterhelfen, wo die rationale Sprache versagt: «Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.» Jürg Surbers Neuvertonung von Eichendorfs berühmtem Gedicht erlebte in der Kirche eine Uraufführung. «Ja, Sprache kann die Welt zu einem Gefängnis machen, aber auch unendlich weit», hatte Gümüsay gesagt. Und die neue Sprache, zu der sie gefunden habe, sei diese: «Das Sprechen zu Menschen, die mich nicht dazu drängen, mich verständlich zu machen, sondern das Sprechen zu Menschen, die meine Gedanken durch ihre Perspektive ergänzten.»

Hanspeter Spörri

redaktion@appenzellerzeitung.ch

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